Rudersberg

"Akzeptanz nimmt ab": Rudersbergs Ortspolizist Thomas Keller geht in Ruhestand

Thomas Keller
Wird auch weiterhin in Rudersberg präsent sein: Thomas Keller. © Benjamin Büttner

Nach 18 Jahren auf der Dienststelle dürfte es wohl kaum einen Rudersberger geben, dem Thomas Keller noch nicht begegnet ist. Seit 2004 war der gebürtige Stuttgarter Gesicht und Herz der Polizei im Wieslauftal. Doch damit ist nun Schluss. Denn nach knapp 43 Jahren im Polizeidienst geht der 61-Jährige nun in den Ruhestand.

Dabei hätte er nach Dienstjahren bereits zum Jahresanfang den Polizeiposten verlassen können. „Ich habe aber freiwillig verlängert, denn ich hatte immer Spaß an dem Beruf gehabt“, sagt Keller, der im Dezember noch Urlaub und Überstunden abbaut. Dienstwaffe und Uniform musste er bereits abgeben. Deshalb erscheint er zum Termin in seinem ausgeräumten Büro in Freizeitkleidung. Wer ihm als Ortspolizist nachfolgen wird, steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest, „die Ausschreibung läuft noch“. Unbesetzt ist der Polizeiposten aber keineswegs, zwei weitere Kollegen leisten dort weiterhin ihren Dienst.

Von der Großstadt ins Wieslauftal: Kellers berufliche Stationen

Aufgewachsen ist der stets gut gelaunte und bescheidene Thomas Keller im Fasanenhof, einem von Hochhäusern geprägten südlichen Stadtteil von Stuttgart – und zwar in keinem Polizistenhaushalt. Nach der Schule stand er dann vor der Entscheidung: Werde ich Polizist oder Industriekaufmann? Er hätte damals auch eine Zusage bei Mahle gehabt, ging aber letztlich zur Polizei, berichtet er, denn „das hat mich immer interessiert“. Außerdem sei der Job „abwechslungsreich, ich habe viel mit Menschen zu tun und sitze nicht nur im Büro“.

Im Jahr 1980 begann er auf dem Göppinger Revier seine Polizei-Ausbildung, wechselte nach dem Abschluss Richtung Neuhausen auf den Fildern in den Streifendienst und schließlich auf den Großposten Leinfelden-Echterdingen.

Vom Streifendienst zog es Thomas Keller dann aber Anfang der Neunziger in die Öffentlichkeitsarbeit. Zunächst arbeitete er viele Jahre in Esslingen, wo er für Pressearbeit und Nachwuchsgewinnung zuständig war. In dieser Zeit verfasste er Mitteilungen und Broschüren, war aber auch für die Betreuung von Jungpolizisten verantwortlich und führte so manche Schülerin und manchen Schüler bei Praktika in die Arbeitswelt der Polizei ein. Im Jahr 2001 wechselte er in gleicher Funktion nach Waiblingen, wo er unter anderem mit Klaus Hinderer die Pressearbeit koordinierte.

Seit 2004 auf dem Rudersberger Posten: Wie es dazu kam

Doch weshalb kam 2004 dann der Wechsel nach Rudersberg? Dafür sprachen damals gleich mehrere Gründe. Zunächst war Keller zu diesem Zeitpunkt bereits seit neun Jahren Rudersberger. Ein Schritt, den er übrigens keine Sekunde bereut hat. Nicht nur, weil er nicht mehr pendeln musste seitdem, er wohnt gerade mal 200 Meter vom Posten weg. Sondern auch, weil der aus dem eher anonymen Stuttgart kommende Polizeihauptkommissar hier vom ersten Tag an „Herzlichkeit, Anteilnahme und nachbarschaftliches Verständnis“ erlebte.

Vor allem aber reizte es ihn, hier auf der Leitungsstelle im Wieslauftal endlich sein eigener Herr sein zu können. Ein halbes Jahr war der Posten, den zuvor der inzwischen verstorbene Manfred Pokorny leitete, unbesetzt. Thomas Keller erfüllte ihn fortan mit neuem Leben. Auch wenn er in den 18 Jahren wohl mehr Zeit hinterm Schreibtisch verbrachte, als ihm lieb war.

Wie sich Kriminalität verändert 

In den 18 Jahren als Ortspolizist haben sich die Formen von Kriminalität ziemlich gewandelt. Vor allem ein Delikt hat laut Keller zuletzt stark zugenommen: die Internetkriminalität. Immer häufiger sind auf seinem Tisch etwa Fälle gelandet, bei denen vermeintliche Kinder oder Enkel über den Messengerdienst Whatsapp nach Geld verlangten. Aber auch Betrügereien bei Online-Käufen kommen häufiger vor, berichtet er. So würden zum Beispiel Waren im Internet bestellt, das Geld landet dann aber auf einem Konto, das schnell wieder aufgelöst wird – und der Kunde bleibt ohne Ware zurück. „Solange es keine deutsche Kontonummer ist, sind unsere Möglichkeiten dann sehr begrenzt.“

Zerstochene Reifen und ein Waffenarsenal 

Keller erinnert sich im Gespräch auch an manche aufsehenerregende Fälle. Etwa eine Sachbeschädigungsserie in Oberndorf, bei der ein Anwohner insgesamt rund 30 kaputte Autoreifen zu beklagen hatte. „Den Täter haben wir nie gefunden“, sagt der 61-Jährige. „Der letzte Nachweis hat gefehlt.“ Als einer der Verdächtigen dann wegzog, brach die Serie aber plötzlich ab.

Nie aufgeklärt wurde auch die Serie an Sachbeschädigungen, bei der vor knapp drei Jahren Steine auf Heckscheiben geworfen wurden, vermutlich aus einem fahrenden Auto heraus. Mehrere Tausend Euro Sachschaden sindd dabei entstanden. Die Polizei hat viel für die Aufklärung der Fälle getan, dafür die Steine auf DNA-Spuren untersucht und eine Videoüberwachung veranlasst. Der Täter wurde nie gefasst – „doch mit einem Schlag war das Thema erledigt“. Es könne gut sein, dass man im Rahmen der Ermittlungen die richtige Person angesprochen habe, mutmaßt Keller.

Dass es sich lohnt, jedem Verdacht nachzugehen: Diese Erfahrung hat Keller immer wieder gemacht. Bei einem Fall etwa hatte ein Rudersberger berichtet, dass er bedroht werde. Ein Mann habe ihm eine Waffe gezeigt. Die Polizei erwirkte einen Untersuchungsbeschluss – und entdeckte ein ganzes Arsenal an Lang- und Kurzwaffen bei dem Verdächtigen, die dieser allesamt illegal erworben hatte. „Wir brauchten einen ganzen VW-Bus, um die wegzubringen“, berichtet Keller. „Es war gut, dass wir das bis zum Ende durchgezogen haben.“

Nicht immer hat die Polizeiarbeit Erfolg

Manche Namen tauchen aber immer wieder in der Polizeiarbeit auf – ohne dass sich etwas an der Situation ändert. Fälle von häuslicher Gewalt, bei denen der Polizeihauptkommissar mit einer gewissen Resignation in der Stimme sagen muss: „Man kennt die Namen“.

Zwei weitere Dinge hätten sich in der Polizeiarbeit in den letzten Jahren noch verändert. „Immer häufiger haben wir es mit psychisch Kranken zu tun“, das erfordere eine besondere Sensibilität. Und: „Die Leute geben sich nicht mehr so leicht zufrieden.“ Soll heißen: „Die Akzeptanz nimmt ab“, etwa bei Ordnungswidrigkeiten, die früher meist anstandslos bezahlt wurden. „Heute hat jeder einen Anwalt.“

Und dennoch: Als Ortspolizist genieße man nach wie vor einen gewissen Respekt im Ort. „Gerade ältere Bürger sind froh, wenn sie bei der Polizei anrufen und einen kompetenten Ansprechpartner haben.“ Viele kämen auch einfach vorbei und suchten einen Rat. „Das Vertrauensverhältnis ist da“, stellt Thomas Keller fest.

Was Thomas Keller im Ruhestand noch vorhat

Der freut sich nun vor allem auf seinen verdienten Ruhestand. Hat er doch jetzt mehr Zeit für seinen orangefarbenen VW Käfer aus den Sechzigern, seinen Mischlingshund, für Spaziergänge im Wieslauftal und anderswo. Außerdem will er sich im Sportstudio anmelden, um fit zu bleiben.

Der 61-Jährige wird zudem auch öffentlich weiter im Ort präsent sein: als Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Gemeinderat. In anderthalb Jahren stehen die nächsten Wahlen an. Und Thomas Keller macht nicht den Eindruck, dass er von der Kommunalpolitik schon genug hat.

Nach 18 Jahren auf der Dienststelle dürfte es wohl kaum einen Rudersberger geben, dem Thomas Keller noch nicht begegnet ist. Seit 2004 war der gebürtige Stuttgarter Gesicht und Herz der Polizei im Wieslauftal. Doch damit ist nun Schluss. Denn nach knapp 43 Jahren im Polizeidienst geht der 61-Jährige nun in den Ruhestand.

Dabei hätte er nach Dienstjahren bereits zum Jahresanfang den Polizeiposten verlassen können. „Ich habe aber freiwillig verlängert, denn ich hatte immer Spaß an dem

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