Rudersberg

Alter Atom-Bunker unter Rudersberger Schulzentrum wird Ort für Kunst und Kultur

Schulbunker
Sie freuen sich auf den Start des Projektes: Werner HInderer, Bürgermeister Raimon Ahrens, Ines Ebertz und Elke Knörzele (v. l. n. r.) © Gaby Schneider

Der alte Rudersberger Bunker, er zeugt noch heute von der tiefen Angst vor nuklearen, biologischen und chemischen Waffen. Als Hilfskrankenhaus hatte die Bundesregierung ihn zur Zeit des Kalten Krieges in die Tiefe graben, Stahlbeton hinunterwuchten lassen, um dort einen sicheren Platz zu schaffen, der Verwundete vor Strahlung schützen könnte. Weit entfernt vom Stuttgarter Zentrum, das nach damaliger Wahrscheinlichkeitsrechnung am ehesten von einem Atomangriff getroffen worden wäre.

In Deutschland gibt’s nur noch fünf solcher Bunker

Am Ende steiler Treppen, tief unter der Erde, gesichert mit dicken Wänden und schweren Türen, umfasst der alte Bunker weit verzweigt in verschiedenen Räumen runQuadratmeter. 220 solcher Bunker wurden in den 60er Jahren in Deutschland angelegt. Fünf sind derzeit noch erhalten, einer davon unterhalb des Rudersberger Schulzentrums. Mit der Auflösung der Hilfskrankenhäuser in den 90ern wurden sie in die Obhut der jeweiligen Kommune übertragen. Seither wird in dem Rudersberger Bunker allerhand gelagert. Die Schule, die Gemeinde und Kindergärten können hier unterbringen, was sonst keinen Platz findet. Ein kleines Blockheizkraftwerk des Schulzentrums hat in einem Eck seinen Platz bekommen. Nun soll hier Neues entstehen. Zumindest in einem Teil der Anlage.

Lange schon hatte der Rudersberger Werner Hinderer mit der Idee einer Veranstaltungslocation in dem ungenutzten Bunker geliebäugelt. Schon immer hatte ihn dieser Ort fasziniert. Er, der selbst als Schüler oberhalb der Anlage im Unterricht saß, kennt alle Legenden, die sich um ihn ranken. Der hinter dem Bunker liegende Berg könnte völlig von geheimen Gängen und Räumen unterwandert sein, mutmaßte man in der Bevölkerung. Immer wieder gab es geheime Lieferungen durch die Bundeswehr, versteckt unter Tarnnetzen. Was dahinter geschah, sah keiner. Aber es stachelte die Fantasie der Rudersberger über Jahrzehnte hinweg an.

Originalschauplatz wird Bühne

Als Hinderer schließlich mit Elke Knötzele darüber ins Gespräch kam und sie zeitgleich von der Förderlinie „Freiräume“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg erfahren hatte, nahm das Projekt Fahrt auf. Knötzele kniete sich hinein, setzte eine Konzeption auf, gemeinsam fanden sie weitere Mitstreiter. Und jetzt kam tatsächlich die Förderzusage des Ministeriums. All die Arbeit hat sich gelohnt. 80 000 Euro Fördergelder gibt es. Nun dürfen sie auch öffentlich die Katze aus dem Sack lassen und drüber reden: Der Originalschauplatz soll als sogenannter „Dritter Ort“ zugänglich gemacht werden.

Altes Hilfskrankenhaus soll reanimiert werden

Das Besondere dieser Schauplätze? „Es sind Orte, an denen bisher noch nie Kunst und Kultur stattgefunden hat“, erklärt Elke Knötzele. Das Team, das sich als „Kulturinitiative Bunker“ zusammengefunden hat, das alte Hilfskrankenhaus zu reanimieren, ist dagegen quasi zu Hause in Kunst und Kultur: Musikerin Elke Knötzele, Werner Hinderer, seines Zeichens Metzgermeister und Kenner der Rudersberger Legenden rund um den Bunker, Kunsthistorikerin Ines Ebertz sowie die Kabarettistin Gesa Weik und ihr Mann Thomas Weik, sie stecken voller Ideen.

Bürgermeister Raimon Ahrens lobte dann auch im Rahmen der jüngsten Gemeinderatssitzung das „außergewöhnlich große Engagement“, das die Beteiligten schon zu diesem frühen Zeitpunkt ins Projekt investiert haben. Und vom Gremium gab’s sogar einen kurzen Szenenapplaus: Begeisterung zeigte sich für das Projekt, das der Gemeinde ein hochwertiges Alleinstellungsmerkmal verschafft.

Bühne für Kabarett, Musik und Kunst

Pläne, was alles unter Tage – man will nur die Hälfte des Bunkers nutzen – stattfinden könnte, gibt es schon reichlich: Kabarett, Konzerte und Lesungen könnten die Räume füllen. Zeitlich befristete Ausstellungen zeitgenössischer Kunst könnten hier Platz finden, Kooperationen mit der Schule (die Fachschaft Geschichte am Schulzentrum ist schon jetzt begeistert) bieten sich an. Zeitzeugen sollen zu Wort kommen, Ausstellungsstücke werden gesucht. Die Schwäbische Waldbahn hält quasi vor der Tür, das Landratsamt hat schon bezüglich aktiver Kooperationen angefragt. Zudem sollen Gruppen den Raum zum Austausch mieten können. Vieles ist denkbar. Rund 45 bis 50 Gäste sollen Platz finden können – unter Nicht-Corona-Bedingungen.

1000 Euro Spendengelder fehlen noch

Dazu ist eine Dauerausstellung zum Thema „Bunker“ geplant sowie ein Wettbewerb, dessen Ergebnis ein „Bunker“-Theaterstück sein soll, das fortan nur an diesem einen besonderen Ort aufgeführt werden soll. Ein Großteil der Fördergelder des Landes soll für die kulturelle Arbeit verwendet werden. Lediglich 20 000 Euro sind für Baumaßnahmen und Sachkosten vorgesehen. Dass das ausreichen wird, davon ist man überzeugt. Ein Rudersberger Gutachter hat bereits seine Kooperation zum Sonderpreis zugesagt. Aus zwei kleineren Räumen soll ein größerer von rund 60 Quadratmetern werden, ein weiterer Raum soll für schulische Zwecke genutzt werden.

Da die Anlage einst für eine Notsituation gebaut wurde, gebe es glücklicherweise den ein oder anderen Fluchtweg, so Ahrens. Auch Parkplätze sind dank der Schule auf dem gleichen Gelände ausreichend vorhanden. 9000 Euro an Sponsorengeldern (der Freunde und Förderer des Schulzentrums, der Firma Weru und eines privaten Spenders) sind außerdem längst zugesagt. Und in seiner jüngsten Sitzung hat der Rudersberger Gemeinderat beschlossen, weitere 10 000 Euro obendrauf zu legen. Fehlen nur noch 1000 Euro an Sponsorengeldern, um das angepeilte Projektvolumen von 100 000 Euro zu erreichen. Weitere Fördergelder in Höhe von rund 15 000 Euro sindzugesagt für die technische Ausstattung einer kleinen Bühne mit Lichttechnik und Akustik.

Erstmal aufräumen

Losgehen soll es nun schon in diesem Frühjahr. Immerhin muss das Projekt bis Ende 2022 fertig umgesetzt sein, so steht’s in den Förderrichtlinien des Ministeriums. Wenn die Nutzungsänderung beim Landratsamt durch ist, können es die Projektinitiatoren gemeinsam mit Hausmeistern und dem Bauhof in Angriff nehmen, all das überflüssige Gerümpel aus den benötigten Bunkerteilen zu räumen. Da stehen alte Tafeln, ausrangierte Jalousien, Tageslichtprojektoren und Tische aus verschiedenen Jahrzehnten. „Teilweise kann man maximal die Tür öffnen und den Lichtschalter anknipsen“, berichtet Elke Knötzele.

Der alte Rudersberger Bunker, er zeugt noch heute von der tiefen Angst vor nuklearen, biologischen und chemischen Waffen. Als Hilfskrankenhaus hatte die Bundesregierung ihn zur Zeit des Kalten Krieges in die Tiefe graben, Stahlbeton hinunterwuchten lassen, um dort einen sicheren Platz zu schaffen, der Verwundete vor Strahlung schützen könnte. Weit entfernt vom Stuttgarter Zentrum, das nach damaliger Wahrscheinlichkeitsrechnung am ehesten von einem Atomangriff getroffen worden

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper