Rudersberg

August-Lämmle-Schule: Ortschaftsrat in Steinenberg will neuen Namen

Diskussion Umbennung Schule
Ortsvorsteher Wilfried Hägele und Bürgermeister Raimon Ahrens (rechts) sprechen sich für eine Namensänderung der Schule aus. © Benjamin Büttner

So viele Besucher wie am Mittwochabend hat der Steinenberger Ortschaftsrat wohl selten gesehen. Fast alle für die Bürger reservierten Plätze in der Mehrzweckhalle waren belegt, was Ortsvorsteher Wilfried Hägele als positives Zeichen wertete. „Ich finde es hervorragend, dass hier heute so viele Zuhörer sitzen. Das zeigt mir sehr, sehr deutlich, wie wichtig den Bürgern die Einrichtungen im Ort sind.“

Gekommen waren die meisten wegen der Diskussion über die Grundschule am Ort. Die trägt seit 1951 den Namen des Heimatdichters und Volkskundlers August Lämmle, der vor mehr als hundert Jahren selbst einmal Lehrer in Steinenberg war. Neueste Forschungsergebnisse haben jedoch ergeben, dass Lämmle sich im Dritten Reich wiederholt, sehr deutlich und ohne Not als Hitler-Verehrer geäußert hat.

In seinen Schriften bezeichnete ihn unter anderem als „den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen“ und als „Marschall Vorwärts, wie ihn die Weltgeschichte nicht kennt“. Auch äußerte sich Lämmle zustimmend zur Rassenpolitik der Nationalsozialisten und „die Beseitigung der Fremdstämmigen aus der Führung des deutschen Volkes und Staates“. Vom Kultusministerium gab es deshalb Ende 2020 eine Empfehlung, ihn nicht mehr als Namensträger für Schulen zu verwenden.

Kritische Stimmen aus der Bürgerschaft

In den sozialen Medien führte das Thema in den letzten Wochen zu teils recht hitzigen Diskussionen. In der Steinenberg-Gruppe gab es dazu auch eine Abstimmung, bei der sich rund 90 Prozent der knapp 200 Teilnehmer für die Beibehaltung des Namens aussprachen.

Bei der Sitzung des Ortschaftsrats meldeten sich dann auch Bürger zu Wort, die ihren Unmut über die geplante Namensänderung kundtaten. Ein Mann fragte: „Wollen wir jemand, der würdig war, so lange den Schulnamen zu tragen, einfach wegwischen? Haben wir keine anderen Probleme? Wird die Bildung durch den neuen Namen besser? Was kostet das? Wäre das Geld nicht sinnvoller investiert in Digitalisierung? Hat jemand, der die Schule besucht hat, durch den Namen Schaden getragen? Und wäre es nicht besser, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, als sie zu tilgen?“

Ein weiterer Steinenberger merkte kritisch an, dass viele Größen, von Hans-Dietrich Genscher bis Richard von Weizsäcker, Mitglied der NSDAP gewesen seien. „Warum müssen wir jetzt unseren Heimatdichter, der sehr viel geleistet hat, tilgen? Warum können wir diesen Namen nicht in Ehren behalten oder zumindest als Mahnung nehmen, dass so etwas nie wieder passieren darf?

Dass August Lämmle Mitglied der Partei war, sei gar nicht das Thema, antwortete Ortsvorsteher Wilfried Hägele. „Das geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.“ Thema sei vielmehr das Verhalten Lämmles in der Zeit des Dritten Reiches. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage blockiere die Verwaltung in keiner Weise, „bei mir bleibt nichts liegen“. Auch die möglichen Kosten für eine Umbenennung seien nicht allzu groß.

Bereits im Jahre 1998 über den Namen der Schule diskutiert

Anlass, sich mit August Lämmle zu beschäftigen, habe es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Zuletzt habe man 1998 über den Namen diskutiert. Damals habe sich eine Mehrheit für den Erhalt ausgesprochen. Nach den neusten Erkenntnissen durch das Gutachten des Historikers Dr. Peter Pogundke sei es aber nun so, dass die Namensgebung als „sehr schwierig“ einzustufen sei. Hägele betonte, dass er der Schule sehr verbunden sei, lange Jahre auch Vorsitzender des Elternbeirats war und Schaden von ihr abwenden wolle. „Ich spreche mich daher für einen neuen Namen aus, den die Schule gemeinsam mit dem Elternbeirat erarbeiten soll.“

Auch Ortschaftsrat Jürgen Körner sprach sich dafür aus. Er erinnerte daran, dass die meisten im Raum wie er selbst diese Schule besucht haben. Der Name sei ihm aber nicht so wichtig gewesen. „Wenn wir jetzt neue Erkenntnisse zu Lämmle haben, sollten wir uns damit auch beschäftigen und Dinge neu bewerten.“ Wir alle wüssten nicht, wie wir uns damals in der Zeit verhalten hätten. Den Vergleich mit Weizsäcker hielt er indes für schief. War es doch der spätere Bundespräsident, der 1985 eine viel beachtete Rede zum 8. Mai gehalten habe, der fortan als Tag der Befreiung und nicht mehr de Niederlage galt.

Kinder sollen lernen, dass alle Menschen gleich sind

„Doch taugt Lämmle heute noch als Vorbild für eine Bildungseinrichtung, obwohl er Hitler so verehrt hat? Schließlich sollen Kinder doch dort lernen, dass alle Menschen gleich sind.“ Körner hat hier seine Zweifel, denn sei der Dichter zwar wie viele bei der Entnazifizierung als Mitläufer beurteilt worden, aber „wir wissen durch die Geschichtsschreibung, dass dabei nicht mit der notwendigen Korrektheit vorgegangen wurde, weil man Leute gebraucht hat, die einen Staat aufbauen“. In der damaligen Zeit seien es auch Menschen wie Lämmle gewesen, „die durch ihre bedingungslose Unterstützung dazu beigetragen haben, das System zu stützen“, gab Körner zu bedenken. Er habe sich die Entscheidung lange überlegt, komme jetzt aber zum Schluss, dass er als Namensgeber nicht mehr geeignet sei. „Bei der Straße bin ich geteilter Meinung, die muss man vielleicht nicht umbenennen.“

Auch Andreas Barth meinte: „Lämmle eignet sich nicht als Vorbild. Das schmälert seine Verdienste um die Heimatdichtung aber nicht.“ Bei der Straße sprach er sich dafür aus, zunächst Bürger zu fragen.

Wolfgang Bogusch versuchte, zwischen dem Gremium und den kritischen Bürgern zu vermitteln. „Alle, die sich mit der Frage beschäftigen, haben wahrscheinlich einen sehr ähnlichen Antrieb: Schaden von der Schule fernzuhalten.“ Er glaube nicht, dass jemand mit der Hitler-Verehrung Lämmles sympathisiere. „Wir sind da eigentlich beieinander. Überlegt es euch noch mal, geht den Weg mit.“ Bogusch könnte sich, nach einer Bürgerbeteiligung, übrigens vorstellen, auch die Straße umzubenennen.

Heike Kastl gab zu bedenken, dass man früher einfach nicht die Informationen von heute über die Person gehabt habe. „Es kam halt jetzt raus. Ich denke, wenn man das weiß, muss man Kante zeigen.“ Generell halte sie es für problematisch, Schulen nach Personen zu benennen – und bat darum, davon in Zukunft abzusehen.

Christoph Schneider sprach sich ebenfalls dafür aus, nicht mehr den Namen einer Person zu verwenden. Das Ratsmitglied hat sich im Zuge der Diskussion erstmals mit Lämmle beschäftigt und kam dabei zum Schluss: „Er ist ein guter Dichter.“ Nachdem er das Gutachten gelesen habe, komme er aber auch zu dem Schluss, dass Lämmle als Schulnamensgeber nicht mehr tauge.

Claudia Erlenbusch erinnerte sich vor allem daran, dass die Schulzeit eine schöne Zeit gewesen war, „aber nicht wegen dem Namen.“

Für Andreas Kuhn war Lämmle vor der Lektüre des Gutachtens lediglich ein schwäbischer Heimatdichter. Das sehe er jetzt anders. Schade sei es aber um das schöne, von Schülern einst selbst gestaltete Mosaik mit dem Namen.

Und die Straße? Dazu sollen sich zunächst die Anwohner äußern

„Das Mosaik kann ja bleiben“, meinte Saskia Wenz – nur eben ohne den Namen Lämmle. Auch sie plädierte dafür, öffentliche Einrichtungen nicht mehr nach Personen zu benennen. Zum Publikum gerichtet, sagte die Ortschaftsrätin dann noch, dass sie es „ganz toll“ fand, wie viele Steinenberger in den letzten Wochen mit ihr über das Thema ins Gespräch gekommen sein. „Aber über Facebook zu so einem Thema zu kommunizieren, das geht gar nicht.“

Einstimmig sprach sich der Ortschaftsrat schließlich dafür aus, dass die Schule gemeinsam mit den Schülern und Eltern einen neuen Namen sucht – und die Anlieger der August-Lämmle-Straße zunächst gehört werden sollen, bevor hier eine Entscheidung fällt. Nun liegt der Ball beim Rudersberger Gemeinderat, der im April entscheiden muss, ob er der Empfehlung des Steinenberger Gremiums folgt.

So viele Besucher wie am Mittwochabend hat der Steinenberger Ortschaftsrat wohl selten gesehen. Fast alle für die Bürger reservierten Plätze in der Mehrzweckhalle waren belegt, was Ortsvorsteher Wilfried Hägele als positives Zeichen wertete. „Ich finde es hervorragend, dass hier heute so viele Zuhörer sitzen. Das zeigt mir sehr, sehr deutlich, wie wichtig den Bürgern die Einrichtungen im Ort sind.“

Gekommen waren die meisten wegen der Diskussion über die Grundschule am Ort. Die trägt

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