Rudersberg

Carmen Rotsch, die Überlebenskünstlerin

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Carmen Rotsch auf ihrem Balkon, wo sie sich am wohlsten fühlt: „Für mich ist das wie Urlaub“. © Ellwanger / ZVW

Rudersberg. Schwierige Kindheit, viel Pech mit den Männern, schwere Krankheiten und schließlich eine lange Phase der Arbeitslosigkeit: Das Schicksal hat es mit Carmen Rotsch nicht immer gut gemeint. Den Lebensmut hat sich die 52-Jährige trotz alledem bewahrt. Besuch bei einer Überlebenskünstlerin.

Zwischen ihren Himbeeren, Zitronen, Maggikraut und Tomaten fühlt sich Carmen Rotsch am wohlsten. Der Balkon nach Süden ist ihr Reich, in dem sie alles ausblenden kann: das fehlende Geld, ihre Krankheiten, die prekäre familiäre Situation. Sollte sie irgendwann aus ihrer Wohnung in Oberndorf ausziehen müssen, würde sie ihn am liebsten mitnehmen. Doch der Balkon ist weit mehr als ein Wohlfühl-Ort für die 52-Jährige. Er ist auch ein Teil der Überlebensstrategie von Carmen Rotsch. Weil das Geld stets knapp ist, versorgt sie sich über den Balkon ein Stück weit selbst. Darüber hinaus sammelt sie Wildfrüchte wie Brombeeren – und verarbeitet sie zu Marmelade. Geht auf die Suche nach Pilzen, Nüssen und Kräutern im Wald und auf den Wiesen. Kauft Lebensmittel nur dann, wenn sie im Angebot sind. Nimmt lieber das Brot vom Vortag. Benutzt im Haushalt Strom und Wasser sparsam – und nur dann, wenn es zwingend erforderlich ist. Schaut auf Facebook-Gruppen, wo jemand etwas zu verschenken hat.

Früh musste Carmen Rotsch lernen, auf eigenen Beinen zu stehen

„Ich musste von klein an lernen, selbst zu überleben“, sagt sie. Ihre Kindheit: schwierig. Das Verhältnis zur Familie: zerrüttet. Mehr soll auf ihren Wunsch hin nicht in der Zeitung stehen. Früh musste sie auf eigenen Beinen stehen. Arbeitete mit 15 in der Fabrik. Wurde mit 18 zum ersten Mal schwanger. Heiratete dann den Vater des Kindes. Doch die Beziehung ging schief. Da war sie zum ersten Mal alleinerziehend, hatte mehrere Jobs gleichzeitig. Und arbeitete vorwiegend in klassischen Männerberufen: auf dem Bau oder als Kfz-Mechanikerin.

Wenige Jahre später heiratete sie erneut. Die Ehe sollte nicht lange halten. Ende der Achtziger war sie dann zum zweiten Mal alleinerziehend. Anfang der Neunziger lernte sie schließlich ihren dritten Mann kennen. Doch auch diesmal sollte sie kein Glück haben. Rotsch erkrankte zudem an Brustkrebs. Der Tumor war bosartig und sehr groß. „Irgendwann war es einfach zu viel.“ Sie zog aus und war nun ein drittes Mal alleinerziehend.

Doch da machte ihr Körper nicht mehr mit, plagte sie unter anderem mit einem Lebertumor, einer chronischen Entzündung der Achillessehne, gerissenen Sprunggelenkbändern und einem Bandscheibenvorfall an der Brustwirbelsäule. Seit acht Jahren ist die 52-Jährige nun permanent krankgeschrieben. Seitdem ist sie nicht mehr nur alleinerziehend, sondern obendrein arbeitslos. Dabei habe sie zuvor immer gearbeitet, ist körperlich harten Arbeiten nachgegangen. Die Hoffnung, dass sie jemals wieder eine Stelle findet, hat sie mittlerweile aber aufgegeben.

Ohne professionelle Hilfe hätte sie diese Situation nicht gemeistert, sagt Carmen Rotsch. Zumal ohne stützende Familie im Rücken. Der Umgang mit dem Jobcenter war für sie von Beginn an sehr belastend. Vor allem, dass sie ihre persönlichen Verhältnisse offenlegen musste. „Dieses Nackigmachen ist schrecklich.“ Anfang des Jahres traf es sie dann besonders hart. Kurzzeitig war sie da mittellos. Aufgrund ihrer Krankheiten ist sie seit März nämlich in Frührente. Doch während das Arbeitslosengeld am Monatsanfang ausgezahlt werde, komme die Rente am Monatsende. Ende Februar war Rotsch dann blank – und musste einen ganzen Monat überbrücken. Ein Kredit bei der Bank half ihr über die Runden. Und die Arbeit von Sozialarbeiterinnen wie Heike Borchert von der Caritas Schorndorf. Dank ihrer Hilfe konnte sie ihrem Sohn zum Geburtstag einen Besuch im Fun-Park Waldrems ermöglichen.

Ihr Traum: Ein Motorradführerschein und eine Reise ans Meer

Ein seltener Luxus im sonst so bescheidenen Leben der 52-Jährigen, die gerne noch einen Motorradführerschein machen und ihrem Sohn eine Reise ans Meer ermöglichen würde. Wenn denn das Geld dafür reichte. Doch dank der bescheidenen Rente wird das auch in Zukunft knapp sein. Auf die Phase der Arbeitslosigkeit folgt nun die Altersarmut. Der Selbstversorger-Balkon ist darum nicht nur eine Zierde, sondern Teil ihres Überlebensprinzips. „Dumm darf man sein“, sagt Carmen Rotsch und lacht. „Aber man muss sich zu helfen wissen“.

Hinweis: Dieser Artikel wurde überarbeitet.

Frauen, Alter und Armutsrisiko

  • Das größte Armutsrisiko in Deutschland haben Alleinerziehende, 90 Prozent davon sind Frauen. Von Armutsrisiko ist laut EU betroffen, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt.
  • Obwohl die Erwerbsquote gerade bei alleinerziehenden Frauen hoch ist und weiter steigt, haben 42 Prozent ein Armutsrisiko.
  • Das Problem: Nur rund 40 Prozent der 25- bis 59-jährigen Frauen sind hierzulande in Vollzeit berufstätig.
  • Ein weiteres Problem: Dem Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter zufolge erhalten 75 Prozent der Kinder keinen oder nur unzureichenden Unterhalt.
  • Laut einer Bertelsmann-Studie beziehen alleinerziehende Eltern im Vergleich zu Paarfamilien im Durchschnitt fünfmal häufiger Hartz IV. Jedes zweite der 1,9 Millionen Kinder, die von Grundsicherung leben, wächst bei Alleinerziehenden auf.
  • In keinem Industrieland ist das Rentengefälle zwischen Mann und Frau daher so hoch wie in Deutschland. Zehn Prozent der Frauen leben laut OECD hierzulande in Altersarmut.
  • Gut 60 Prozent der westdeutschen Rentnerinnen müssen mit weniger als 700 Euro im Monat auskommen.