Rudersberg

Carmen Rotschs unverhofftes Glück

6fc6bb8d-84ee-42c3-b518-439c1db9874c.jpg_0
Carmen Rotsch auf ihrem Balkon. Hier züchtet die Rudersbergerin Himbeeren, Erdbeeren, Ingwer, Kurkuma und vieles mehr. © Ellwanger / ZVW

Rudersberg. Seit Carmen Rotsch nicht mehr arbeiten kann, ist das Geld bei der Alleinerziehenden stets knapp. Zahlreiche körperliche Beschwerden machen der 53-Jährigen das Leben zusätzlich schwer. Doch es gibt auch aufmerksame Mitmenschen, die an sie denken.

Die Anzeichen des nahenden Herbstes sind nicht zu übersehen. Auf dem Selbstversorger-Balkon von Carmen Rotsch blühten bei unserem ersten Besuch vor einem halben Jahr hier noch Himbeeren, Tomaten und Erdbeeren. Jetzt sind noch einzelne Himbeeren rot. Erste Blätter werden bereits welk. Und bald beginnt die Zeit, in der ihr der Balkon keine Früchte mehr trägt. Aus dem Gesicht der 53-Jährigen spricht dennoch Zuversicht. Seit dem Frühjahr hat sich in ihrem Leben etwas getan.

Acht Jahre war sie krankgeschrieben, nun ist die 53-Jährige in Frührente

Doch zunächst das wenig Hoffnungsfrohe: Seit Mai hatte Carmen Rotsch zwei weitere Bandscheibenvorfälle, diesmal am Halswirbel. In den Herbstferien steht eine Operation am Fuß an. „Der Knorpel ist matschig und porös“, sagt die 53-Jährige. Auch die Entzündung am Schultergelenk ist nicht besser geworden. Obendrein ist Rotsch auch noch die Gleitsichtbrille kaputtgegangen. Zeitweise war es ihr gar nicht gut gegangen in diesem Sommer. Aber aufgeben? Auf keinen Fall.

Die Hoffnung, wieder zu arbeiten, gibt sie nicht auf

Und dann seien da noch die alten Leiden, wie der Bandscheibenvorfall an der Brustwirbelsäule. Die letzten acht Jahre war sie, die immer gearbeitet und einst schwere körperliche Arbeiten verrichtet hatte, krankgeschrieben. Als Alleinerziehende geriet Rotsch schnell in die Armutsfalle. Seit März ist die Rudersbergerin aus gesundheitlichen Gründen frühverrentet. Doch weil das Geld knapp ist, sagt sie: „Ich will zuerst meine Baustellen erledigen und dann wieder arbeiten“. Diese Hoffnung hat sie noch nicht aufgegeben – auch wenn der Physiotherapeut ihr sie fast schon genommen habe.

Korberin meldet sich nach Zeitungsartikel

Nun zum Hoffnungsfrohen: Nachdem wir über die Rudersbergerin im Mai berichtet hatten, erhielt sie eine Postkarte von einer Frau aus Korb. Der Bericht über ihr Leben hatte sie so bewegt, dass sie diese „beeindruckende Frau“ gerne persönlich kennenlernen wollte. Erst nach Tagen fasste Carmen Rotsch den Mut, sich bei der Frau zu melden. Es kam schließlich zum Treffen. Die Korberin habe wissen wollen, wo die 53-Jährige im Moment ihr größtes Problem sehe. Ein Auto, habe sie geantwortet, das könnte sie am dringendsten gebrauchen. Acht Jahre lang hatte sie keines besessen und alle Strecken zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehr zurückgelegt.

Endlich ein eigenes Auto: „Das Gefühl ist Wahnsinn“, sagt Rotsch

Da habe die Frau von sich aus gesagt: „Ich gebe Ihnen das Geld.“ Erst hatte Rotsch das gar nicht glauben wollen. Doch die Korberin sei hartnäckig geblieben und habe immer wieder nachgefragt. Also machte sie sich auf die Suche nach einem Auto. Bei einem mintgrünen Opel Astra, Baujahr 1998, wurde die 53-Jährige schließlich fündig. Das Auto ist „kein junger Hüpfer mehr, aber einwandfrei“. Die 800 Euro für den Autokauf bekam sie dann tatsächlich von der Korberin. „Doch geschenkt wollt ich’s nicht haben“, sagt Carmen Rotsch. In kleinen Raten zahle sie den Kredit gerade ab.

Ein eigenes Auto zu haben mag zwar für die meisten Menschen keine große Sache sein, doch für Rotsch ist es ein echtes Stück Lebensqualität. „Das Gefühl ist Wahnsinn“, sagt sie und lächelt. Nicht nur zu ihren vielen Terminen bei Ärzten und Krankenhäusern könne sie nun im eigenen Auto fahren. Auch spontane Ausflüge sind nun leichter möglich. Endlich fühle sie sich jetzt wieder zugehörig. Und natürlich freue auch ihr Sohn sich darüber, wenn seine Mutter ihn nun auch mal mit dem Auto von Schule oder Freibad abholen kann. „Das ist ein ganz tolles Gefühl“, sagt Carmen Rotsch.

Unterstützung auch von einer alten Freundin

Einige Wochen nachdem der Zeitungsartikel erschien, sei dann übrigens eine alte Freundin bei ihr vor der Haustüre gestanden. Zwei Stunden hätten die beiden miteinander geredet – und dann habe sie ihr Unterstützung angeboten. Unter anderem mit Freikarten für den Rudersberger Theaterkarren, bei dem ihre Freundin spiele.

Auch dass der Funpark Waldrems ihr in diesem Jahr eine kostenlose Geburtstagsparty für ihren Sohn ermöglicht hat, kann Rotsch noch immer kaum fassen. „Das war genauso, wie wenn wir bezahlt hätten.“ Mit Mittagessen und Motivtisch. Dabei lasse sie sich doch eigentlich nur ungern helfen.

Geburtstagsgrüße aus der Havana-Bar

Und dann sei da ja noch die Geschichte mit der Whiskey-Flasche: Als Notgroschen sammelt Rotsch Münzen in einer großen Flasche Asbach Uralt. Auf der Suche nach einem neuen Behältnis fragte sie unter anderem in der Schorndorfer Havana-Bar nach. Die hatte tatsächlich eine Jumbo-Flasche Jack Daniels, nur war die noch nicht leer. An ihrem Geburtstag sei dann eine Mitarbeiterin der Bar mit der leeren Jumbo-Flasche und einem großen Blumenstrauß aufgetaucht.

Wie Weihnachten, Geburtstag und Urlaub zugleich sei ihr dieser Sommer bisweilen erschienen. Und auch wenn ihr die Krankheiten und die schwierige soziale Situation bisweilen arg zugesetzt hätten: Für die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen empfindet Carmen Rotsch einfach eine große Dankbarkeit.

Leben mit wenig Geld: Ein Treffen mit Politikern

Ende August bot sich Carmen Rotsch die Möglichkeit, Politikern aus erster Hand vom Leben mit wenig Geld zu berichten.

Zu Gast bei dem Termin auf der Erlacher Höhe waren: Christian Lange, Staatssekretär beim Bundesjustizministerium, sowie Annette Kramme, Staatssekretärin beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (beide SPD). Die Bundestagsabgeordneten wollten sich über Langzeitarbeitslosigkeit und die Folgen von Hartz IV informieren.

Wie lebt man nun mit wenig Geld, Frau Rotsch? „Auf jeden Fall nicht so, dass man noch was kürzen kann.“ Und mit Leben habe das auch nur bedingt zu tun: „Man existiert und hofft, dass der Monat bald vorbei ist“, sagt Rotsch.

Mit den vorhandenen staatlichen Hilfssystemen hat Rotsch zwiespältige Erfahrungen gemacht. Auf der einen Seite habe sie Unterstützung erfahren. Aber ein großes finanzielles Problem seien etwa die Fahrtkosten zu Ärzten und Krankenhäusern, die ihr nur selten erstattet wurden.

Durch ihre Krankheiten falle sie durch die bisweilen stereotypen Raster des Sozialsystems, dessen Programme gar nicht auf Fälle wie sie angelegt seien: „Ich bin eben weder 35 noch arbeitsscheu.“