Rudersberg

Corona-Impfung: Wenn Ärzte Impfgegner oder "Querdenker" sind - das sagen Kollegen und die Ärztekammer dazu

Dr. Issa Garfami
Die Corona-Impfung ist inzwischen in den meisten Hausarztpraxen und bei vielen Fachärzten Alltag – es gibt aber auch Ärzte, die impfwilligen Patienten pauschal abraten und dabei nach wissenschaftlichem Konsens nicht haltbare Positionen vertreten. © ALEXANDRA PALMIZI

Während die große Mehrheit der Ärzte sich mit großer Überzeugung an der Impfkampagne gegen Covid-19 beteiligt, gibt es eine Handvoll Mediziner, die impfwilligen Patienten ganz pauschal und grundsätzlich von der Impfung abraten – auch im Rems-Murr-Kreis. Sie verbreiten dabei auch Falschinformationen, die durch wissenschaftliche und medizinische Studienlage und Empfehlungen zu den Impfstoffen nicht gedeckt sind. Damit könnte ein Verstoß gegen die Berufsordnung vorliegen. Der Rudersberger Arzt Peter Höschele wünscht sich ein konsequentes Vorgehen der Landesärztekammer gegen Kollegen, die alle Fakten verdrehen.

Schon immer Impfgegner unter den Ärzten

„Trotz guter Ausbildung gibt es auch bei den Ärzten welche, die sich von Fakten nicht überzeugen lassen, die einfach ihre Überzeugung oder ihren Glauben haben“, sagt Allgemeinmediziner Peter Höschele. Bei den Impfstoffen, die gegen Covid-19 zugelassen sind, sind für ihn die Fakten und die Nutzen-Risiko-Abwägung eigentlich ganz klar – wie bei allen Impfstoffen, die auch gegen andere Krankheiten schon lange im Einsatz sind.

Die Impfgegner oder Impfskeptiker unter den Ärzten, die habe es leider schon immer gegeben, das sei aber bisher nie so das große Thema gewesen. Jetzt, in der Corona-Pandemie, habe das aber eine ganz andere gesellschaftliche Relevanz. Nur durch die Impfstoffe werde die Pandemie beherrschbar und eine Rückkehr zu einem normalen Leben möglich sein, das müsse man sich einfach klarmachen, so Höschele.

Es gibt jedoch auch im Rems-Murr-Kreis einzelne Arztpraxen, die Patienten ganz grundsätzlich von einer Impfung gegen Covid-19 abraten. Unserer Redaktion liegen mehrere Berichte von Menschen vor, die zu ihrem Hausarzt gingen, um nach der Möglichkeit zu fragen, sich impfen zu lassen oder um sich zumindest dazu beraten zu lassen.* Das Muster ist immer ähnlich: Die Risiken und Nebenwirkungen einer Impfung werden dramatisiert und überbetont, das Risiko einer Covid-19-Infektion und ihre möglichen Folgen heruntergespielt.

*Anmerkung: Der Redaktion sind die Namen der Ärzte bekannt. Wir nennen sie hier nicht, um unsere Informanten nicht erkennbar zu machen, was deren ausdrücklicher Wunsch war.

Menschen, die vom Alter her zu den Corona-Risikogruppen gehören, und priorisiert impfberechtigt gewesen wären, berichten, ihr Hausarzt habe  gesagt: Lieber nicht, die Impfstoffe seien noch zu neu und nicht genügend erprobt, das Risiko von schweren Komplikationen bis hin zum Tod zu hoch. Über Corona bräuchten sie sich keine Sorgen zu machen, sie seien doch gesund und hätten ein gutes Immunsystem.

Maskenatteste und Beschwerden

Die aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdige Einstellung zum Impfen geht bei vielen Medizinern einher mit einer ebenso fragwürdigen Haltung zum Thema Corona insgesamt und einer Ablehnung oder einem laxen Umgang mit der Maskenpflicht. Da begrüßt der Arzt im Behandlungszimmer ohne Maske über Mund und Nase und fordert dazu auf, doch gerne selbst den Schutz abzunehmen, weil das nicht nötig sei.

Es gibt auch Ärzte aus dem Rems-Murr-Kreis, die sich an Aktionen wie „Ärzte stehen auf“ beteiligt und einen offenen Brief an die Bundesregierung unterzeichnet haben. Der Brief beruft sich unter anderem auf Figuren wie die „Querdenker“-Ikone Dr. Bodo Schiffmann aus Sinsheim, der Maßnahmen gegen die Eindämmung der Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz am Beginn der Naziherrschaft vergleicht, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen falsch ausgestellter Maskenatteste ermittelt und der sich laut eigenen Angaben inzwischen an einem nicht näher benannten Ort in Afrika aufhält.

Bei den Bezirksärztekammern in Baden-Württemberg sind laut Landesärztekammer bis einschließlich März 2021 rund 360 Beschwerden über Ärzte zu verschiedenen Aspekten wie Gefälligkeitsatteste, Maskenverweigerer oder Corona-Leugner eingegangen. Dabei betont die Kammer: Das bedeute nicht, dass 360 Ärzte im Land kritikwürdig sind – es beziehen sich teils mehrere Beschwerden auf einzelne Mediziner.

Das klare Statement des Berufsverbandes dazu: „Die große Mehrheit der baden-württembergischen Ärztinnen und Ärzte (...) empfindet das Verdrehen der Wirklichkeit als Zumutung – insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie selbst die Corona-Gefahr tagtäglich miterleben, mit erhöhtem Ansteckungsrisiko konfrontiert sind und nicht nur Patienten, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich vor dem Virus schützen müssen und wollen.“

Nutzen und Risiken des Impfens

Was sagt die Berufsordnung, die für alle Ärzte gilt, zum Thema Impfung? Können sie einfach sagen: Ich impfe meine Patienten nicht, weil ich das Impfen an sich ablehne? Die Anfrage unserer Redaktion beantwortet die Landesärztekammer nicht direkt. Dennoch lässt die Antwort wenig Interpretationsspielraum. Die Ärztekammer verweist auf Paragraf 2 der Berufsordnung, in dem es um gewissenhafte Ausübung des Berufs geht: „Ein wesentlicher Punkt ist hier – neben der erforderlichen fachlichen Qualifikation –, dass Ärztinnen und Ärzte den anerkannten Stand medizinischer Erkenntnisse zu beachten haben.“ Und der aktuelle Stand der medizinischen Erkenntnisse hinsichtlich der Corona-Impfungen sei in vielen „Veröffentlichungen und Publikationen von Fachgesellschaften, Forschungsinstitutionen und ärztlich-medizinischen sowie behördlichen Stellen“ ersichtlich.

Kurz zusammengefasst dazu das Robert-Koch-Institut: „Die Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe wurde umfassend geprüft.“ Und: „Ein Impfstoff wird nur zugelassen, wenn der Nutzen die Risiken um ein Vielfaches überwiegt.“ Diese Abwägung zugunsten des Nutzens der Corona-Impfstoffe ist in der wissenschaftlichen und medizinischen Fachwelt mehrheitlich völlig unbestritten, genauso wie die Risiken durch eine Covid-19-Erkrankung mit allen möglichen akut-lebensbedrohenden und Langzeit-Folgen, die das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenze bringen.

Nichtsdestotrotz, sagt der Rudersberger Allgemeinmediziner Peter Höschele, müsse ein Arzt die Patienten als Arzt natürlich gut und sachlich über Nutzen und Risiken aufklären und die Entscheidung letztlich ihnen selbst überlassen. Aber: „Ich kann emotionslos die Argumente bringen, die dafür sprechen. Und mein eigenes Beispiel, dass ich jede Impfung nehme, die ich kriegen kann.“

In Deutschland lebe man in einer „luxuriösen Situation“, dass man sich solche Impfdiskussionen überhaupt leisten könne, betont Höschele. In anderen Ländern stehe lange nicht so viel Impfstoff zur Verfügung, auch bei anderen Krankheiten wie Masern, an denen weltweit Kinder tödlich erkranken würden und es keine Herdenimmunität gebe. Und nur mit einer Herdenimmunität, wenn also genügend Menschen in einer Gesellschaft geimpft sind, könnten es sich eben einige wenige überhaupt erlauben, sich ohne Erkrankungsrisiko gegen eine Impfung zu entscheiden.

Ermittlungen - wann Ärzte Probleme bekommen

Der Rudersberger Mediziner Peter Höschele rät Patienten, ihren Arzt immer zu fragen, woher seine Informationen stammen, wenn er ihnen pauschal vom Impfen abrate, obwohl die Impfstoffe zugelassen seien. Dann müsse man schauen, ob es seriöse Quellen seien, und eventuell eine zweite Meinung einholen. Entpuppe sich ein Arzt als faktenverdrehender Corona-Leugner, so könne man ihn bei der Bezirksärztekammer melden wegen berufswidrigen Verhaltens. Höschele findet, die Instrumente, die die Berufsordnung vorsieht, die müsse man auch „scharfmachen“. Und: „Wenn jemand sich nicht impfen lässt und er dann schwer erkrankt, dann kann der den Arzt verklagen, der ihm davon abgeraten hat.“

Was passiert bei den Ärztekammern, wenn ein Patient möglicherweise berufswidriges Verhalten eines Arztes meldet? Bleiben wir beim Beispiel: Er rät gezielt von einer für den Patienten persönlich wie gesamtgesellschaftlich sinnvollen Impfung ab, ohne dass dafür beim Patienten ein Grund wie eine Vorerkrankung oder eine Allergie vorliegt.

Zunächst seien die genauen Umstände und Zusammenhänge zu klären, so die Antwort der Landesärztekammer: „Erhärtet sich gegebenenfalls der Verdacht auf einen Verstoß gegen die Berufsordnung, wäre im Zuge von Ermittlungen unter anderem der betroffene Arzt anzuhören. Im Anschluss könnte es unter Umständen zur Eröffnung eines berufsgerichtlichen Verfahrens kommen.“

Ganz weg vom Beispiel der fragwürdigen Impf-Beratung, gilt ganz allgemein: Falls sich bei der Prüfung durch die Ärztekammer strafrechtlich relevante Sachverhalte ergeben, dann übergibt diese die Sache der zuständigen Staatsanwaltschaft. Das passierte bei den vorher erwähnten 360 Beschwerden im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in wenigen Einzelfällen. Warum es dabei genau ging, sagt die Ärztekammer nicht. Doch es ist bekannt, dass es zum Beispiel Ermittlungsverfahren wegen falscher Maskenatteste gab und gibt.

Wenn tatsächlich die Staatsanwaltschaft gegen einen Mediziner ermittelt, kommt immer noch eine weitere Ebene ins Spiel: Es geht um die Frage, ob man ihm die Approbation, also die Zulassung, seinen Beruf auszuüben, entziehen kann oder muss. Dafür sind in Baden-Württemberg die Regierungspräsidien zuständig. Die Bundesärzteordnung regelt, wann eine erteilte Approbation widerrufen werden kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Arzt sich „eines Verhaltens schuldig gemacht hat, aus dem sich seine Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufs ergibt“. Doch dafür müssen sehr gravierende Gründe vorliegen. Ob dazu gehört, dass ein Arzt seine Patienten beim Impfen falsch berät, lässt das Regierungspräsidium Stuttgart in seiner Antwort auf die entsprechende Anfrage unserer Zeitung offen. „Wir können Ihnen jedoch mitteilen, dass im Zusammenhang mit Corona drei Fälle bearbeitet beziehungsweise Verfahren geführt werden.“

Während die große Mehrheit der Ärzte sich mit großer Überzeugung an der Impfkampagne gegen Covid-19 beteiligt, gibt es eine Handvoll Mediziner, die impfwilligen Patienten ganz pauschal und grundsätzlich von der Impfung abraten – auch im Rems-Murr-Kreis. Sie verbreiten dabei auch Falschinformationen, die durch wissenschaftliche und medizinische Studienlage und Empfehlungen zu den Impfstoffen nicht gedeckt sind. Damit könnte ein Verstoß gegen die Berufsordnung vorliegen. Der Rudersberger Arzt

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