Rudersberg

Corona-Infizierte erlebten am Anfang der Pandemie Anfeindungen und Mobbing - ist das immer noch so?

Corona Beobachter
Corona-Infizierte standen zu Beginn der Pandemie oft sehr im Fokus der Öffentlichkeit – eine Frau in Winterbach erfuhr sogar, dass Fotos von ihr im Umlauf waren, die jemand von ihr gemacht hatte, als sie auf dem Balkon saß (Symbolbild). © Gabriel Habermann

Der Begriff hat sich nicht durchgesetzt, aber er beschreibt ganz gut, worum es hier in diesem Artikel geht: Corona-Wut. Sascha Lobo hat ihn in einer Kolumne auf Spiegel-Online in die Debatte geworfen, als die Pandemie im März mit Wucht Deutschland erreichte. „Hütet euch vor der Corona-Wut“, schrieb Lobo. Sie erwachse aus dem Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit, das die Menschen gegenüber einer unsichtbaren und scheinbar unkontrollierbaren Bedrohung empfinden. Und die Wut brauche ein Ziel: einen Sündenbock.

Was der Spiegel-Online-Kolumnist theoretisch darlegte, das ist zur gleichen Zeit für die Rudersberger Familie Parise-Prisco Realität geworden. Giovanni Parise war der allererste bestätigte Corona-Fall im Kreis – und einer, der Aufsehen erregte. Weil seine Kinder das Schulzentrum Rudersberg besuchen, wurde dieses Anfang März für mehrere Tage geschlossen, noch bevor die allgemeine Schulschließung kam. Giovanni Parise fand sich auf der Intensivstation wieder – und seine Familie erlebte neben viel Zuspruch und Hilfsangeboten auch Anfeindungen und Mobbing. In Winterbach gab es zur gleichen Zeit einen ähnlichen Fall, in dem es sogar noch deutlich heftiger zuging.

Wir blicken in diesem Artikel zurück und stellen die Frage: Gibt es solche Ausbrüche von Wut und Schuldzuweisungen heute immer noch im Zusammenhang mit Corona-Fällen, zum Beispiel an Schulen?

Tage der Ungewissheit Anfang März

Das Wichtigste zuerst: Giovanni Parise geht es wieder gut, er hat sich vollständig von den Folgen seiner Infektion mit Covid-19 erholt. Ein ganze Zeit lang sei er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus noch sehr müde gewesen, erzählt seine Frau Francesca Prisco. Aber jetzt mache ihr Mann jeden Tag Sport. „Er hat das Rauchen aufgehört – das ist der positive Nebeneffekt von Corona.“

Dieses neuartige Virus war Ende Februar für die meisten Deutschen noch nichts, mit dem sie sich direkt befassen mussten. Es hatte China im Griff und wütete in Italien, aber hierzulande war alles noch ruhig. Giovanni Parise kehrte am 29. Februar von einem Urlaub in seiner Heimat zurück, er war in Neapel und Kalabrien, als er krank wurde. Es sei aber gar nicht sicher, dass er sich dort angesteckt habe, meint Francesca Prisco. Für sie deutet vieles darauf hin, dass er schon mit dem Virus in sich die Reise angetreten hat.

Es folgten Tage der Ungewissheit: Ihr Hausarzt und das Gesundheitsamt, erzählt Francesca Prisco, hätten die Situation nicht so recht ernst genommen. Erst mit einigem Nachdruck erreichte sie, dass ihr Mann getestet wurde. Die Diagnose kam am Dienstag, 3. März, um die Mittagszeit. Francesca Prisco informierte sofort die Schule und bat darum, ihre Tochter Noemi möglichst diskret aus dem Unterricht zu holen. Ihr Sohn war da schon auf dem Heimweg. Doch diskret lief danach gar nichts mehr ab. Die Nachricht, dass ein Rudersberger positiv getestet worden war, schlug ein wie eine Bombe: Das Virus war im Rems-Murr-Kreis angekommen – und viele Menschen verloren schlicht den Kopf.

Im Großen und Ganzen, betont Francesca Prisco, hätten sie, als Giovanni Parise im Krankenhaus lag und seine Familie in häusliche Quarantäne musste, viel Solidarität erlebt: „Uns wurde tütenweise Essen vor die Tür gestellt, wir haben Karten und Blumen bekommen.“ Aber da waren eben auch die gehässigen Nachrichten in sozialen Netzwerken im Internet, Spekulationen und Hetze in Chatgruppen und die ätzende Frage an Francesca Prisco, öffentlich gestellt in einer Facebook-Gruppe: Wie um alles in der Welt habe sie ihre hustende Tochter noch in den Unterricht schicken können? Schulleiter Thomas Smolarzcyk sprang Francesca Prisco jedoch sofort bei. Er sagt: „Die Familie hat nichts falsch gemacht.“

Eine Winterbacherin, die ebenfalls zu den frühen Corona-Fällen im Kreis gehörte, hat Ähnliches erlebt und unserer Zeitung berichtet. Als in Winterbach die Schule und eine Kita geschlossen wurden, weil die Kinder der positiv getesteten Frau diese besuchten, stellten viele sie regelrecht an den Pranger. Nachbarn beobachteten sie, denunzierten sie beim Ordnungsamt oder fotografierten sie auf dem Balkon.


Francesca Prisco hat in ihrer Situation noch etwas genau richtig gemacht: Sie ging offensiv damit um, sie stellte richtig, erklärte den Leuten, was war. Sie trug niemandem etwas nach. „Ich habe gemerkt, die haben Angst“, sagt sie. Deswegen habe sie manches verstehen können, was passiert ist. Ihr Antrieb, offen und ohne Groll auf die Leute zuzugehen, kam auch aus dem Wissen: „Es gibt ja auch ein Danach. Meine Kinder sollen sich auch wieder auf die Schule freuen können.“

Tatsächlich habe es in der Schule keine Probleme gegeben, als sie wieder gestartet sei, berichtet Francesca Prisco. „Die Kinder wurden nicht darauf angesprochen.“ Und sie kann heute auch sagen: „Wir haben nachweislich niemanden angesteckt.“

Auch sonst spürt die Familie im Alltag nichts mehr von den unschönen Reaktionen. Durch die Offenheit und den großen Artikel in unserer Zeitung über ihre Erlebnisse rund um die Erkrankung von Giovanni Parise, haben sich in den Wochen danach viele getraut, mit der gleichen Offenheit Fragen zu stellen: Wie war das bei euch? Wie habt ihr das gemerkt? Wie waren die Symptome? Wie schlimm war es?

Generell hat Francesca Prisco das Gefühl, dass die Menschen jetzt sehr viel ruhiger sind: „Die meisten haben keine Angst, sich anzustecken oder krank zu werden.“ Das sieht sie mit zwiespältigen Gefühlen. „Für mich ist Corona ein großes Mysterium“, sagt sie. Warum hat sie selbst sich nie bei ihrem Mann angesteckt? Aus der Familie war nur Tochter Noemi positiv, aber ohne irgendwelche Symptome. „Und dann gehen die Leute in die Kirche und dann hat es die Hälfte“, sagt Francesca Parise. Da frage man sich, warum kriegen es die einen und die anderen nicht? Wie groß ist die Gefahr wirklich? „Das ist das, was Kopfzerbrechen bereitet, das Ungewisse.“

"Die Schüler sind total cool damit umgegangen"

„Die Gefahr ist unsichtbar, deswegen ist der Umgang damit so schwierig“, sagt Beate Flemming-Nikoloff, Rektorin der Gottlieb-Daimler-Realschule in Schorndorf. Dort gab es Mitte Mai einen positiven Corona-Test bei einem Schüler einer Klasse, die sich auf die Abschlussprüfung vorbereitete. Gesundheitsamt und Schule standen vor einer schwierigen Entscheidung: Müssen alle schon wieder in Quarantäne geschickt werden, kaum dass die Prüfungsklassen wieder da sein konnten? Letztlich entschieden sich die Verantwortlichen dagegen. Die Hygienemaßnahmen seien eingehalten worden, der Junge habe keine engen Kontakte mit Mitschülern oder Lehrern gehabt, argumentierte das Gesundheitsamt, nachdem Behörden-Mitarbeiter gründlich mit den Beteiligten gesprochen hatten.

Auch hier war die Aufregung groß, viele fragten entsetzt: Wie kann das sein, wieso machen die die Schule nicht zu? Doch der weitere Verlauf gab den Entscheidern recht: Es gab tatsächlich keine weiteren Infektionen in der Schule oder im Umfeld, wie Beate Flemming-Nikoloff jetzt Bilanz ziehen kann. Vermutungen und Gerüchte hätten sich als falsch herausgestellt. „Die Aufregung hat sich sehr schnell gelegt“, sagt die Schulleiterin. Von Überreaktionen wie in Rudersberg oder Winterbach einige Wochen zuvor, kann sie nicht berichten. „Die Schüler sind total cool damit umgegangen.“ Die Eltern der betroffenen Klassen seien auch fast alle sehr ruhig gewesen. Ein oder zwei hätten ihr Kind testen lassen. Ergebnis: negativ.

Beate Flemming-Nikoloff hat gelernt: Das Wichtigste ist klare Kommunikation. Man müsse sich Zeit nehmen, mit allen zu reden und alles zu erklären, sagt sie.

Klarheit und Transparenz helfen gegen die Hilflosigkeit gegenüber der unsichtbaren Gefahr. Das ist auch das Credo von Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring: „Es kommt ganz wesentlich darauf an, dass man gut und präzise kommuniziert.“ Die Emotionen, so ihre Beobachtung, kochen immer noch schnell hoch. Es geht inzwischen nicht nur um die Angst vor der Ansteckung, sondern auch um die bedrückende Aussicht auf drohende Quarantäne-Maßnahmen oder sogar weitere Schulschließungen. „Es muss ganz klar sein, um was es geht, ohne dass man Namen nennt“, sagt Hagenmüller-Gehring. „Ist es ein Verdachtsfall oder eine bestätigte Infektion? Warum hat man eine Entscheidung so oder so getroffen?“ Wenn man Dinge offenlasse, dann gebe es schnell Gerüchte, die zu einer großen Beunruhigung führen.

Problematisch sei manchmal, dass die konkreten Quarantäne-Anordnungen der zuständigen Behörden bei Kindern, die in derselben Klasse sind, aber in unterschiedlichen Gemeinden wohnen, nicht am selben Tag ankommen. So lasse sich auch mit der besten Abstimmung nicht immer verhindern, dass es Aufregung gebe. Immer wieder hört man auch von übernervösen Reaktionen auf Kinder, die einmal im Unterricht hüsteln oder niesen. Aber das Level an Erregung oder sogar Wut gegen infizierte Personen sei lange nicht mehr so, wie es am Beginn der Pandemie war, sagt die Schulamtsleiterin. „Das war ja teilweise erschreckend.“ Das Wissen und die Erfahrung mit dem Virus sei auf allen Ebenen jetzt einfach viel größer, von den Eltern bis zu den Behörden.

"Mein Kind ist nicht mehr das, das es mal war"

Francesca Prisco sagt inzwischen: „Wir haben jetzt ganz andere Probleme. Die Aufräumarbeiten machen mir mehr Kopfzerbrechen als die Angst vor dem Virus.“ Sie spricht vom „Rattenschwanz“ des Lockdowns, der monatelangen Schließung von Schulen und Kitas und dem Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens.

Sie höre von Eltern, die sagen: „Mein Kind ist nicht mehr das, das es mal war.“ Bei ihren eigenen Kindern sei es sehr unterschiedlich, meint Francesca Prisco. Ihre Tochter macht jetzt ihren Realschulabschluss. „Noemi ist aufgeblüht. Die brilliert jetzt mit einem Wahnsinnszeugnis.“ Sie habe selbstständig und mit viel Eigenverantwortung täglich sieben oder acht Stunden am Schreibtisch verbracht und für die Schule gearbeitet.

Francesca Priscos Sohn ist jünger, er besucht die dritte Klasse. Seine Situation sei vollkommen anders, sagt sie, in dem Alter könnten die Kinder noch nicht so selbstständig arbeiten. „Die haben so viel verpasst, das kann man durch Home-Schooling nicht auffangen.“ Alle hätten sich auf die Schule gefreut und seien froh, wieder hingehen zu können. Aber: „Ihnen wurde ein halbes Jahr genommen. Jetzt stehen sie extrem unter Druck.“

Francesca Prisco glaubt: Die Folgen des Lockdowns, der Einschränkungen wegen der Corona-Gefahr, sie seien für viele schlimmer als die Krankheit selbst. Als Bankkauffrau bekomme sie vieles mit: „Junge Familien, die Kredite über 400 000 Euro aufgenommen haben, um zu bauen. Und dann kommen sie in Kurzarbeit und müssen plötzlich rechnen.“ Das mache ihr Sorgen. Vor der Krankheit selbst habe sie persönlich keine Angst mehr, nachdem sie sie bei ihrem Mann erlebt habe.

Der Begriff hat sich nicht durchgesetzt, aber er beschreibt ganz gut, worum es hier in diesem Artikel geht: Corona-Wut. Sascha Lobo hat ihn in einer Kolumne auf Spiegel-Online in die Debatte geworfen, als die Pandemie im März mit Wucht Deutschland erreichte. „Hütet euch vor der Corona-Wut“, schrieb Lobo. Sie erwachse aus dem Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit, das die Menschen gegenüber einer unsichtbaren und scheinbar unkontrollierbaren Bedrohung empfinden. Und die Wut brauche ein Ziel:

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