Rudersberg

Eine Weltreise zu Zeiten des Coronavirus - ein Rudersberger teilt seine Erfahrungen

Weltreise
Hans Becker bei der Passüberquerung der Anden vor beeindruckenden Eisresten. © Privat / Becker

Von Südamerika bis ganz nach oben in den Norden sollte es gehen. Statt mit dem Beginn der Rente in ein Loch zu fallen, wollten die schon immer reiselustigen Beckers aus Rudersberg Vulkane und Gletscher erkunden, an malerischen Küsten entlangfahren, verschiedene Kulturen kennenlernen und schlussendlich in Kanada ihre Reise beenden. Im Oktober 2019 machten sich Hans Becker und seine Ehefrau Sabine auf einen Weg, der früher als geplant enden musste.

Zunächst lief alles glatt. In Uruguay nahmen sie ihr in Hamburg verschifftes Wohnmobil, einen Fiat Ducato, in Empfang und fuhren von dort erst einmal in Richtung Süden. Von der südlichsten Stadt Feuerlands aus ging es entlang der und über die Anden in Richtung Norden. Lange bevor sie Kanada erreichen konnten, mussten die Eheleute ihre Reise aber abbrechen. Der Grund - wie könnte es anders sein - war die weltweite Coronavirus-Pandemie. Hans Becker hat uns erzählt, wie er und seine Frau den Ausbruch der Pandemie auf ihrer Reise erlebt haben.

Nach zwei Wochen überschlugen sich die Ereignisse

„Als wir in Panama angekommen sind, dachten wir, wir haben die schlimmste Etappe geschafft“, erinnert sich Hans Becker. Zu diesem Zeitpunkt hatten er und seine Frau schon zahlreiche Länder durchquert, Wanderungen gemacht, exotische Pinguine und die Millionen Jahre alten Überreste von Bäumen gesehen. Weil es keine Straßenverbindung zwischen Kolumbien und Panama gibt, musste das Auto der Beckers erneut verschifft werden. „Das dauert nur einen Tag, ist aber sehr teuer und viel bürokratischer Aufwand“, sagt Hans Becker. „Wenn man kein Spanisch spricht, ist das schon schwierig.“

Entsprechend groß war die Erleichterung, als sowohl das Auto als auch die Beckers wohlbehalten in Panama ankamen. Schlimmeres kann nicht mehr kommen, dachten sie. „Aber da haben wir uns getäuscht“, weiß Hans Becker heute. „Nach zwei Wochen überschlugen sich die Ereignisse.“ Genauso wie in Europa wurde den Menschen dort immer bewusster, dass das neuartige Coronavirus sich rasant ausbreitete. „Die ganzen Grenzen wurden geschlossen“, erzählt der 66-Jährige. „Es gab keine Ein- und Ausreise mehr. Wo man gerade war, da war man.“

Sperrstunde zwischen 19 Uhr und 5 Uhr

Die Beckers waren zu diesem Zeitpunkt in Costa Rica. Als ihnen klar wurde, dass sie erst einmal nicht mehr weiterreisen konnten, suchten sie für sich und ihren Wagen einen festen Stellplatz und wurden auf dem privaten Grundstück eines Schweizer Ehepaars fündig. „Wir haben natürlich gehofft, dass es nicht lange dauert“, sagt Hans Becker. „Daraus wurden acht Wochen.“

Die Beschränkungen der Regierung wurden in dieser Zeit täglich erweitert, ähnlich wie in Deutschland. „Man durfte nicht mehr in Parks oder an den Strand“, beschreibt Hans Becker die Lage in Costa Rica. „Öffentliche Gebäude waren geschlossen, das ganze Leben kam zur Ruhe.“ Von abends um 19 Uhr bis am nächsten Morgen um 5 Uhr herrschte eine Ausgangssperre. An manchen Tagen durften nur Autos mit Kennzeichen fahren, die in ungeraden Zahlen enden, an anderen Tagen die mit geraden.

„Es wurde schon alles ernst genommen“, meint Hans Becker. „Ich glaube, in Süd- und Mittelamerika haben sie relativ große Probleme mit der Krankheit.“ Das liege aber daran, dass manche Länder arm seien und nicht die technischen und medizinischen Voraussetzungen haben, um mit der Pandemie umzugehen oder dass, wie in Brasilien, die Regierung schlicht falsch reagiere. „In der Beziehung haben wir es in Costa Rica gut gehabt“, so der Rentner.

Unfreiwilliger Reisestopp in Costa Rica: „Wir saßen fest“

Nach Ostern war dem Paar klar, dass die Reise nicht mehr weitergehen würde. „Wir saßen fest“, sagt Hans Becker. Schlimm war das für das Ehepaar besonders, als die Regenzeit anfing. „Zu 30 bis 35 Grad Hitze kommen Regen und Feuchtigkeit hinzu“, sagt er. „Das wurde sehr schnell unangenehm.“ Die Klamotten und die Bettwäschen trockneten nicht mehr, alles war klamm. „Das war irgendwann nicht mehr schön“, so Becker. Das Paar beschloss, die Reise abzubrechen und nach Deutschland zurückzukehren. Das gestaltete sich aber gar nicht so einfach.

„Wir wollten nur fahren, wenn wir das Auto mitnehmen können“, erzählt Hans Becker. „Wir wussten ja nicht, wann wir wiederkommen können.“ Außerdem hätte die Luftfeuchtigkeit dem Wagen sicher schnell zugesetzt. Über einen Agenten suchte das Paar eine Reederei, die das Auto wieder nach Deutschland zurückschiffen konnte. Die erste kniff kurz vor der Verschiffung, mit der zweiten klappte es dann. Der Fiat kam vergangene Woche in Hamburg an, drei Wochen nach den Beckers.

Abenteuer auch schon vor Corona

Dass Hans und Sabine Becker schnell einen Flug nach Deutschland gefunden haben, war reines Glück. Nach zwei Zwischenstopps in Houston und Chicago kamen sie in Frankfurt an und begaben sich zu Hause prompt zwei Wochen in Quarantäne. Die haben sie laut Hans Becker gut überstanden. „Es ist ein bisschen kalt geworden“, findet der Rudersberger. „Aber es ist schon angenehm, wieder da zu sein.“

Auch vor dem plötzlichen Reisestopp durch Corona erlebten die Beckers schon einige Abenteuer. Auf den Andenpässen in Höhe von einigen Tausend Metern wurde zum Beispiel die Luft dünn. „Wir haben es stark gemerkt“, sagt Hans Becker. „Wir hatten keine Kraft mehr, zum Schluss wird einem schwindlig und man bekommt Kopfschmerzen.“ Bei einer Passtour streikte auf halber Höhe das Auto des Paares. „Wir mussten umdrehen und in einer Werkstatt die Filter wechseln lassen“, so Becker. „Dann ging es wieder.“

Omas Obstkuchen in Chile

In Chile fanden die Beckers das Erbe deutscher Einwanderer, als sie Ortschaften entdeckten, die ganz in Deutsch gehalten sind, und auf Cafés stießen, die mit Omas Obstkuchen lockten. Weihnachten haben sie in Santiago de Chile verbracht. „Wir sind in die Stadt gelaufen und haben uns in der Hauptkathedrale dort den Weihnachtsgottesdienst angehört“, weiß Hans Becker noch. „Die Kirchen waren geschmückt, aber nicht so wie bei uns üblich“, sagt Hans Becker. Sehr warm war es zudem „Das Fest findet auch statt, aber eben anders.“ Schön sei es trotzdem gewesen.

Als das Paar Peru erreichte, wurde die Landschaft grüner und das Wasser langsam wärmer. „Wir waren fast jeden Tag an einer anderen Stelle“, erinnert sich Hans Becker. Die Beckers mussten zusehen, wo man übernachten konnte, Campingplätze gab es nicht überall. „Wenn es Abend wurde, mussten wir schauen, wo wir bleiben“, so Becker. „Es musste ja auch sicher sein. Die Angst war immer mit dabei.“ Trotzdem parkten die beiden ihren Wagen oft in Ortschaften an der Straße oder am Strand. Einmal ging das allerdings schief: In das Auto der Rudersberger wurde eingebrochen, der Laptop und das Telefon waren weg.

Corona ist noch nicht besiegt

Das hielt sie aber nicht von ihrer Weiterreise ab. Nach Peru kam Ecuador, wo sie das Äquatordenkmal besuchten, dann Kolumbien. „Dann war die Strecke in Südamerika zu Ende“, so Becker. Ob das Paar es bereut, seine Reise abgebrochen zu haben? „Es hat sich herausgestellt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben“, sagt Hans Becker. „Es ist ja nicht besser geworden.“ Eventuell wolle das Paar in der Zukunft eine Nordamerika-Tour machen. „Aber das ist jetzt alles noch sehr weit weg.“ Erst einmal müsse man sehen, wie sich die Situation verändern wird und wann sich alles normalisiert. „So schnell wird das wohl nicht sein“, vermutet Hans Becker. „Corona haben wir noch nicht besiegt, das steht fest.“

Von Südamerika bis ganz nach oben in den Norden sollte es gehen. Statt mit dem Beginn der Rente in ein Loch zu fallen, wollten die schon immer reiselustigen Beckers aus Rudersberg Vulkane und Gletscher erkunden, an malerischen Küsten entlangfahren, verschiedene Kulturen kennenlernen und schlussendlich in Kanada ihre Reise beenden. Im Oktober 2019 machten sich Hans Becker und seine Ehefrau Sabine auf einen Weg, der früher als geplant enden musste.

Zunächst lief alles glatt. In Uruguay

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper