Rudersberg

Holocaust und Nahostkonflikt: Rudersberger Schüler treffen Autorin Lizzie Doron

Autorin Lizzie Doron
Übersetzerin Kerstin Keller und Autorin Lizzie Doron. © ALEXANDRA PALMIZI

Israel und Deutschland? Immer noch heillos traumatisch ineinander verstrickt, wie die jüngste Auseinandersetzung mit Antisemitismusvorwürfen auf der aktuellen Kunstausstellung „Documenta Fifteen“ mit hysterisch-reflexartigen Untertönen wieder einmal zeigte. Doch keine Illusionen: Judenfeindschaft gibt es wirklich. Sie klebt tief und fest in den Selbstbehauptungsunternehmungen von Christen, Muslimen und auch (linken) Ungläubigen aller Couleur.

Beharrliche Aufklärungsarbeit am RSZ

Was tun? Nun: geduldige, unaufgeregte und beharrliche Begegnungs- und Aufklärungsarbeit. So, wie es nun das Schulzentrum Rudersberg mit einer Lesung der israelischen Autorin Lizzie Doron versucht hat. Über 100 Schüler und Schülerinnen der Klassen 9 und 10 im Alter von 14 bis 16 Jahren erlebten eine Autorin, die 1953 in Tel Aviv geboren wurde, deren Eltern Holocaust-Überlebende waren, und die in ihrer eigenen Biografie als mittraumatisiert Nachgeborene und Schriftstellerin die zerreißenden Spannungen der heutigen israelischen Gesellschaft verkörpert.

Im Unterricht zuvor das Buch gelesen

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich vorbereitend im Unterricht mit dem neuesten Buch Dorons mit dem Titel „Was wäre wenn“ beschäftigt. Die blutige Wirklichkeit hat immer blühende Alternativen. „Was wäre wenn“ - es anders verlaufen wäre?

Genau das hatten sich die Schüler gefragt und das eröffnet Handlungsmöglichkeiten, jenseits von Geschichtsfatalismus. Und genau das, möchte man hoffen, sollte auch Schule Schülern vermitteln. Spielräume. Es anders zu machen.

Und dafür war die offen (auf Englisch) erzählende Autorin Lizzie Doron ein einnehmendes Beispiel. Sie erzählte von ihrer eigenen Kriegsverblendung, - „Wir werden siegen!“- als sie im Alter der ihr zuhörenden Schülerschaft war. Und die wollte wissen, warum sie denn als Frau Soldatin werden wollte und wie das war.

Von Holocaust-Überlebenden und Kriegstraumatisierten

Und sie erzählte von der jungen Generation, den Söhnen und Töchtern der schweigenden Holocaust-Überlebenenden, zu der sie selbst gehört, die kämpfen und Helden sein wollten. Sie meldete sich zur Armee. Was dazu führte, dass ihre Mutter, die sagte „Kein Sieg rechtfertigt die Toten“ - mit ihr brach. Ihr eigener Einbruch war dann 1973 nach dem sogenannten Jom-Kippur-Krieg, bei dem sieben ihrer Mitschüler gefallen sind. Sie desertierte und engagiert sich seitdem für den Frieden und eine Aussöhnung mit den Palästinensern.

Botschaft an die jungen Zuhörer: Man kann jung verblendet sein und sich doch - immer - ändern. Und ja, das muss man schaffen, da war wenig Unruhe bei den Schülern: Sie hörten der authentisch von sich erzählenden Autorin, der Übersetzerin Kerstin Keller, und den Klezmer-Musikbeispielen von Mathias Neundorf an der Violine und Elke Knötzele am Akkordeon, berührt, aber auch von ihren Lehrerinnen gut erzogen, still zu.

Ihre Bücher erscheinen in Israel nicht mehr

Was ihre Muttersprache sei, wurde Lizzie Doron von einer Schülerin gefragt. Schwierig, schwierig. Ihre Mutter kam aus Österreich, also Deutsch. Nur, das durfte in Israel in den 40er und 50er Jahren nicht gesprochen werden. Sprach-Tabus und- Verbote, mit denen die Schriftstellerin groß geworden ist - und die sie dann brach.

War sie mit ihren Erinnerungsbüchern an den Holocaust in Israel eine gefeierte Schriftstellerin, ist es inzwischen so, dass sie mit ihrem Einsatz für Versöhnung und Frieden und dem Gespräch mit den Palästinensern in Israel nicht mehr verlegt wird. Sie sagt: „Ich bin zu einer deutschen Autorin geworden.“

"Ich weiß nichts über meine Vergangenheit"

Man glaubt es kaum: Eine jüdische Kritikerin ihrer Regierung wird ausgelagert, ja bedroht. Seitdem lebt sie abwechselnd in Berlin und Tel Aviv.

Wir kehren zurück an den Anfang. Kritik an Israel von israelischen Autoren? Wie wollen wir nun damit umgehen? Es war Lizzie Dorons 14-jährige Tochter, die sie danach fragte, weil sie was drüber schreiben wollte. „Was weißt du von unserer Familie?“ Ihre Antwort: nichts. „Ich hab’ nichts zu erzählen. Ich weiß nichts über meine Vergangenheit.“

Die Schülerinnen und Schüler des Rudersberger Schulzentrums waren heillos überfordert. Aber auch nicht: Es ging darum, ihnen die Spannung zwischen Schweigen und Sprechen nahezubringen Dabei haben sie sich gut gehalten.

Israel und Deutschland? Immer noch heillos traumatisch ineinander verstrickt, wie die jüngste Auseinandersetzung mit Antisemitismusvorwürfen auf der aktuellen Kunstausstellung „Documenta Fifteen“ mit hysterisch-reflexartigen Untertönen wieder einmal zeigte. Doch keine Illusionen: Judenfeindschaft gibt es wirklich. Sie klebt tief und fest in den Selbstbehauptungsunternehmungen von Christen, Muslimen und auch (linken) Ungläubigen aller Couleur.

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