Rudersberg

Kommentar zur Kandidatenvorstellung

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© Sarah Utz

Alles für diesen Moment: So lässt sich mit dem Slogan einer Fluglinie das Motto der Kandidatenvorstellung beschreiben. Aufregung, Emotionen, viel Vorbereitung, ein Saal voll Publikum - und 15 Minuten Zeit, um es davon zu überzeugen, dass man selbst die beste Wahl ist für das Amt des Bürgermeisters.

Für das sind die Anforderungen hoch. Aus gutem Grund. Es geht nicht nur darum, mit einer Gemeinde einen mittelständischen Betrieb gut zu führen, auf dass das öffentliche Leben gelingt. Es geht um das Zusammenleben, die Gemeinschaft, das Klima im Ort. Und es gilt, die Wähler davon zu überzeugen, dass man nicht nur die Wahl gewinnen kann, sondern vor allem die nächsten acht Jahre meistert.

Bürgermeister zu sein, das bedeutet neben Gestaltungsmöglichkeiten, einem gewissen Prestige und einem überaus interessanten, vielseitigen Beruf Verantwortlichkeit für nahezu alles, was im Ort geschieht, ein Siebentagerennen an Terminen und Verpflichtungen, Adressat zu sein für viele Wünsche, berechtigte wie unberechtigte, und Kritik. Dabei sind die großen Projekte selten. In einer Gemeinde muss man auch die kleineren Meilensteine und Entwicklungen zu schätzen wissen.

Bürgermeister werden, das Ziel haben die sechs Kandidaten erklärt. Dafür haben sie bei der Kandidatenvorstellung der Gemeinde einen wichtigen Eindruck hinterlassen. Dabei ist neben dem, was gesagt wird, auch das Wie entscheidend. Zeigt der Bewerber Format? Kann er reden, kann er die Gemeinde nach außen vertreten, hat er Humor, zeigt er sich als „einer von uns“, aber auch als Führungspersönlichkeit? Viele Eindrücke fließen in die Beurteilung ein.

Raimon Ahrens hat das gut gemacht. Menschlich, gut verständlich, präsentierte er sich mit Verstand und Humor. Die großen Visionen hat er nicht vorgestellt. Aber viele Aufgaben sind in Rudersberg für die nächsten Jahre bekannt. Es geht eher darum, für sie Lösungen zu finden.

Angenehm aufgefallen ist auch Martin Herrmann. Ruhig und besonnen sprechend, hat er Lebenserfahrung, gute Rudersberg-Kenntnisse und Ideen für die Ortsentwicklung gezeigt. Wer ihn vor allem aus der Waldbahn-Debatte kannte, war angetan von Charme und Themenspektrum.

Auch Rüdiger Burkhardt hat sich nicht schlecht präsentiert. Für ihn sprach, dass er offen mit seiner AfD-Mitgliedschaft umging und Verständnis für Flüchtlinge äußerte. War die Rede zunächst etwas sperrig, zeigte er sich doch thematisch gut vorbereitet und analytisch in der Diskussion. Bemerkenswert auch, dass er nicht davon ausgeht, dass ein Lkw-Durchfahrtsverbot gelingt und er hier keine Hoffnung weckt.

Gut vorbereitet war auch Stefan Walter. Doch gelang es ihm nicht recht, sein Potenzial abzurufen. Seine Vorstellung wirkte etwas atemlos, recht nüchtern, er blieb blass, hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Relindis Pfisterer und Bernd Hegwer hatten es als fünfte und sechste Redner natürlich schwer. Pfisterer äußerte sich in weiten Teilen wenig konkret. Mehr Beispiele, wie die Probleme praktisch angegangen werden sollen, hätten der Rede, die teils recht dozierend klang, gutgetan. Mehr Notwendigkeiten und weniger Wünschenswertes hätten eine stärkere Prägnanz verliehen.

Bernd Hegwer zeigte sich als unkonventioneller Bewerber in Jeans und Hemd. Das kann man natürlich machen. Aber das Amt, für das er sich bewirbt, hat viel mit Konventionen zu tun. Hegwer sprach viel Relevantes an und aus und äußerte bedenkenswerte Beobachtungen. Sicher ist auch die Schlussfolgerung, dass man mehr miteinander reden muss, zutreffend. Genauere Lösungsvorschläge über dies hinaus wären von Vorteil gewesen.