Rudersberg

Nach 25 Jahren Leerstand: Villa Bürglen in Rudersberg wird abgerissen, 41 neue Wohneinheiten entstehen

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Villa Bürglen
Ein historisches Gebäude verschwindet: Seit Montag finden Abbrucharbeiten im Bronnwiesenweg statt. © ALEXANDRA PALMIZI
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So werden die neuen Gebäude aussehen. © Kreisbau

Ein Bagger hebt schwere Granitsteinplatten durch die Luft. Zwei Männer wuchten sie auf einen Kleinlaster. Begleitet werden die Arbeiten von dem Rattern eines Stemmhammers aus dem Gebäudeinneren. Das lockt Passanten an, die interessiert stehen bleiben und ihre Handys zücken. Denn lange wird eines der ortsbildprägenden Gebäude von Rudersberg nicht mehr stehen. Seit Wochenanfang ist das Plüderhäuser Abbruchunternehmen Bühler dort tätig. Bis Ende des Monats soll die 1907 erbaute Villa Bürglen im Bronnwiesenweg dem Erdboden gleichgemacht sein. Anstelle des seit mittlerweile 25 Jahren leerstehenden Gebäudes sollen hier 41 moderne Wohneinheiten entstehen.

René Walde von Bühler Abbruch leitet die Arbeiten – und er legt Wert darauf, dass diese möglichst nachhaltig vonstattengehen. Das Plüderhäuser Unternehmen sei zertifiziert, achte auf den Arbeitsschutz und übernehme sowohl die Entsorgung als auch die Wiederverwertung selbst, sagt er. Rund 90 Prozent der Materialien könne man wiederverwenden. „Die Gebäudesubstanz ist zumindest im Kern noch top“, sagt Walde, „allerdings wäre eine Sanierung auch sehr teuer geworden.“

Zuletzt wohnten nur noch Fledermäuse in der Villa

Nicht einmal mehr über Heizungen habe das Gebäude zuletzt verfügt. Und so gut die Substanz auch noch sein mag, im Inneren wirkt die Villa doch ziemlich ramponiert: Fenster wurden zerschlagen, die Wände sind mit Graffiti beschmiert. Der lange Leerstand hat der Immobilie recht stark zugesetzt und lässt jegliche Wohnlichkeit vermissen. Zuletzt hatten sich dort auch noch Fledermäuse niedergelassen, die vor dem Abbruch noch umgesiedelt werden mussten.

Mehr als einen Container mit Abfall werde er am Ende aber nicht mitnehmen müssen, betont Walde. Das Plüderhäuser Abbruchunternehmen wird das, was noch substanziell gut ist, nämlich wiederverwerten. Und das ist eine ganze Menge: Im zweiten Stock baut ein Arbeiter gerade mit einem Stemmhammer fachmännisch die Jugendstilfliesen ab. Die Firma Historische Baustoffe Ostalb wird diese mitnehmen und einer neuen Verwendung zuführen. Dasselbe gilt für die Holzböden und die Granitstufen, die mit dem Bagger auf den Kleinlaster gewuchtet wurden.

Auch die Eichenbalken aus dem Dachstuhl werden wiederverwertet. „Daraus entstehen zum Beispiel später Almhütten“, sagt Walde. Händisch entfernen mit Seil und Helm abgesicherte Arbeiter die Balken gerade aus dem Dachstuhl. Schrittweise wird so Stockwerk für Stockwerk abgetragen. Bei traumhafter Aussicht und schweißtreibenden Temperaturen sind drei Mitarbeiter der Remshaldener Firma Schock dort tätig. Sie trennen das noch verwertbare Holz von dem, das nicht mehr im Bau verwendet werden kann. Aber auch dieses wird später nicht auf dem Abfall landen. Aus dem Material werden Hackschnitzel für Holzheizungen entstehen.

Fenster gehen als Spende nach Rumänien

Nicht zuletzt werden auch alle Fenster, die während des langen Leerstands nicht zu Bruch gingen, nicht einfach entsorgt. Die Schlechtbacher Hilfsorganisation „Hoffnung für eine neue Generation“ wird diese als Spende nach Rumänien bringen. Sie sollen zusammen mit weiteren Hilfsgütern noch diese Woche in ein Sozialzentrum für Roma-Kinder nach Baia Mare kommen.

Ein Gebäude mit bewegter, teils unrühmlicher Geschichte

Mit dem Abbruch der 550 Quadratmeter großen Villa Bürglen wird ein bewegtes, aber nicht immer rühmliches Stück Rudersberger Ortsgeschichte verschwinden. Errichtet wurde sie im Jahre 1907 von dem Ulmer Fabrikanten Hermann Bürglen – übrigens als Hochzeitsgeschenk für seine Frau. Bürglen war als Unternehmer tätig, besaß unter anderem ein Elektrizitätswerk sowie eine Zigarren- und Spielzeugfabrik.

Die dunkle NS-Geschichte der Villa

Der Unternehmer war als schon früh und vor 1933 überzeugter Nationalsozialist einer der Mitbegründer der Partei in Rudersberg. Zur Zeit des Dritten Reiches unterstützte er das Regime aktiv, war unter anderem SA-Sturmführer und an der Verfolgung von Regimegegnern beteiligt.

Allerdings war die Villa zu dieser Zeit schon nicht mehr in seinem Besitz. Während der Wirtschaftskrise hatte der Fabrikant all seinen Besitz verloren, die Gemeinde in der Zwischenzeit die Immobilie erworben. Ab 1935 befand sich darin dann ein Umschulungslager des Bunds deutscher Mädel, auch die Hitlerjugend traf sich zeitweise dort, bevor die Villa Bürglen 1938 zum Arbeitsdienstlager für Mädchen umfunktioniert wurde.

Seit 1996 steht das Gebäude leer

Nach 1945 diente das Gebäude dann zunächst als Wohnstätte für Heimatvertriebene. In der Nachkriegszeit entstanden dort zunächst Lehrerwohnungen, später diente es als Obdachlosen- und Flüchtlingsheim. Seit 1996 steht die Villa Bürglen leer.

Alle Versuche, das Gebäude seitdem einer neuen Verwendung zuzuführen, scheiterten. Zwischenzeitlich gehörte das Gebäude dem Rudersberger Kino-Mogul Heinz Lochmann. Doch aus den Plänen, es zu einem Ärztehaus mit Kinderkrippe umzubauen, wurde nichts. Die Gemeinde kaufte das Gebäude zunächst zurück und veräußerte es dann aber wieder an einen privaten Investor. Als 2015 besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war es zunächst als Gemeinschaftsunterkunft im Gespräch. Das Dach und die Fenster wurden vom Investor saniert. Benötigt wurde es als Unterkunft aber letztlich doch nicht.

41 Wohneinheiten entstehen, darunter sozialer Wohnungsbau

Die Zeiten des Leerstands mitten in Rudersberg sind jetzt aber definitiv vorbei. Die Kreisbau-Gruppe und die Firma Schatz werden auf dem Areal rund um die Villa Wohnraum schaffen. Die dafür nötige Bebauungsplanänderung wurde vergangenes Jahr vom Rudersberger Gemeinderat einstimmig angenommen. Auch wenn manche Räte es eigentlich gerne erhalten hätten – die Kosten dafür wären schlicht zu hoch gewesen. Außerdem wird bezahlbarer Wohnraum in Rudersberg dringend benötigt.

Geplant sind nun zwei Mehrfamilienhäuser mit 41 Wohneinheiten mit Tiefgarage. Die Firma Schatz baut 18 Eigentumswohnungen, die Kreisbau 23 sozial geförderte Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen, bei denen die Gemeinde ein Vorschlagsrecht für die Belegung hat – beides werden fünfstöckige Flachdachbauten sein. Baubeginn: voraussichtlich September.

Ein Bagger hebt schwere Granitsteinplatten durch die Luft. Zwei Männer wuchten sie auf einen Kleinlaster. Begleitet werden die Arbeiten von dem Rattern eines Stemmhammers aus dem Gebäudeinneren. Das lockt Passanten an, die interessiert stehen bleiben und ihre Handys zücken. Denn lange wird eines der ortsbildprägenden Gebäude von Rudersberg nicht mehr stehen. Seit Wochenanfang ist das Plüderhäuser Abbruchunternehmen Bühler dort tätig. Bis Ende des Monats soll die 1907 erbaute Villa Bürglen im

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