Rudersberg

Pianist aus syrischen Trümmern: Aeham Ahmad ist am 12.11. zu Gast in Rudersberg

Aeham Ahmad
Aeham Ahmad auf seinem Klavier zwischen den Trümmern von Yarmouk. © Lamis al-Khatib

750 Tage war Aeham Ahmad ohne Strom, 500 Tage ohne fließend Wasser, in seinem Viertel Yarmouk grassierten Hunger und Cholera, als es während des Syrienkriegs einer monatelangen Belagerung durch das Regime standhalten musste. Und mittendrin saß dieser Mann an seinem Klavier und trug seine Lieder vor, umringt von Kindern, die zwischen Trümmern spielten.

Diese Bilder gingen damals um die Welt und machten den Sohn palästinensischer Geflüchteter schlagartig bekannt. „Am Anfang fanden es die Menschen verrückt“, erinnert er sich, „aber sie waren verzweifelt. Und die Musik kann eine Verbindung herstellen, wenn der Tod naht“, sagt Ahmad im auf Englisch geführten Gespräch.

Musiker und Instrumentenbauer: das Leben vor dem Krieg in Syrien

Vor dem Krieg hat der heute 34-Jährige sein Geld als Musiklehrer und Instrumentenbauer verdient, sein Leben sei nicht schlecht gewesen, sagt er. „Solange du dich aus der Politik herausgehalten und deine Meinung nicht geäußert hast, hat dich die Regierung in Ruhe gelassen.“ Doch er wusste um die potenzielle Grausamkeit des Assad-Regimes, das 1982 in der Stadt Hama ein Massaker angerichtet hat, bei dem Schätzungen zufolge mehr als 20.000 Menschen starben.

„2011 hat sich mein Blick auf die Politik geändert“, sagt der Musiker mit Blick auf die Arabische Rebellion und den darauf folgenden Krieg. „Mir wurde klar, dass es nicht nur wichtig ist, genug zu essen zu haben“. Er entdeckte die Bedeutung der Freiheit.

Wobei ab 2013 aufgrund der Belagerung in Yarmouk auch nicht mehr genug zu essen da war. In dem gut zwei Quadratkilometer großen Stadtteil von Damaskus wohnten damals rund 150.000 Palästinenser, die einst vor dem Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind und seitdem mit einem Flüchtlingsstatus in Syrien lebten.

Mit einem Karren transportierte er das Piano durch die zerbombte Stadt

„Der Wunsch, frei zu sein, war es, der mich dazu brachte, mit dem Piano zwischen den Trümmern zu spielen.“ Dass er im Freien spielte, habe aber auch ganz praktische Gründe gehabt. Die Siedlung war ohne Strom und zerbombt, „innen drin war es einfach zu dunkel“. Das Leben in dem Viertel sei immer schwieriger geworden. Ein Großteil der Mensch floh.

Aeham Ahmad aber blieb zunächst, denn „ich wollte Musik machen, um den Menschen etwas Hoffnung zu geben“. Mit seinem Karren transportierte er deshalb sein Klavier durch die zerbombten Straßen und spielte an verschiedenen Plätzen. Schnell stellte er fest: „Die Leute wollten nicht Chopin oder Mozart von mir hören, sondern Musik zum Tanzen, vor allem die Kinder.“ Und so schrieb Ahmad schließlich seine eigenen fröhlich-traurigen Stücke, etwa über die Mühen des Wassertragens, die damals zum Alltag gehörten. Für Ahmad waren die Auftritte nicht zuletzt aber auch eine Möglichkeit, sich als Künstler zu präsentieren. Denn kurz vor Kriegsbeginn hatte er sein Musikstudium beendet und wollte fortan sein Leben als Musiker in Syrien bestreiten.

Doch es sollte anders kommen. Im Frühjahr 2015 nahm die Miliz des „Islamischen Staates“ (IS) sein Viertel ein, dessen Einwohnerzahl inzwischen auf gerade einmal 15.000 Menschen geschrumpft war. Der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem „Todeslager“. Zitat: „Im syrischen Horror ist das Flüchtlingslager Yarmouk die tiefste Hölle.“

Warum Ahmad schließlich aus Syrien flüchten musste

Aus der floh Ahmad schließlich. „Dabei wollte ich Syrien eigentlich wirklich nicht verlassen“, berichtet er, „aber die Situation wurde immer schlimmer.“ Der Musiker sagt, er sei auf der schwarzen Liste des IS (der später sein Klavier verbrannte) und des Assad-Regimes gestanden, das seinen Bruder im Jahr 2012 festgenommen und verschleppt habe. Bis heute wisse er nicht, was mit ihm passiert sei. Um seinen beiden Kindern und seiner Frau ein neues Leben zu ermöglichen, wählte er die Route über Libyen und das Mittelmeer. „Ich ging zunächst alleine, weil der Weg sehr gefährlich war.“

Sein Plan war es, alle drei später nachzuholen. Seine Flucht führte ihn dann nach Deutschland. Genau zu jenem Zeitpunkt im Herbst 2015 war die Willkommenskultur hierzulande sehr groß und die Kanzlerin meinte: „Wir schaffen das.“

"Ich hatte extremes Glück", sagt der 34-Jährige

Im Rückblick weiß Ahmad: „Ich hatte extremes Glück.“ Weil er schnell Anschluss fand in Deutschland und Menschen traf, die ihn unterstützten. Weil er direkt Arbeit fand und seine Familie nach einem Jahr nachholen konnte – „das geht nicht allen so“. Aber auch, weil er bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad besaß – und als er in Deutschland ankam, von Reportern der BBC und der Süddeutschen Zeitung interviewt wurde. „Dadurch hatte ich Möglichkeiten, die anderen Geflüchteten verwehrt blieben.“ Ahmad wurde später gar Preisträger des Beethovenpreises für Menschenrechte.

Heute lebt er mit der ganzen Familie in Nordrhein-Westfalen, auch Vater und Mutter konnte er aus Syrien holen. In einem kleinen, verschlafenen Teilort der Stadt Warburg wohnen sie. Die ländliche Ruhe genießt er durchaus. „Ich habe lange Zeit unter sehr vielen Menschen gelebt“, sagt er mit Blick auf das Flüchtlingsviertel Yarmouk. „Ich komme aber auch oft raus nach Berlin oder Hamburg.“

Seine Geschichte hat Aeham Ahmad vor fünf Jahren in „Und die Vögel werden singen“ erzählt. Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Der 34-Jährige ist nach wie vor als Musiker aktiv. Davon leben kann er seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie aber nicht mehr. Seinen Lebensunterhalt verdient er im Moment als Tischler. Schließlich muss er für seine Eltern sorgen und ist inzwischen noch einmal Vater geworden.

Was in Rudersberg bei seinem Auftritt geboten ist

Im Moment ist der Künstler unterwegs auf einer kleinen Konzertreise durch Deutschland. Diese Woche wird er auch in Rudersberg gastieren. Darbieten will Aeham Ahmad dann seine eigenen Kompositionen, die zwischen Klassik und Jazz, orientalischer Musik und Sufi-Mystik changieren. „Ich vermische außerdem syrische und deutsche Volksmusik“, sagt er. Zu hören gibt es Lieder wie „Gedanken sind frei“ oder „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Außerdem wird an dem Abend aus seiner Autobiografie „Und die Vögel werden singen“ gelesen.

Ahmad sucht den Dialog zwischen den Kulturen

Dass er als muslimischer Musiker auf Einladung einer christlichen Gemeinde auftritt, will Aeham Ahmad übrigens durchaus symbolisch verstanden wissen. „Das ist eine wichtige Botschaft“, findet der 34-Jährige. Der interreligiöse Dialog liegt ihm nämlich am Herzen. Daher wird er auch eine Woche später in der nordrhein-westfälischen Stadt Marl im Rahmen des Abrahamsfests gemeinsam mit jüdischen und christlichen Musikern auftreten – und einer neuen Komposition, die der syrisch-palästinensische Pianist gemeinsam mit dem Filmkomponisten André Buttler geschaffen hat.

Das Konzert und die Lesung mit Aeham Ahmad finden am Samstag, 12. November, um 19 Uhr übrigens im Rathaus-Foyer Rudersberg statt. Der Musiker konzertiert auf Einladung des Stehauf-Teams der evangelischen Kirchengemeinde. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Weitere Informationen zu dem Künstler unter www.aeham-ahmad.com/de.

750 Tage war Aeham Ahmad ohne Strom, 500 Tage ohne fließend Wasser, in seinem Viertel Yarmouk grassierten Hunger und Cholera, als es während des Syrienkriegs einer monatelangen Belagerung durch das Regime standhalten musste. Und mittendrin saß dieser Mann an seinem Klavier und trug seine Lieder vor, umringt von Kindern, die zwischen Trümmern spielten.

Diese Bilder gingen damals um die Welt und machten den Sohn palästinensischer Geflüchteter schlagartig bekannt. „Am Anfang fanden es

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