Rudersberg

Von Rudersberg nach Costa Rica: Weshalb Familie Chaineux Auswandern nicht bereut

Katja Chaineux Costa Rica
Karibikstrand statt Streuobstwiesen: Katja Chaineux in ihrer neuen Heimat Costa Rica. © privat

Wenn nicht gerade Fußball-Weltmeisterschaft ist und Deutschland um den Einzug ins Achtelfinale zittern muss gegen Costa Rica wie an diesem Donnerstagabend, steht der Karibikstaat eher selten im Fokus der medialen Berichterstattung. Dabei hat das gut fünf Millionen Einwohner zählende Land eine ganze Menge zu bieten.

Viel Natur, sicheres Land: Die Vorzüge von Costa Rica

Allen voran ist das die beeindruckende Natur, geprägt von hohen Bergen, ausgedehnten Regenwäldern, traumhaften Stränden an gleich zwei Weltmeeren und viel unberührter Urzeitlandschaft. Nicht ohne Grund wurde hier der Film Jurassic Park gedreht. Grün ist aber auch die Politik: Große Teile von Costa Rica sind Naturschutzgebiete oder gar Unesco-Weltkulturerbe. Und seine Energie produziert das Land komplett selbst – aus erneuerbaren Energien.

Für Katja Chaineux ist der kleine Karibikstaat vor gut einem Jahr zur neuen Heimat geworden. Sie und ihr Mann Marc haben damals ihre gut bezahlten und sicheren Jobs sowie das Einfamilienhaus in Rudersberg aufgegeben, um am anderen Ende der Welt ein neues Leben zu beginnen. Doch wie kam es zu diesem radikalen Schritt?

Wieso die Familie plötzlich auswandern wollte

„Unser Leben war eigentlich ganz in Ordnung“, berichtet die 41-Jährige. Der Wunsch, ein anderes Leben zu führen, sei aber immer da gewesen, nur noch nicht so ausgeprägt und bewusst. Irgendetwas habe immer gefehlt. Der Ausbruch der Pandemie habe sie dann komplett aus der Komfortzone geholt und die Frage aufgeworfen: „Was wollen wir überhaupt?“ Sie und ihr 44-jähriger Mann hätten darin schließlich eine Chance gesehen, das Leben endlich einmal selbst zu gestalten, „es zu 100 Prozent so zu machen, wie wir es wollen“.

Klar war, dass die beiden ans Meer wollten, in ein sicheres Land, auch wegen ihrer beiden Kinder im Alter von fünf und acht Jahren. Und Costa Rica ist, für mittelamerikanische Verhältnisse, sehr sicher. Es verfügt zudem über ein gutes Gesundheits- und Bildungssystem. Seit 1948 hat das Land obendrein kein Militär mehr. Und seitdem fand dort auch kein Krieg statt.

Wo die Familie ein neues Zuhause fand

An der Pazifikseite des Karibikstaates wurden die Rudersberger schließlich fündig, und zwar auf der Halbinsel Nicoya im Bezirk Paquera. Zuvor haben sie viele Videocalls mit Menschen vor Ort geführt, um sich ein umfassendes Bild zu machen. 150.000 Euro mussten sie als Sicherheit nachweisen, um schließlich eine befristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Nicoya sei eine der weltweit sieben blauen Zonen, erklärt Chaineux. Geografische Gebiete sind das, in denen es sehr wenige chronische Krankheiten gibt und die Menschen besonders lang leben, nicht selten über 100 Jahre alt werden. „Natur und Wasserqualität sind hier sehr gut“, sagt die Auswanderin.

Der Ort, an dem sie sich niedergelassen haben, sei mit seinen 10.000 Einwohnern vergleichbar mit Rudersberg, in Costa Rica aber ein Kleinzentrum mit eigenem Schulzentrum und Krankenhaus.

Wie sich das Leben in Costa Rica von Deutschland unterscheidet

Wobei die 40-Jährige findet, dass ihre neue Heimat ohnehin wie ein einziges riesiges Dorf sei. „Das Leben ist ganz anders als in Deutschland“, sagt Chaineux. „Es gibt mehr Miteinander. Was man glaubt, tut oder hat, spielt fast keine Rolle. Die Gemeinschaft ist sehr viel ausgeprägter.“ Auch sei die Grundhaltung der Leute hier viel entspannter. „Die Menschen brennen nicht so aus, weil man hier mehr wertgeschätzt wird.“

Der Alltag unterscheidet sich zudem sehr vom Wieslauftal. In Costa Rica ist es das ganze Jahr über warm, es regnet viel. Und wenn sie nun morgens aufsteht, kann es schon mal vorkommen, dass Brüllaffen durch ihren Garten hüpfen. „Man muss die Natur schon lieben, wenn man hierherzieht“, findet Katja Chaineux.

"Da ist eine große Neugier da"

Die offene Mentalität der Menschen unterscheide sich ebenfalls stark von Deutschland. „Wir haben uns sehr schnell wohlgefühlt in der Gemeinde, wir wurden schnell angesprochen.“ Was ihnen dabei zugutegekommen sei: „Costa Ricaner halten sehr viel von den Deutschen“, sie gelten dort als sorgfältig, organisiert und pünktlich, während es in Costa Rica völlig in Ordnung sei, mit einer halben Stunde Verspätung zu kommen.

Viele habe es überrascht, dass die Familie ihr geordnetes Leben in Deutschland aufgegeben hat. „Aber sie fanden es auch interessant.“ In Costa Rica traf die Familie auf viele aufgeschlossene Menschen. „Man wusste direkt, wer ich bin. Man interessierte sich sehr für uns als Menschen und unsere Kultur. Da ist eine große Neugier da.“ Was auch daran liege, dass es nur wenige Ausländer in dem Land gibt, ausgenommen Touristen, was in Anbetracht der beeindruckenden Natur auch nicht verwunderlich ist.

Die deutsche Community in dem Land ist indes sehr überschaubar. Wenige Tausend Auswanderer leben in Costa Rica. In jener Region, wo die Familie heute wohnt, hätten sich gerade mal eine Handvoll Familien niedergelassen. Auf dem Land spreche zudem niemand Englisch. Auch deshalb hätten sie die Landessprache schnell beherrscht. „Wir sprechen alle fließend Spanisch und haben keine Probleme, auch komplexe Gespräche zu führen.“

Wie die Kinder in dem neuen Land ankamen

Und wie geht es den Kindern mit dem neuen Lebensmittelpunkt? Leicht sei es besonders ihrem Sohn gefallen, der die Schule in Deutschland ja nur unter Pandemiebedingungen erlebt habe. Schwerer habe sich ihre Tochter am Anfang getan. „Sie war ja gerade zwei Jahre alt, als die Pandemie losging. Nachdem der Kindergarten dann so lange geschlossen war, konnte sie eine Zeit lang kein Vertrauen zu Erwachsenen mehr fassen und war sehr verschlossen.“

Ab vier Jahren gebe es in Costa Rica eine verpflichtende Vorschule. „Sie wollte da zuerst nicht hingehen.“ Doch das Schulsystem in dem Land sei liebevoller und menschlicher als in Deutschland, es stünde weniger die Leistung im Mittelpunkt. „Nach einer Woche hat sie dann bemerkt: Ich kann zwar kein Spanisch, das ist aber nicht so wichtig, weil die sich für mich interessieren und trotzdem mit mir sprechen.“

Positives Fazit nach gut einem Jahr Costa Rica

Nach gut einem Jahr zieht die Mutter daher ein rundum positives Fazit: „Für beide Kinder war das ein enormer Booster für das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit.“ Sie hätten gelernt, dass Sprache etwas Relatives ist und es andere Wege gibt, um sich mitzuteilen. „Das war eine sehr prägende Erkenntnis, die Kinder sind sehr daran gewachsen.“

Aber auch als Paar habe diese gemeinsame Erfahrung die Bindung gefestigt. So wie sie als Familie insgesamt stärker zusammengewachsen seien. „Wir haben unglaublich davon profitiert“, findet die 41-Jährige, die in Deutschland in der Beschaffungslogistik und der Entwicklung sowie als Coach im Softwarebereich tätig war.

In Costa Rica hat sich die studierte Psychologin nun selbstständig gemacht – als Coach. „Ich helfe anderen, zu entscheiden, wo es in ihrem Leben hingehen soll. Ich führe sie da hin und dann setzen wir es gemeinsam um.“ Lebensrocker heißt ihre Firma. Und ihr Motto lautet: „Weniger Aktionismus, sondern mehr nachhaltige Action“. Die meisten Kunden seien aus dem deutschsprachigen Raum.

Ihr Mann unterstützt sie bei der Technik, arbeitet aber für einen Investor. Nebenan baut die Familie an ihrem Haus. Über ihre Erfahrungen berichtet Katja Chaineux auf dem Blog www.lebensrocker.com.

Fehlt den Chaineux etwas vom Leben in Deutschland?

Vermissen sie etwas in ihrem neuen Leben? „Nichts außer ein paar liebe Menschen in Deutschland“, sagt Chaineux, ohne lange überlegen zu müssen. Manchmal habe sie Lust auf Camembert oder Salami, „da muss man weit fahren, das gönnt man sich dann ab und zu“. Und ja, das Brot in Costa Rica sei nicht so toll. Ansonsten sagt sie: „Wir gehören hier einfach hin.“ Und sie stellt fest: „Meine Vorstellung davon, was ich vermissen werde, war völlig falsch.“

Für alle, die mit ihrem jetzigen Leben hadern, hat Katja Chaineux daher noch folgende Botschaft: „Man sollte immer hinhören und sich selbst vertrauen, man kann alles lernen, vielleicht nicht supergut, aber auf einem Level, das ausreicht. Und: Es ist viel leichter, als man denkt, wenn man mal eine Veränderung herbeiführt.“

Wenn nicht gerade Fußball-Weltmeisterschaft ist und Deutschland um den Einzug ins Achtelfinale zittern muss gegen Costa Rica wie an diesem Donnerstagabend, steht der Karibikstaat eher selten im Fokus der medialen Berichterstattung. Dabei hat das gut fünf Millionen Einwohner zählende Land eine ganze Menge zu bieten.

Viel Natur, sicheres Land: Die Vorzüge von Costa Rica

Allen voran ist das die beeindruckende Natur, geprägt von hohen Bergen, ausgedehnten Regenwäldern,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper