Rudersberg

Was kleine Kommunen wie Rudersberg gegen die Folgen des Klimawandels tun können

Jahresrückblick 2018_6
Der Klimawandel ist in vollem Gang. © Schneider/ZVW

Mehr heiß-trockene Sommertage, verregnetere Winter und eine Zunahme von Extremwetterereignissen: Das sind nur einige der Folgen, die der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten mit sich bringen wird. Die großen Anstrengungen gegen diese Entwicklung müssen global geführt werden. Doch auch auf lokaler Ebene gibt es Möglichkeiten, zumindest für eine bessere Anpassung an die Folgen.

In Rudersberg wird das Thema gerade systematisch angegangen. Seit bald einem Jahr gibt es mit Rudolf Scharer einen Klimamanager. Außerdem nimmt die Kommune am European Energy Award teil, einem Verfahren, mit dem der Klimaschutz in einer Gemeinde bewertet, regelmäßig überprüft und Klimaschutzpotenziale identifiziert werden. Jetzt wird mit fachlicher Beratung ein Handlungsleitfaden für Maßnahmen zum Klimaschutz erarbeitet. Das hat der Gemeinderat einstimmig beschlossen.

Welche Möglichkeiten es auf kommunaler Ebene gibt, darüber hat zuvor Stefanie Lorenz im Gremium referiert. Lorenz ist Beraterin für Klimaanpassung und Mitarbeiterin des Klimaforschers Prof. Rüdiger Glaser an der Uni Freiburg sowie Geschäftsführerin der Beratungsfirma Klima Plus. Außerdem leitet sie aktuell ein Forschungsprojekt an der Uni Freiburg, das sich mit lokalen Strategien von kleineren und mittleren Kommunen beschäftigt.

„Selbst wenn jetzt alle Emissionen gestoppt werden, würde der Klimawandel trotzdem stattfinden, weil wir bereits so viel CO2 emittiert haben“, sagte Lorenz. „Deshalb ist es aus meiner Sicht nicht richtig, von einem Klimawandel zu sprechen. Das suggeriert, dass es sich langsam ändert, ehrlicherweise müsste man von einer Klimakrise sprechen.“ Überall, sei es der Anstieg des Energieverbrauchs, der Verlust tropischer Waldflächen oder die Ozeanversauerung – sei in den letzten Jahren eine beschleunigte Veränderung zu sehen.

Auf kommunaler Ebene habe die Bekämpfung der Ursachen, also der Klimaschutz, erste Priorität. „Denn je effektiver dieser funktioniert, desto geringer ist der Anpassungsdruck.“ Aber auch die Anpassung an die Folgen sei extrem wichtig.

Wer wird überhaupt wie stark von den Folgen betroffen sein?

  • Unmittelbar betreffen wird es die Landwirtschaft: durch mehr Trockenheit und Dürre im Sommer, häufigere Früh- und Spätfröste, verstärkte Bodenerosion durch Starkregen sowie neue Krankheiten und Schädlinge.
  • Unmittelbar betroffen ist auch die Forstwirtschaft: Der Trockenstress macht die Bäume anfälliger für Schädlinge, Sturmschäden werden zunehmen und die Waldbrandgefahr steigen.
  • Der Klimawandel hat auch Folgen für die Stadt- und Raumplanung: Die zunehmende Hitze wird insbesondere Menschen über 70, kleinen Kindern und chronisch Kranken zu schaffen machen. Häufigere Extremwetterereignisse müssen berücksichtigt werden. Außerdem werden sich die Nutzungskonflikte verschärfen: etwa zwischen notwendiger Nachverdichtung und dem steigenden Bedarf an Grünflächen als Kaltluftschneisen.
  • Für den Bereich Bauen und Wohnen bedeutet das: Der Heizwärmebedarf wird sinken, der Kühlbedarf steigen. Außerdem können vermehrte Starkniederschläge zu einer mangelnden Durchspülung der Kanalisation führen.

Klimaanpassung, so Lorenz, sollte daher als Daseinsvorsorge für die Entwicklung einer zukunftsfähigen, lebenswerten Gemeinde verstanden werden. „Eine frühzeitige Investition in Anpassungsmaßnahmen ist auf jeden Fall viel günstiger, als nachher die Schäden beseitigen zu müssen.“ Klimaschutz sei kein „On-top-Thema“, sondern müsse bei der kommunalpolitischen Planung immer mitgedacht werden.

Welche beispielhafte Anpassungsmaßnahmen gibt es?

  • Für die Landwirtschaft wurde zum Beispiel im Landkreis Reutlingen ein Neun-Punkte-Plan zum Umgang mit Trockenheit im Getreideanbau entwickelt. Kommunen können in diesem Bereich Schulungen oder Förderprogramme anbieten.
  • Gegen die Hitze im öffentlichen Raum helfen Verschattungen, etwa durch Sonnensegel und Bäume sowie Baumaterialien, die sich nicht so stark aufheizen.
  • Bei Gebäuden helfen Verschattungen mit automatischer Steuerung, innenliegende Balkone oder Markisen.
  • Bei Neubau- und Gewerbegebieten helfen Baumreihen mit Versickerungsmulden. So werden die Bäume bewässert und geben zugleich Schatten. Sinnvoll sind außerdem kleine Rückhalteflächen für den Hochwasserschutz.
  • Ein besonderes Problem ist die Hitzeentwicklung auf versiegelten Flächen. Bei einer Lufttemperatur von 30 Grad Celsius steige sie bei starker Versiegelung auf gefühlte 45 Grad. „Deshalb ist es sinnvoll, über Begrünung auf öffentlichen Flächen im Straßenraum und auf Plätzen nachzudenken“, sagte Lorenz. Der Baumbestand sollte innerorts erhalten und neuer aufgebaut werden. Auch Dachbegrünungen hätten sehr viele positive Auswirkungen auf das Mikroklima: Sie würden nachts kühlen, dafür sorgen, dass Dächer nicht so stark angegriffen werden, die Biodiversität fördern sowie den Abfluss des Regenwassers verlangsamen.

Wie läuft die nun anstehende Anpassungsplanung ab?

  • Zunächst werden die Rahmenbedingungen analysiert: Wie betroffen und wie von den Folgen gefährdet ist die Gemeinde? Wo muss möglichst schnell gehandelt werden? Dazu soll es einen Workshop geben mit den wichtigsten Akteuren. Diese Analyse wird etwa sechs bis neun Monate in Anspruch nehmen.
  • In einem nächsten Schritt werden dann die bestehenden Maßnahmen erhoben, ein Handlungsleitfaden erarbeitet, neue Maßnahmen geplant und durchgeführt.

Dieser Prozess wird insgesamt rund zwei Jahre dauern. Die Kommune erhält dafür Fördergelder aus dem Programm „Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg“. Die Einstiegsberatung (Kosten: 3500 Euro) wird zu 80 Prozent vom Land gefördert, die Vertiefungsberatung (Kosten: 6500 Euro) zu 65 Prozent.

Wolfgang Bogusch (Rudersberger Bürger) sagte, er finde den Fokus dieses Prozesses sehr spannend, weil er nicht nur in die Analyse, sondern auch in die praktische Umsetzung gehe. Und er wollte wissen, ob es zu dem Thema eine Art Forum gebe von Kommunen, die hierzu bereits Erfahrungen gesammelt haben. Solche Vernetzungsmöglichkeiten gebe es, sagte Lorenz, etwa als Arbeitsgruppe beim Städtetag. Allerdings seien bislang vor allem Großstädte aktiv. Nur wenige kleine und mittlere Kommunen seien hier tätig geworden. Im Rahmen ihres Forschungsprojekts an der Uni Freiburg biete sich eine solche Vernetzung aber an.

Brigitte Klotz (SPD) erinnerte daran, dass ja gerade eine Reihe von Baugebieten in der Planung seien. Sie fragte sich: „Was, wenn wir jetzt planen und erst in zwei Jahren feststellen, was wir alles falsch gemacht haben?“ Worauf Stefanie Lorenz erwiderte, dass der Prozess Anfang 2021 starte. „Wenn wir in die Analyse einsteigen können wir das direkt angehen.“

Mehr heiß-trockene Sommertage, verregnetere Winter und eine Zunahme von Extremwetterereignissen: Das sind nur einige der Folgen, die der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten mit sich bringen wird. Die großen Anstrengungen gegen diese Entwicklung müssen global geführt werden. Doch auch auf lokaler Ebene gibt es Möglichkeiten, zumindest für eine bessere Anpassung an die Folgen.

In Rudersberg wird das Thema gerade systematisch angegangen. Seit bald einem Jahr gibt es mit Rudolf

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper