Rudersberg

Weshalb es am Rudersberger Schulzentrum jetzt eine "Klagemauer" gibt

Geh-Weg
Die Klagemauer von Rudersberg: Hier können die Schüler ihre Wünsche oder Gebete hinterlassen. © Gabriel Habermann

In den Streuobstwiesen oberhalb des Schulzentrums hängen bunte Schmetterlinge aus Papier an einem Baum. Auf vielen steht „Freunde“ oder „Familie“, aber auch „Mein Hund“ oder „Handball“ ist dort zu lesen. Es sind Antworten auf die Frage „Was macht dein Leben bunt und schön?“ Auch die Schüler der Klasse 9 b sollen sich darüber Gedanken machen. Sie sind gemeinsam mit Schulseelsorgerin Renate Hieber unterwegs auf dem „Geh-Weg“.

Der seelsorgerische Bedarf ist groß

An insgesamt sieben Stationen, die sich über das gesamte Schulgelände verteilen, stellt dieser Besinnungsweg Fragen und gibt Anstöße zum Überlegen. „Wir wollten damit eine Möglichkeit schaffen, um aufzuarbeiten, was war – und wieder zusammenzufinden als Klasse“, sagt Hieber, die den Weg gemeinsam mit Religionslehrerin Christine Kuhn und Schulsozialarbeiterin Eveline Luts gestaltet hat. Schließlich hätten sich in der langen Lockdown-Pause viele monatelang nicht mehr persönlich gesehen. Zudem entfalle in diesem Schuljahr so einiges, was die Gemeinschaft fördere, wie etwa das Schullandheim. Die Nachfrage nach seelsorgerischer Unterstützung sei gerade groß, berichtet Hieber. Mit dem „Geh-Weg“ habe die Schule eine Möglichkeit, diese auch in den Unterricht einzubeziehen.

Wenige Meter weiter haben die Mädchen und Jungen dann an einer „Klagemauer“ die Möglichkeit, das, was sie bedrückt, in Worte zu fassen und Zettel in die Ritzen der Backsteine zu stecken. Aber auch Bitten, Dank oder Gebete können die Jugendlichen formulieren. Die Zettel werden regelmäßig von Renate Hieber sowie ihren Kolleginnen eingesammelt und ungelesen verbrannt, „damit die Gebete in den Himmel aufsteigen“, so die Schulseelsorgerin. An der echten Klagemauer in Jerusalem, die als Vorbild diente, geschehe das genauso. Auf diese Weise sollen sich Sorgen und Ängste in Licht und Wärme verwandeln.

Die Perspektive wechseln und Probleme in die Tonne treten

Nachdenken über die Schulzeit und das eigene Leben können die Schüler der 9 b dann weiter unten am Hang an der Station „Bilderrahmen“. Dort steht nämlich ein bilderloser Rahmen, der, je nach Perspektive, ganz unterschiedliche Ansichten ermöglicht. „Man kann immer etwas anderes betrachten und die Gebäude sehen, in denen man schon war“, sagt Louisa. „Wenn man die Dinge von nahem betrachtet, werden sie groß, von weitem kleiner.“ Das ließe sich auch auf die eigenen Probleme übertragen, findet die Neuntklässlerin.

Apropos Probleme: Auf dem „Geh-Weg“ gibt es als Station auch eine „Tonne“. In diese können die Schüler Zettel werfen, auf denen sie schlechte Gedanken oder das, was nicht so einfach läuft im Leben, notieren. Zuvor müssen sie sich aber zunächst Gedanken machen, was sie künftig hinter sich lassen möchten und welche Erinnerungen sie am liebsten sprichwörtlich in die Tonne treten wollen. Wichtig sei es, so Hieber, diese dann auch tatsächlich hinter sich zu lassen. „Lass es getrost in der Tonne, du hast es ja entsorgt“, sagt sie zu den Schülern.

Wohin führt mein Weg? Wie geht es jetzt weiter?

Stattdessen sollen sie den Blick in die Zukunft richten. Darum geht es bei der Station „Wegweiser“. Gerade mit Blick auf die Schulzeit, die bei den Neuntklässlern allmählich auf die Zielgerade zusteuert, sollen sie sich fragen: Wie geht es jetzt weiter? Wohin führt mein Weg? Welche Entscheidungen stehen jetzt an? Darüber können die Mädchen und Jungen entweder selbst oder gemeinsam im Gespräch mit Freunden und Mitschülern nachdenken.

Auch für das „Miteinander“ gibt es auf dem Weg eine eigene Station. Hier können die Schüler darüber nachdenken, wer sie in der letzten Zeit begleitet hat, auf welche Wegbegleiter sie besser hätten verzichten können und mit wem sie noch möglichst lange gemeinsam gehen wollen.

Darum geht es dann bei der letzten Station, dem „Rucksack“. Einen solchen hat schließlich jeder zu tragen - aber nicht nur für die Schulsachen. Denn all die Erfahrungen, die in der Schulzeit gesammelt wurden, lassen sich auch wie ein unsichtbarer Rucksack vorstellen. Deshalb sollen sich die Schüler nun Gedanken darüber machen, was sie aus der Schulzeit für die Zukunft mitnehmen wollen, was sie lieber in der „Tonne“ entsorgen wollen und wen oder was sie für ihre Zukunft benötigen.

Was die Schüler von dem Spaziergang mitnehmen

Ganz schön viele philosophische Fragen, die sich während des einstündigen Spaziergangs stellen! Was haben die Mädchen und Jungen der 9 b von dem „Geh-Weg“ letztlich mitgenommen? „Dass die Schulzeit viel zu schnell vergangen ist“, findet Ines. „Dass man mehr die kleinen Dinge schätzen sollte“, meint Fabienne. „Dass man mal runterkommen kann von der Schulzeit“, sagt Louisa, die außerdem findet, dass die Klassengemeinschaft mit den Jahren viel besser geworden ist. Und dass sie sich dennoch auf die Zukunft nach dem Schulabschluss freue, in der „alles anders, alles neu“ sein werde. „Die Klasse ist toll“, findet auch Maria. Denn „Corona hat uns nicht auseinandergebracht“.

In den Streuobstwiesen oberhalb des Schulzentrums hängen bunte Schmetterlinge aus Papier an einem Baum. Auf vielen steht „Freunde“ oder „Familie“, aber auch „Mein Hund“ oder „Handball“ ist dort zu lesen. Es sind Antworten auf die Frage „Was macht dein Leben bunt und schön?“ Auch die Schüler der Klasse 9 b sollen sich darüber Gedanken machen. Sie sind gemeinsam mit Schulseelsorgerin Renate Hieber unterwegs auf dem „Geh-Weg“.

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