Rudersberg

Weshalb Rudersberg eine neue Ortsdurchfahrt bekam und was sie so besonders macht

Shared space
Die Fußwege und Straßen wurden in Rudersberg weitgehend einheitlich gestaltet. © Gabriel Habermann

Die Gemeinde Rudersberg ist seit vielen Jahren geplagt vom Durchfahrtsverkehr. Ein neues Verkehrskonzept sollte für Abhilfe sorgen. Wie funktioniert es – und wie fällt nach sieben Jahren die Bilanz aus?

Welches Problem sollte das Verkehrskonzept lösen?

Durch die Teilorte der Gemeinde führt eine Landesstraße, auf der teils mehr als 10 000 Fahrzeuge pro Tag fahren. Um die Bürger von Lärm und Verkehr zu entlasten, war eine Umgehungsstraße zwischen Schorndorf und Rudersberg geplant. Dies stieß bei der Bevölkerung auf Kritik. „Der Charakter des Tals hätte sich dadurch total verändert“, sagt Wolfgang Bogusch, Sprecher der Bürgerinitiative „Lebenswertes Wieslauftal“, die sich damals gegründet hat. Bei einem Bürgerentscheid im Herbst 2007 sprachen sich 72 Prozent gegen die Straße aus. Als Alternative schlug die Bürgerinitiative die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt vor.

Was war die Grundidee hinter der Neugestaltung?

Vorgeschlagen hatte die Bürgerinitiative unter anderem eine Temporeduzierung und Kreisverkehre. Der damalige Bürgermeister Martin Kaufmann (heute als Martin Georg Cohn OB in Leonberg), griff die Idee auf. Ursprünglich angedacht war eine Lösung in Form eines sogenannten „Shared space“, also des Umbaus einer auf den Autoverkehr ausgerichteten Ortsdurchfahrt hin zu einem öffentlichen Raum, den sich Fußgänger und Autofahrer gemeinsam teilen.

Was wurde konkret in Rudersberg verändert?

Die reine Idee eines „Shared space“ wurde vom Verkehrsministerium zwar abgelehnt, erinnert sich der ehemalige Bürgermeister Cohn. Ein darauf fußendes Konzept zur Verkehrsberuhigung aber begrüßt. In mehreren Bauabschnitten wurde von 2010 bis 2015 auf einer Länge von 650 Metern die Ortsdurchfahrt komplett neu gestaltet. Kostenpunkt: 3,5 Millionen Euro. So wurden die Bordsteine abgesenkt, die Fußgängerwege verbreitert, das Tempo auf 30 Stundenkilometer verringert, kleine Kreisverkehre eingeführt und die Anzahl der Verkehrsschilder deutlich reduziert. Es gibt jetzt Blindenleitsysteme, moderne Straßenleuchten und Sitzgelegenheiten am Straßenrand. Außerdem wurde ein einheitlicher Pflasterbelag verlegt. Optisch sind die Gehwege von der Durchfahrtsstraße deshalb in Teilabschnitten kaum mehr zu unterscheiden.

Welchen Effekt hatten diese Maßnahmen?

„Rudersberg hat dadurch komplett gewonnen“, findet der frühere Bürgermeister Cohn. Die Aufenthaltsqualität in der Ortsmitte wurde verbessert. Durch die breiteren Gehwege gibt es jetzt die Möglichkeit, Außengastronomie anzubieten. Tempo 30 schuf mehr Sicherheit für Fußgänger. Außerdem haben der Pflasterbelag und die optische Einheit von Straße und Bürgersteig einen verkehrspsychologischen Effekt auf die Autofahrer, wie Raimon Ahrens, amtierender Bürgermeister der 11 500-Einwohner-Gemeinde berichtet: „Die Aufmerksamkeit beim Fahren steigt“. Auch Wolfgang Bogusch von der Bürgerinitiative, der heute mit einer Fraktion im Gemeinderat vertreten ist, sagt: „Mit der Gestaltung bin ich grundsätzlich zufrieden“.

Wie war die Reaktion auf die Umgestaltung in der Bürgerschaft?

„Am Anfang war sie nicht unumstritten“, erinnert sich Cohn. Auch, weil manches nicht so funktionierte wie gedacht. Etwa die Leuchten, mit denen der verdolte Bach unter der Ortsdurchfahrt nachgebildet werden sollte. Zwar hat sich der Verkehr durch die Umgestaltung etwas reduziert. Doch rollen nach wie vor viele Laster durchs Wieslauftal, die Gemeinde strebt deshalb weiter ein Durchfahrtsverbot für Schwerlastverkehr an. Umstritten war von Anfang an auch der Pflasterbelag. Wolfgang Bogusch und seine Gemeinderatsfraktion der „Rudersberger Bürger“ hatten diesen stets abgelehnt: weil er etwas lauter als Asphalt und auch für die Belastung etwa durch Schwerlastverkehr nicht immer geeignet sei.

Dem Vernehmen nach wünscht sich unterm Strich in Rudersberg aber niemand mehr die alte Ortsdurchfahrt zurück.

Wie bewertet die Fachwelt die Umsetzung?

Das Rudersberger Rathaus erhält immer wieder Anfragen von anderen Gemeinden oder Hochschulen, die sich jenes Verkehrskonzept anschauen möchten, das 2016 den 2. Platz beim Deutschen Verkehrsplanungspreis erhielt. „Aus einer Ortsdurchfahrt für Autos wurde ein öffentlicher Straßenraum, der einlädt, zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Auto mobil zu sein“, äußerte sich Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zur Umgestaltung. Und Prof. Hartmut Topp, der ehemalige Leiter des Instituts für Mobilität und Verkehr an der TU Kaiserslautern, findet: „Rudersberg kann sich sehen lassen und ist für mich ein Vorzeigebeispiel“.

Die Gemeinde Rudersberg ist seit vielen Jahren geplagt vom Durchfahrtsverkehr. Ein neues Verkehrskonzept sollte für Abhilfe sorgen. Wie funktioniert es – und wie fällt nach sieben Jahren die Bilanz aus?

Welches Problem sollte das Verkehrskonzept lösen?

Durch die Teilorte der Gemeinde führt eine Landesstraße, auf der teils mehr als 10 000 Fahrzeuge pro Tag fahren. Um die Bürger von Lärm und Verkehr zu entlasten, war eine Umgehungsstraße zwischen Schorndorf und

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