Schorndorf

1. Schorndorfer Poetry Slam: Das Wort, es lebt

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Man sieht: Das Publikum beim 1. Schorndorfer Poetry Slam im Traumpalast hatte seinen Spaß – zum Beispiel auch beim Auftritt der Stuttgarterin Lisa Maria Olszakiewicz. © Gabriel Habermann / ZVW

Schorndorf. Das dauerte zwar ein bisschen. Aber jetzt gab es auch in Schorndorf den ersten Poetry Slam. Und über 300 junge und alte Fans dieser „Poesieschlacht“ strömten am Donnerstagabend in den „1001 Nacht“-Saal des Traumpalastes, um am Wettbewerb der Performer selbst geschriebener Texte teilzunehmen. Das Publikum kürte per Applaus den Sieger und hatte offensichtlich Riesenspaß mit den Selbstoffenbarungen, Beschimpfungen und Pamphleten. Das Wort, es lebt!

Das Publikum war zwar altersmäßig überraschend gemischt. Aber überwiegend saß doch die Generation im Publikum der ausverkauften, von der Sprechstation Schorndorf organisierten Veranstaltung, von der es heißt, dass sie nur noch in Zeichenkürzeln über soziale Medien, also virtuell, miteinander kommuniziert. Aber das scheinbar authentische Wort, live gesprochen: Es hat seine Attraktivität, wie man erleben konnte, noch lange nicht verloren.

So traten denn in Schorndorf sechs Wortschmiede, junge Männer und Frauen aus der ganzen Republik, auf die Bühne, um nach den Regeln der Poetry-Slam-Wettbewerbe gegeneinander anzutreten und das Publikum für sich einzunehmen. Die vorgetragenen Texte durften nicht länger als sechs Minuten dauern, mussten selbst geschrieben sein und ohne irgendwelche Requisiten vorgetragen werden. Es zählen Sound, Tempo, Authentizität, Witz und Körpereinsatz. Das Genre der Texte ist nicht vorgegeben. Ob Gedicht, Satire, Manifest oder einfach Ablästern – egal, aber Drive sollte es haben. Dabei erwies sich das Publikum in Schorndorf erstens gut gelaunt, zweitens wohlwollend und am Ende auch geschmackssicher.

Klar hatte auch der überaus alerte Moderator „Hanz“ im kleinen Schwarzen Anteil an der entspannten Atmosphäre. Er las zwischendrin immer wieder Leserbriefe aus einem Mädchenmagazin vor, und sein einnehmend lustiges Buben-Kichern über die Antworten von „Frau Gabi“, hätte allein alle Chancen auf den ersten Platz bei einer Moderatoren-Slam gehabt.

„Ich bin jetzt dreißig, ich finde keine Liebe mehr!“

Etwas schwerer hatte es dagegen Viktoria Baal aus Alfdorf, die als Erste antreten musste und sich bei ihrem – sagen wir: etwas arg lieb – gereimten Liebesleid das eine oder andere Mal auch noch verhaspelte. Aber dabei sein war auch hier alles. Und das Publikum war durchaus in Stimmung, den Mut zu honorieren. Motziger und damit selbstbewusster trat da schon Lisa Maria Olszakiewicz aus Stuttgart auf. „Ich bin jetzt 30, ich finde keine Liebe mehr“ eröffnete sie ihr überschnappendes Ablästern auf eine Freundin, die es gewagt hatte, ein Kind zu bekommen. „Axel, einen 3,5 Kilo schweren Fleischklops, einen sabbernden Prämenschen.“ Das war mit Verve überzogen vorgetragen und fand so alle Sympathie der wissenden Hörer.

Noch größere Heiterkeit und dann Applaus rief Daniel Wagner aus Heidelberg mit seiner politisch abgründigen Tirade über den Deutschen und nicht zuletzt seinen öko-bewussten Umgang mit Kaffee-Kapseln. Das war stellenweise auch überkandidelt mitreißend vorgetragen, so dass es danach Jonas Treibel mit seinem ein bisschen tranigen Pamphlet gegen besserwisserische Altvordere - „Lasst uns voneinander lernen!“ – nicht so recht gelang, das Publikum für sich zu erwärmen.

Tief in die Kiste privater Mythologien, des Aufwachsens mit der Kinderkrimi-Buchserie „TKKG“, langte Konstantin Korovin aus Stuttgart. Er traf mit der fassungslosen Beschreibung der political incorrectness seiner einstigen Helden Tim, Karl, des armen Klößchen und der zu vernachlässigenden Gaby einen Erinnerungsnerv so mancher Mitgeschädigter im Saal. Ziemlich deftig trat dagegen die Letzte in der Reihe, Leonie Warnke, aus Leipzig mit ihrem feministischen Text im prolligen Ost-Sound über Frauenhasser auf.

„Love me Tinder“: Das Wort weiß sich witzig zu wehren

Wie sehr das Publikum aktiver Teil der Poetry Slams ist und das genießt, das zeigt sich an den feinen Abstufungen des Applauses, mit dem es die Auftritte bewertete. Nach der zweiten Runde mit den vier Weitergekommenen war die Entscheidung doch recht klar. Sieger des 1. Schorndorfer Poetry Slam wurde Daniel Wagner mit einem grandios gehechelten, gerappten, gejapsten Text über die Abgründe des Kommunikationsverhaltens seiner Generation. Das traf. War witzig – vor allem weil die Sprache selbstentlarvend zum eigentlichen Thema wurde.

Wie hätte Goethe in Zeiten von Partnerbörsen, dem mobilen Dating-App „Tinder“, seinen Werther geschrieben? Da hagelte es Wortschöpfungen wie „Die Leiden der jungen Wörter“, „Love me Tinder“ und „Ich bin das Orakel von Selfie“. Das hatte die Qualität von analytischer Literatur aus heftiger Notwehr. Poetry Slam. Das Wort weiß sich zu wehren.

Entstanden sind die Poetry Slams (Poesieschlachten) um 1986 in Chicago und haben sich seitdem weltweit verbreitet. „Slam“ steht im amerikanischen Slang für „jemanden runtermachen, vernichtend schlagen“, entsprechend die Portion Aggressivität, die oft bei den Textbeiträgen zu den Wettbewerben zu hören ist.

Ein bisschen ist man dabei auch an die „Speakers Corner“ im Londoner Hyde Park erinnert, wo seit 1872 jeder einen öffentlichen Vortrag zu jedem Thema, außer der königlichen Familie, halten darf.