Schorndorf

33-Meter-Mobilfunkmast sorgt für Ärger in Weiler

Mobilfunkweiler
Mobilfunkmast in Weiler: Zunächst für drei Vodafone-Antennen, ein weiterer Anbieter hat aber bereits Interesse signalisiert. © Gaby Schneider

Mit deutlicher Mehrheit hat sich der Gemeinderat im Juni 2020 für ein Mobilfunkvorsorgekonzept ausgesprochen, ein Jahr zuvor hatte auch der Weilermer Ortschaftsrat dafür plädiert sowie bei dieser Gelegenheit einstimmig gegen die Baugenehmigung für einen Mobilfunkmast am Weilermer S-Bahn-Halt die Hand gehoben – und jetzt steht seit voriger Woche direkt am S-Bahn-Halt ein 33 Meter hoher Mast. Die Weilermer Mobilfunkkritiker, aus deren Sicht damit auch ein schwebendes Verfahren missachtet wird, sind fassungslos: Dr. Caroline Dahl, Vorsitzende der Bürgerinitiative „Weiler macht mobil“, hat mit zwölf Mitstreitern in einem Eilverfahren gegen die Baugenehmigung geklagt. Dass das einfach ignoriert wird und, wie sie sagt, „in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Tatsachen geschaffen werden“, das ist auch für Ortsvorsteher Eberhard Beutel „nicht in Ordnung“.

Dabei hat der Widerstand gegen den Mobilfunkstandort in Weiler eine lange Geschichte. Bereits 2007 hatte der Mobilfunkbetreiber Vodafone ein Baugesuch für einen etwa 35 Meter hohen Mobilfunkmast auf dem der Deutschen Bundesbahn gehörenden Grundstück nahe des Kindergartens „Hinter dem Zaun“ vorgelegt. Damals, erinnert sich der Grünen-Ortschaftsrat Wilhelm Pesch, hat sich im Ort massiver Widerstand formiert: Innerhalb weniger Tage hatte die Bürgerinitiative, die Pesch mitgegründet hat und Mitglied im Verein „Mobilfunk Bürgerforum“ ist, 1200 Unterschriften gesammelt und mit anwaltlicher Hilfe eine Klage gegen den von der Stadt bereits genehmigten Bauantrag formuliert. Zwei, drei Monate später, erinnern sich die Beteiligten, hat sich Vodafone aus Weiler zurückgezogen, zwölf Jahre lang war Ruhe – bis dem Ortschaftsrat im April 2019 das Baugesuch auf „Neuerteilung der erloschenen Baugenehmigung für die Errichtung eines Mobilfunkmasts, Flurstück 1554, Bahnhofstraße 19“ zur Kenntnisnahme vorgelegt wurde.

Alternativstandorte Kläranlage und Buiters: Für Vodafone „völlig ungeeignet“

Es ist die unmittelbare Nähe zum Kindergarten „Hinter dem Zaun“ und der Strahlungswinkel, der nach Berechnungen des Baubiologen Dietrich Ruoff direkt auf die Reinhold-Maier-Grundschule und den Kindergarten „Kärntner Straße“ gerichtet ist, weswegen die Mobilfunkkritiker und auch der Ortschaftsrat den Standort am S-Bahn-Halt für ungeeignet halten. Doch auf die Kompromissvorschläge, den Mast in Richtung Kläranlage oder auf den Buiters zu versetzen oder zumindest die Sektoren so in Richtung Winterbach zu drehen, dass Schule und Kindergärten weniger stark bestrahlt werden, ist Vodafone von Anfang an nicht eingegangen. „Wir haben“, erklärt Konzernsprecher Volker Petendorf auf Anfrage, „vor Ort mehrfach verschiedene Alternativ-Standorte intensiv geprüft und mit den politischen Gremien sowie Behörden analysiert und diskutiert. Die Alternativ-Standorte erwiesen sich allesamt als funktechnisch völlig ungeeignet.“

Mögen sich die einen über Funklöcher und eine schlechte Versorgung in Weiler ärgern – Mobilfunkkritiker wie die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Caroline Dahl will lieber weniger als mehr. Sie sieht den Ort – über die Mobilfunkstandorte in Winterbach und im Siechenfeld – ausreichend versorgt und die Lösung in verkabelten Alternativen: „Digitalisierung heißt ja nicht Verstrahlung.“ Und auch wenn, wie beim Mobilfunkgipfel, zu dem OB Matthias Klopfer mit CDU-Bundestagsabgeordnetem Joachim Pfeiffer im März 2019 ins Rathaus geladen hatte, Gesundheitsgefahren ausgeklammert wurden, aus Dahls Sicht ist über Studien eindeutig erwiesen, dass auch weit unter den Grenzwerten liegende Langzeitbestrahlung zu oxidativem Zellstress, in der Folge zu DNA-Abbrüchen führen und der Beginn von Krebswachstum sein kann.

Dass das Mobilfunkvorsorgekonzept, obwohl es vor fast neun Monaten – gegen die Empfehlung der Verwaltungsspitze – im Gemeinderat mit großer Mehrheit beschlossen wurde, noch immer nicht erstellt ist und nach Auskunft von Thorsten Donn, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Baurecht, vor Jahresende auch nicht fertig sein wird, empört die Mobilfunkgegner obendrein. Könnten dort doch Schutzzonen für besonders sensible Bereiche ausgewiesen werden. Dass noch immer nichts in dieser Richtung passiert ist, zeigt für Caroline Dahl und ihren Mann Andreas Delius, „dass Schorndorf kein Interesse und keinen Willen hat, Weiler hier zu unterstützen“. „Das Mindeste“, sagt Dahl, „wäre, dass Schorndorf hilft, über den Abstrahlwinkel zu verhandeln und über die Emissionen“.

Zweifel an der Wirksamkeit des Mobilfunkvorsorgekonzepts

Fachbereichsleiter Donn, der schon vor der Abstimmung im Gemeinderat Zweifel am Nutzen eines Mobilfunkvorsorgekonzepts formulierte, sieht nach wie vor wenig Handhabe, über diesen Weg Standorte zu verhindern. Für ihn ist die rechtliche Grundlage das Bundesemissionsschutzgesetz mit Grenzwerten, die der Mobilfunkstandort in Weiler natürlich einhalten wird. An den im internationalen Vergleich hohen deutschen Grenzwerten, die nur thermische Effekte berücksichtigen, allerdings scheiden sich die Geister. Für Mobilfunkkritiker wie von der „Diagnose Funk“ ist klar: „Mobilfunkstrahlung kann biologische Systeme erheblich schädigen, und neuere Studien belegen immer häufiger, dass die Effekte bereits weit unterhalb der geltenden Grenzwerte beginnen.“ Vodafone hingegen hält den Standort für absolut sicher: „Es wird“, stellt Konzernsprecher Petendorf fest, „durch die neue Station keinerlei Auswirkungen für die Gesundheit der Anwohner geben – auch nicht für Senioren oder Kinder“.

Mit LTE: Download von Videos und Liveübertragungen

Im April 2021 will Vodafone den Mast mit insgesamt drei Antennen in Betrieb nehmen – mit den Mobilfunktechnologien GMS für Handy-Telefonate und Notrufe und mit LTE, das „Handygespräche in kristallklarer Qualität und Breitbandinternet für unterwegs“ bietet – von Mobilfunkkritikern aber mit einer Verdopplung der Strahlenbelastung in Verbindung gebracht wird. In das Neubauprojekt investiert der Mobilfunkbetreiber insgesamt 300 000 Euro. Das Konkurrenzunternehmen Telefonica hat bereits Interesse an einer Mitnutzung signalisiert. Für Vodafone, so Petendorf, sei der neue Standort auch deshalb notwendig, um die staatlichen Auflagen für die LTE-Versorgung zu erfüllen und die nahe gelegene Bahnstrecke zu versorgen.

Mit deutlicher Mehrheit hat sich der Gemeinderat im Juni 2020 für ein Mobilfunkvorsorgekonzept ausgesprochen, ein Jahr zuvor hatte auch der Weilermer Ortschaftsrat dafür plädiert sowie bei dieser Gelegenheit einstimmig gegen die Baugenehmigung für einen Mobilfunkmast am Weilermer S-Bahn-Halt die Hand gehoben – und jetzt steht seit voriger Woche direkt am S-Bahn-Halt ein 33 Meter hoher Mast. Die Weilermer Mobilfunkkritiker, aus deren Sicht damit auch ein schwebendes Verfahren missachtet wird,

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