Schorndorf

84-Jähriger verletzt Freundin des Sohnes

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Wenn zwei Generationen unter einem Dach leben, kracht es mitunter gewaltig. Bei einer Schorndorfer Familie ist dieser Krach längst Dauerzustand und mündet nicht selten in Gewalt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist zerrüttet. Beim letzten Gewaltausbruch war für den Junior dann eine Grenze überschritten. Der Fall landete nun vor dem Schorndorfer Amtsgericht.

Petra Freier ist keine Richterin, die zu harten Urteilen neigt. Zumindest dann nicht, wenn die Angeklagten echte Reue zeigen. Sie setzt sich in der Regel dafür ein, Konflikte vor Gericht zu entschärfen, zwischen den Parteien das Einende zu suchen. Doch in manchen Fällen kommt auch die erfahrene Richterin nicht mehr weiter mit ihrem Verständnis. Dann tun sich im Gerichtssaal Abgründe auf, die unser Rechtssystem im Grunde gar nicht mehr angemessen bewerten kann – und doch muss. So geschehen kürzlich bei einer Verhandlung, die tief in die tragischen Verhältnisse einer Schorndorfer Familie blicken ließ.

Das Urteil: Sechs Monate Bewährung

Am Ende lautete das Urteil des Rechtsstaats: Sechs Monate Gefängnis, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung sowie ein Schmerzensgeld von 500 Euro für einen 84-Jährigen, der im Streit der Freundin seines Sohnes mit der Haustür die Hand zerquetschte (und dabei wohl auch ihren Hund getreten hat). Drei Finger erlitten dabei Quetschungen und Schnittwunden, mussten in der Notaufnahme genäht werden. Die äußerlichen Narben sind noch gut sichtbar. Und bis heute leidet die 58-Jährige unter den Folgen der Tat, hat ein Steifheitsgefühl und Schmerzen beim Greifen.

Das Opfer: „Ein freches Luder“

Doch der 84-jährige Vater ihres Freundes will von der Tat nichts wissen. Der Rentner verteidigt sich vor Gericht selbst. Bis zuletzt streitet er alles ab. Kein Wort der Entschuldigung kommt ihm deshalb über die Lippen. Stattdessen nennt er die Geschädigte ein „freches Luder“. Sieht vielmehr in seinem Sohn den Übeltäter, bezeichnet ihn als „Tyrann erster Güte“. Wirft ihm vor, undankbar zu sein und ihn aus dem Haus schmeißen zu wollen. Selbst als das Urteil längst gefällt ist, beschwert er sich lautstark über die aus seiner Sicht absurden Vorwürfe. Sagt: „Ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich lass mich doch nicht verdummen.“ Nur seine Frau, die im Publikum sitzt, dabei immer wieder mit Kommentaren eingreift, kann ihn beruhigen – und Petra Freier nur noch den Kopf schütteln.

Wer ist hier der Tyrann?

Doch wer ist in dieser Familie eigentlich wirklich der Tyrann? Die zu verhandelnde Tat geschah am 30. November 2016 – und wäre wohl auch nicht zur öffentlichen Verhandlung vor Gericht gelandet, hätte der 84-Jährige auf seine Frau gehört und jene 200 Euro Schmerzensgeld gezahlt, die zunächst von ihm gefordert wurden. Doch der Rentner, der vom Amtsgericht schon einmal wegen Nötigung verurteilt wurde und dabei ähnlich lautstark auftrat, streitet die Tat rundweg ab. Behauptet, es habe keinen Streit gegeben und er habe auch keine Hand in der Türe eingequetscht. Als „Schutzbehauptung“ wertet das jedoch die Staatsanwaltschaft. Und auch die Geschädigte widerspricht vehement.

Wenige Wochen vor der Tat sei sie erst in das Haus ihres Freundes eingezogen. Dass es im Ort als „Horrorhaus“ verschrieen sei, habe sie da noch nicht gewusst, sehr bald aber schon verstanden, warum. Am Tag darauf sollte die 58-Jährige ihren ersten Arbeitstag bei einer neuen Stelle antreten. Gegen 19.15 Uhr habe sie mit ihrem Freund noch den Hund ausführen wollen. Doch als ihr Freund die Treppe vom ersten Stock herunterkam, sei der Vater aus seiner Wohnung im Erdgeschoss gestürmt und habe sofort böse Beleidigungen ausgestoßen. Ihr Freund sei darauf nicht darauf eingegangen und direkt zur Haustür hinaus.

Die Tat: „Du hast nichts gesehen!“

Auch die 58-Jährige habe seine Tiraden ignoriert. Als sie zur Haustüre hinauswollte, den 84-Jährigen aber im Nacken bemerkt, einen Angriff abwehren wollen, sich noch einmal gedreht und dabei die linke Hand gegen den Türrahmen gehalten. „Auge in Auge standen wir uns gegenüber. Dann hat er die Türe zugeknallt.“ Die Hand habe sofort geblutet. Woraufhin die Frau des Rentners (selbst wohl öfter Gewaltopfer ihres Gatten) dazugestoßen sei, um das Blut aufzuwischen. Der Vater habe seinem herbeigeeilten Sohn noch zugeraunt: „Du hast hier nichts gesehen!“ Was dieser aber ignorierte und vielmehr die Polizei rief, die dann mit fünf Mann zu dem Haus ausrückte.

Der Sohn: „Es reicht jetzt“

„Es reicht jetzt“, habe sich der Sohn in dem Moment gedacht. Der 60-Jährige wirkt geknickt. Die Kindheit, berichtet er, sei von wenig Liebe geprägt gewesen, das Verhältnis zum Vater stets angespannt. Dennoch sei er im Elternhaus geblieben. Auch später habe es Handgreiflichkeiten gegeben, seien Türen eingetreten worden, harte Worte gefallen. Und „immer hat er sich bislang rausgemogelt. Diesmal, fand ich, war der Bogen überspannt.“ Eines immerhin habe sich inzwischen gebessert: Wegen des Polizeieinsatzes, aber auch eines gerichtlich angeordneten Annäherungsverbots habe der 84-Jährige weitgehend von seiner Freundin abgelassen. Seine Wut richte sich seitdem aber umso stärker gegen den Sohn.

Wie sich die Familie denn die Zukunft vorstelle, will Richterin Freier von den Beteiligten wissen. „Mit dem ist keine Zukunft zu gestalten“, antwortet der Rentner kurz und kalt. Und zu seinem Sohn gerichtet: „Der ist auf eine Art kein Mensch.“ Dieser schildert derweil vor Gericht sein Dilemma: Zwar gehöre ihm das Haus zur Hälfte, doch vermietbar sei es unter diesen Umständen nicht – und er selbst und seine Freundin finanziell auf die Mietfreiheit angewiesen. Auf absehbare Zeit wird sich an der Gesamtsituation also nichts ändern.

„Der Angeklagte meint, er sei im Recht, ist es aber nicht. Einen kleinen Denkzettel muss er deshalb haben“, befand darum die Staatsanwaltschaft, deren Strafforderung sich Nebenklage und die Richterin selbst dann auch vollumfänglich anschlossen.