Schorndorf

AfD-Star Jörg Meuthen in Necklinsberg

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Wollen „dieses linksgrünversiffte Volk wegkriegen“ – Ralf Özkara und Jörg Meuthen (stehend von links). © Ralph Steinemann

Rudersberg. Jörg Meuthen, Bundes-Co-Chef der AfD, hat sich mal wieder im Rems-Murr-Kreis blicken lassen: Sein Auftritt in der „Krone“ in Necklinsberg geriet zur schwungvollen Politplauder-Doppelstunde mit viel Schimpfe für „Altparteien“ und uns von der Presse. Die Flüchtlingskrise? War eher Nebensache.

Die „Krone“ ist voll, gut 80 Leute, Sympathisanten, Mitglieder, Aktivisten, ein Daimler-Betriebsrat, ein desillusionierter Ex-Grüner, ein enttäuschter Ex-CDUler, alte Männer, junge Kerle und gar nicht so ganz wenige Frauen: Die AfD ist mittlerweile recht breit aufgestellt. Kreissprecher Ralf Özkara wärmt kurz an, „bei der Bundestagswahl werden wir dieses linksgrünversiffte Volk wegkriegen“, Bundestagskandidat Jürgen Braun verspricht, „wir holen uns unser Land zurück“, Jörg Meuthen sagt ein paar Grüß-Gott-Worte – und jetzt bitte: „Stellen Sie Fragen!“

Mitnichten eine bloße Anti-Flüchtlings-Partei

Es folgen zwei Stunden, in denen sich offenbart: Die AfD ist mitnichten eine bloße Anti-Flüchtlings-Partei, sie hat längst ein ganzes Portfolio an identitätsstiftenden Kernanliegen (mehr Volksabstimmungen! Weniger Globalisierung! Euro weg, Gender Mainstreaming auch!) und mittlerweile zu fast allem eine Meinung vom Dieselfahrverbot („absurd“) bis zur E-Mobilität („gigantischer Irrweg“). Die Hauptbotschaft aber lautet: Wir sind anders! Wen es nach links ziehe, der habe ja genug Auswahl, sagt Meuthen – „die SPD, die Linke, die Grünen, die FDP, die CDU“. Eine „echte Opposition“ sei allein die AfD: „konservativ, freiheitlich und patriotisch“.

Krachender Sieg für die AfD

Neulich wollten sich die baden-württembergischen Landtagsabgeordneten über fast alle Partei- und Schamgrenzen hinweg erstens höhere Budgets für Mitarbeiter, zweitens höhere steuerfreie Kostenpauschalen und drittens statt einer privaten eine staatliche Altersversorgung spendieren. Immerhin, die FDP war zumindest gegen Punkt drei – nur die AfD allerdings lehnte das gesamte Selbstbegünstigungspaket ab. Grüne, CDU und SPD mussten kleinlaut zurückrudern. Jörg Meuthen hat als Oppositionsführer einen krachenden Sieg eingefahren und ein Beispiel der Standfestigkeit gegeben.

Höcke vom Hof jagen? Nein.

Der Thüringer AfD-Haudrauf Björn Höcke hielt neulich eine Rede, die mit ihrer x-fachen Verwendung der Vokabeln „Volk“ und „Vaterland“ so realsatirisch dauerpompös klang, als habe ein Parodist aus der „Heute-Show“ sie ersonnen: Er schwadronierte vom „vollständigen Sieg der AfD“, beklagte die „systematische Umerziehung“ nach 1945 und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Das klang selbst Frauke Petry zu weit rechts draußen: Sie will ihn deshalb aus der Partei werfen. Meuthen hingegen begnügt sich mit väterlicher Strenge: Sicher, die Rede war „nicht gut“, und das sei „noch ‘ne höfliche Umschreibung“, sicher, das mit den 180 Grad „kann man inhaltlich so nicht stehenlassen“. Indes, eine „Verengung“ der deutschen Geschichte „auf die zwölf Jahre der Nazi-Barbarei“ sei auch falsch, und deshalb: „90 Grad ist okay“. Höcke vom Hof jagen? Nein. „Wenn wir als AfD den Anspruch haben, Volkspartei sein zu wollen, muss man die Flügel relativ breit aufspannen.“

Machtkämpfe zwischen Petry und Meuthen

Falls sich Frauke Petry aber neulich in Russland tatsächlich mit Wladimir Schirinowski getroffen haben sollte, wäre das ganz ungut. Denn „Herr Schirinowski ist ein wirklicher Rechtsextremer, Ultranationalist, Antisemit. Mit einem solchen Menschen zu sprechen, kann keine Option für die AfD sein!“ Meuthen sagt dies, wenn Petry das sagt, und wenn er das sagt, sagt sie dies: Was das Austragen von Machtkämpfen betrifft, ist die AfD locker auf dem Kompetenzniveau der „Altparteien“ angekommen.

Die Medien sind der schlimmste Feind

Als schlimmsten Feind aber würdigt das Publikum an diesem Abend: „die Medien“. Bei keinem anderen Thema zischen die Zwischenrufe so höhnisch, dröhnt der Applaus so wütend. Bejubelt wird die Anregung, die Zeitung abzubestellen, mit Gelächter bedacht der Vorschlag, „vorher noch ‘n paar Leserbriefe pro AfD“ zu schreiben. Die Medien, erklärt einer im Saal seien „gleichgeschaltet wie im Dritten Reich“. Jörg Meuthen antwortet lächelnd: Dafür gebe es „keine handfesten Beweise“.

Meuthen macht sich kein allzu kruden Verschwörungstheorien zu eigen

Er macht das elegant: Nie unterläuft ihm der Fehler, sich allzu krude Verschwörungstheorien zu eigen zu machen; und nie mutet er der eigenen Anhängerschaft ein gar zu energisches „Jetzt macht aber mal halblang“ zu, wie vogelwild auch immer die aufgetischten Gerüchte sind. „Wenn Asylanten klauen“, behauptet einer aus dem Publikum – Zwischenruf: „Des dürfet die!“ –, erfolge „keine Anzeige“, sondern es werde lediglich notiert, welcher Schaden dem Laden entstanden sei. Und „am Monatsende kriegt das Landratsamt die Liste und begleicht das“. Zwischenruf: „Des schdimmt!“

Darauf Meuthen: Ob da was dran sei, wisse er „nicht gesichert. Es geht mir aber wie Ihnen: Ich höre das immer wieder.“

Falsch

Wenn Flüchtlinge beim Klauen erwischt werden, erfolgt keine Anzeige, stattdessen ersetzt das Landratsamt am Monatsende den Läden den Schaden? „Schlicht falsch“, sagt Martina Nicklaus, Pressesprecherin des Landratsamtes. Auch die Polizei lasse ausrichten: Das Gerücht wabere zwar seit längerem vor allem im Ostalbkreis herum, aber „es stimmt einfach nicht“.