Schorndorf

Allein acht Wirtshäuser auf 200 Metern

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Passend dekoriert können Besucher sich im Museum Farrenstall über die Urbacher Wirtshausgeschichte informieren. © Habermann/ZVW
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Der „Ochsen“ mit Kegelbahn, 1877. © Habermann/ZVW
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Urbach Museum am Farrenstall Der GEschichtsverein Urbach präsentiert plant eine neue Ausstellung zum Thema Kneipen und Wirtschaften © Habermann/ZVW
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Walter Wannenwetsch liefert weitere Details zu den Urbacher Wirtshäusern. © Habermann/ZVW

Urbach. Die längste Theke der Welt war Urbach vor mehr als einem Jahrhundert nicht. Doch es klingt wohl auch ein bisschen Wehmut durch, wenn Mitglieder des Geschichtsvereins Urbach zeigen, dass in der Hauptstraße rund acht Gastwirtschaften auf 200 Meter nebeneinander und gegenüber lagen. Auch Gastwirtschaften unterliegen einem gesellschaftlichen Wandel. Diesen zeigt die Ausstellung „Gastwirtschaften in Urbach – Vergangenheit und Gegenwart 1660 bis 2017 auf.

Video: Im Museum Farrenstall in Urbach ist ab Sonntag die neue Sonderausstellung " Gastwirtschaften in Urbach in Vergangenheit und Gegenwart von 1660 bis 2017" zu sehen.

Einen exklusiven Einblick vor Ausstellungsbeginn erhielten die Gäste der Altersfeuerwehr Plüderhausen am Donnerstag. Sie besuchten das Museum Farrenstall, wo am Sonntag die Farrenstallhocketse des Geschichtsvereins stattfindet. Dann wird die Ausstellung offiziell präsentiert. Das Team um Walter Wannenwetsch und Josef Toth war wieder wissensdurstig. „Die Gast- und Wirtshäuser in unserer Gemeinde waren und sind ein wichtiger Ort der Begegnung und des Miteinanders, des Meinungs- und Wissensaustausches und der Geselligkeit“, fasst der Vorsitzende des Geschichtsvereins Thomas Schiek zusammen. Der Verein präsentiert nun eine Art Wirtshaus-chronik. Der Verein hat alte und neuere Fakten zusammengetragen, alte Fotos und Erinnerungen ausgegraben. 45 Einrichtungen werden in der Ausstellung und auch im Begleitband vorgestellt. Setzen wir uns mal an den Tresen und schauen rein.

Die Tür des Museums Farrenstall schwingt auf. Ein alter Bierkasten steht im Eingang, staubige Bügelflaschen begrüßen den Gast. Der Blick geht nach oben. An der Decke hat eine Grafikerin weitere Bierflaschen aufgehängt. Sie bilden die glasige Decke dieses Wirtshauses. An den Wänden erfreuen sich die Besucher an alten Aufnahmen. Kleine Gruppen stehen beieinander und unterhalten sich. Walter Wannenwetsch holt aus und teilt sein Wissen. Joe Toth erzählt einige Anekdoten.

1660: Große Doppelhochzeit im „Ochsen“ gefeiert

Die erste sicherere Nachricht über einen Gastwirt in Urbach stammt aus dem Jahr 1660. Bei Bauarbeiten bot Jakob Breitenbücher zehn Zimmerleuten und 56 Helfern Essen und Trinken an. In einer Gastwirtschaft bekam dann jeder noch ein Maß Wein. Jakob Breitenbücher war, genau wie sein Sohn Matthäus, Metzger und Wirt. Im Mai 1660 feierte man bei ihnen eine Doppelhochzeit mit Musik und Tanz. Die Mitglieder des Geschichtsvereins vermuten, dass es sich dabei um den „Ochsen“ gehandelt hat. Bei ihren Recherchen, vor allem in den Gemeindearchiven und dem Kreisarchiv, sind sie auf weitere Belege gestoßen. In den Steuerschätzungsakten von 1730 werden für Oberurbach zwei Schildwirtschaften genannt, „Ochsen“ und „Lamm“, Letzteres von Michael Breitenbücher geführt. Und schon sind wir mittendrin. Der „Ochsen“ gehörte zu den bedeutendsten Gasthäusern in Urbach, sagt Walter Wannenwetsch.

Drei Arten von Gastwirtschaften

Es gab drei Arten von Gastwirtschaften, erläutert der Ortshistoriker und bezieht sich auf die Zeit Ende des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das waren Schild-, Gassen- und Speisewirtschaften. Die Schildwirtschaften waren die Herbergen im Ort. Ihre Wirte standen etwas höher als Bauern und Handwerker. Die Bauern hätten ihren Most ja meistens auf ihren Höfen getrunken, wirft Joe Toth ein. Sieben Schildwirtschaften gab es insgesamt in Ober- und Unterurbach. In der Regel waren die Schildwirte Metzger.

Der Besen: Das „eigentliche Dorfwirtshaus“

Vesper und Getränke gab es in den Gassenwirtschaften. Eine Gassen- oder auch Besenwirtschaft war das „eigentliche Dorfwirtshaus“. Meistens wurden sie von Weinbauern betrieben, die zu einer festgelegten Zeit eigenen Wein ausschenken durften. Mitunter betrieben auch Bäcker und Metzger nebenbei noch eine Gassenwirtschaft. Schankwirtschaften entstanden um 1900. Damals machten „Krone“, „Pflug“, „Waldhorn“ sowie „Rössle“ und weitere Wirtschaften auf. Im „Pflug“ und im „Kreuz“ verkehrten hauptsächlich Arbeiter, sagt Josef Toth. Zu Hause war es meist eng, die Wirtschaft bot Kontakte und ein anderes Umfeld. Auch waren dort oft Zeitungen zugänglich. „Jedes Wirtshaus hatte seine Fans“, sagt Toth. Die erste SPD-Versammlung fand 1894 im „Löwen“ statt.

Geselligkeit, der Unterhaltung und Neuigkeiten

Wofür waren Wirtshäuser da? Warum waren sie wichtig? Sie dienten der Versorgung der dörflichen Bevölkerung und fremder Besucher. 1809 zogen beispielsweise französische Soldaten durch Urbach. Die Offiziere ließen es sich im Hirsch gutgehen. Für die Bevölkerung dienten die Wirtshäuser der Geselligkeit, der Unterhaltung und Kommunikation sowie der Information darüber, was im Ort und außerhalb passierte. Später dienten sie auch dazu, Feste und größere Veranstaltungen auszurichten. Größere Säle waren gefragt – und wurden gebaut. Kegelbahnen ergänzten später das Unterhaltungsangebot.

Die Ortspfarrer achteten scharf darauf, dass während der „geschlossenen Zeiten“, keine Musik in den Gasthäusern gespielt wurde. Das betraf nicht etwa einige Stunden nachts – nein: Von Anfang des Advents bis in die nächste Woche nach dem Dreikönigstag sollten die Instrumente schweigen, steht im neuesten Band der Schriftenreihe Museum am Widumhof.

Der Jahrgang 1897 becherte nachts im „Waldhorn“

Dann kamen auch Vereinswirtschaften auf. Im Felsenkeller in der Espachhalle traf man sich an jedem zweiten und vierten Sonntag im Monat. Viele Wirtshäuser stehen noch an Ort und Stelle, wurden allerdings überwiegend und teils umfangreich umgebaut. Umso schöner ist es, dass der Geschichtsverein auch alte Aufnahmen präsentiert. Ein Foto aus dem „Waldhorn“ zeigt die Mitglieder des Jahrgangs 1897 „nachts um 1/2 2 Uhr“. „Die haben fröhlich gebechert“, kommentiert Wannenwetsch. Was wurde denn getrunken? Branntwein, Wein, Most und eben Bier. Weil der Urbacher Wein nicht so haltbar war, wurde er in den Wirtshäusern angeboten; der musste schnell getrunken werden, sagt Josef Toth und lacht. Allein in Oberurbach hätte es 124 Schnapsbrennereien gegeben, weiß Toth.

Burgstüble, Küferstüble und mehr

In den 50er Jahren kam noch eine weitere Wirtshaus-Gattung hinzu: Burgstüble, Küferstüble und mehr. Später zog es auch ausländische Gastwirte nach Urbach. Überwiegend wurden die Wirtshäuser von Familien bewirtet, alle waren involviert. Ab den 1980er Jahren begann das Gasthaus-Sterben, sagen Toth und Wannenwetsch, oft weil die Besitzerfamilie sich zurückzog. Und mit der Pächternachfolge hatte man nicht immer Glück.

Und heute? Alles vorbei? Nein! Eine Grafik zeigt, welche Gasthäuser es früher gab und welche heute noch ihre Türen öffnen – oder neu hinzugekommen sind. Das sind einige. 1993 machte beispielsweise „McDonalds“ in Urbach auf. Auch die Essgewohnheiten hätten sich eben geändert, sagt Wannenwetsch. Stammtische verlieren an Bedeutung. „Schnelle Läden“ wie „Urbach Döner & Pizza“ und „Orient Döner“ haben Zulauf. Doch immer noch gibt es einige Gastwirtshäuser in Urbach. Wer wissen will, wie es früher in Urbach aussah, der sollte die Ausstellung besichtigen. Auch das Buch lohnt sich. Doch die Sonderausstellung bietet noch ein paar Bilder mehr.


Hocketse!

Am kommenden Sonntag, 16. Juli, beginnt ab 11 Uhr die Farrenstallhocketse des Geschichtsvereins am Museum Farrenstall, Polarstraße 1.

Geöffnet ist das Museum von Mai bis September an jedem zweiten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Dann ist natürlich auch die normale historische Ausstellung in den Räumen des Museums zugänglich. Informationen auch in der Geschäftsstelle des Geschichtsvereins Urbach unter 07181/800750.