Schorndorf

Alltagsrassismus: Ganz beiläufig und mitten unter uns

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Auf den Stellwänden im Rathaus-Foyer sind noch bis 7. Oktober etliche Beispiele von Alltagsrassismus in Schorndorf nachzulesen. © Büttner / ZVW
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Ausstellungsinitiator Oguz Guruhan im Gespräch mit Sonja Großhans von der Fachstelle Rechtsextremismus im Landratsamt. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Alltagsrassismus ist nichts, was nur irgendwo im Osten geschieht. Dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer Religion oder Lebensweise diskriminiert werden, das passiert jeden Tag auch mitten unter uns in Schorndorf. Zwei Jahre lang hat Oguz Guruhan vom Schorndorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Interviews mit Betroffenen geführt. Das Ergebnis ist jetzt in einer Ausstellung im Rathaus zu sehen.

Video: Oguz Guruhan vom Schorndorfer Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus über die Ausstellung.

Der Schichtleiter einer Fast-Food-Kette, pakistanischer Herkunft, wird von einem jungen Gast erst wegen seiner Hautfarbe verhöhnt und dann beschimpft. Eine Sekretärin mit türkischen Wurzeln bekommt auf einer Silvesterparty zu hören, bei Türken und Arabern handele es sich ja um gewalttätige Nationen, vor denen man sich als Frau in Acht nehmen müsse. Deutsche mit griechischen Wurzeln werden für jede Finanzkrise in der EU verantwortlich gemacht. Ein Albaner, in Deutschland geboren, wird von einer Nachbarin gefragt: „Sind Sie eigentlich auf normalem Weg nach Deutschland gekommen?“ Heutzutage kämen aus seinem Land doch nur noch Sozialschmarotzer. Dass die Frage von einem Grinsen begleitet war, macht die Sache nicht besser – und zeigt: Alltagsrassismus kommt nicht selten humorig und ganz harmlos daher. „Hast du aber eine schöne braune Haut! Dafür müsste ich mich lange auf die Sonnenbank legen.“

Auch Deutsche sind betroffen

Und das Bemerkenswerte ist: Mit ausgrenzenden und abwertenden Äußerungen sind eben nicht nur Menschen anderswo konfrontiert. Die Betroffenen, mit denen Oguz Guruhan gesprochen hat und denen Elftklässlerinnen des Burg-Gymnasiums bei der Ausstellungseröffnung eine Stimme gegeben haben, wohnen in und um Schorndorf – und sind auch häufig hier geboren. Von Alltagsrassismus sind, und das hat Guruhan selbst überrascht, sogar Deutsche betroffen – etwa, wegen ihrer ostdeutschen Herkunft. Das zu zeigen und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen, war Antrieb des 37-Jährigen, über zwei Jahre hinweg Interviews zu führen. Mit Hilfe von Helmi Dietz und Andrea Abbrecht-Storm vom Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus und der städtischen Integrationsbeauftragten Corina Haußer entstand aus dem Material die Ausstellung, die Bündnissprecher Necip Bakir am Montagabend im Rathaus eröffnet hat.

OB Klopfer: Ganz wichtiges Thema „im Herzen der Stadt“

Dass die Ausstellung damit ihren Platz „im Herzen der Stadt“ hat, will Oberbürgermeister Matthias Klopfer als Signal verstanden wissen: „Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema“, sagte er in seinem Grußwort und ist überzeugt, dass vor Alltagsrassismus niemand gefeit ist: Wer checkt, fragte er, beim Einchecken im Flugzeug nicht erst mal die anderen Fluggäste oder hält im Ausland krampfhaft seine Tasche fest? Für Klopfer Zeichen von Ausgrenzung und Stigmatisierung. Um so stolzer könne Schorndorf auf seine Willkommenskultur sein – trotz aller Rückschläge. Denn nachdenklich macht den Oberbürgermeister schon, dass sich die Zahl der rechtsextremen Straftaten in Deutschland im vergangenen Jahr fast verdoppelt hat und auch die Angriffe auf Politiker zugenommen haben. Auch darum will Klopfer „Flagge zeigen für eine offene und tolerante Stadt“.

Denn was Guruhans Interviewpartner erlebt haben, ist beschämend. Werden Menschen im Gespräch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie offenbar etwas von ihrem Gesprächspartner unterscheidet, „dann kann das ganz schön lästig werden“, heißt es im Infoblatt zur Ausstellung. Und mag Alltagsrassismus im Vergleich zur extremen, gewalttätigen und hasserfüllten Variante auch oft freundlich daherkommen, dieser beiläufige Charakter mache es gerade schwer, Rassismus zu erkennen und darauf zu reagieren.

„Jeder wollte mitmachen“

Dies zum Thema zu machen, auf diese Idee kam Guruhan nach dem Brandanschlag in Winterbach, bei dem im Jahr 2011 fünf türkische und italienische Jugendliche von Rechtsextremen angegriffen wurden. Als die Gespräche mit den Kommunen und der Polizei zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt haben, wollte er, wie er im Gespräch mit Sonja Großhans von der Fachstelle Rechtsextremismus des Landratsamts berichtete, nicht länger warten, sondern handeln. Guruhan, dessen Großeltern aus der Türkei eingewandert sind und der im Bündnis gegen Rechts aktiv ist, fragte in seinem Bekanntenkreis nach Erfahrungen mit Alltagsrassismus – und konnte sich vor Interviewpartnern kaum retten: Mit fünf oder sechs hatte er gerechnet und dann bei 50 aufgehört zu zählen. „Jeder wollte mitmachen“, sagte der 37-jährige Familienvater, der sein Geld als Industriearbeiter verdient – und zwei Jahre lang bestimmt drei Tage die Woche mit dem Projekt beschäftigt war. Und dabei, sagte er bei der Ausstellungseröffnung, „wird oft abgestritten, dass Fremdenfeindlichkeit und Alltagsrassismus in der Region existiert.“ „Rassismus“, das betont auch Sonja Großhans von der Fachstelle Rechtstextremismus, „kommt aus der Mitte der Gesellschaft und nicht mehr nur von den Rändern.“ Und sind rechtsextreme Straftaten im Rems-Murr-Kreis nach einem Hoch um die Jahrtausendwende auch zunächst zurückgegangen, ist seit 2013 – wie überall im Land – ein Anstieg zu beobachten. „Alltagsrassismus“, das bestätigt auch Integrationsbeauftragte Corina Haußer, „ist kein Phänomen, das weit weg ist, es findet in Schorndorf statt.“


Info: Begleitend zur Ausstellung finden unter Leitung von Beate Baur vom Kreisjugendring auch Workshops für Schüler und Azubis statt sowie ein Vortrag, den Dr. Fessum Ghirmazion von der IG Metall am Dienstag, 5. Oktober, 19.30 Uhr, in der Künkelin-Halle hält.

Im Rathaus-Foyer

Dass dies, wie am Rande der Eröffnung kolportiert wurde, die letzte Ausstellung im Rathaus-Foyer sei, konnte Stadtsprecherin Nicole Amolsch auf Anfrage nicht bestätigen: „Es wird auch weiterhin Ausstellungen im Rathaus geben.“ Allerdings werde dies – da das Foyer auch für viele Hochzeiten und Empfänge gefragt sei – von OB Klopfer individuell entschieden, je nachdem „was zum Rathaus passt“. Politisches, betonte Amolsch, solle auch weiterhin seinen Platz finden. Darüber hinaus gebe es aber auch das Künkelin-Rathaus als Alternative.