Schorndorf

Amtsgericht: Schlägerei in Flüchtlingsunterkunft

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf/Plüderhausen. Etwa um 5 Uhr hat’s am 8. März dieses Jahres in und vor der Plüderhäuser Flüchtlingsunterkunft in der Birkenallee heftig Haue gegeben. Ein 42-jähriger Pakistani war das Opfer. Täter waren fünf Landsmänner. Drei von ihnen saßen jetzt im Schorndorfer Amtsgericht auf der Anklagebank, stritten die Tat ab, wurden aber von Richterin Freier dennoch zu Freiheitsstraßen verurteilt. Auf Bewährung.

Eigentlich waren’s vier Angeklagte, die vor dem Kadi standen. Bei einem stellte sich aber spätestens während der Zeugenaussagen des Opfers und eines Beobachters des Geschehens an jenem Mittwoch im März schnell heraus, dass er zu Unrecht neben seinen drei Landsmännern saß. Er wurde freigesprochen. Für die anderen hatte der Staatsanwalt in einem Fall elf Monate, in zwei anderen je neun Monate Freiheitsstraße wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung beantragt. Richterin Freier sah keinen Anlass, von diesem Strafmaß abzuweichen. Die Bewährungsfrist beträgt jeweils zweieinhalb Jahre. Auch hier folgte sie dem Antrag des Anklagevertreters.

Erste Strafe zurückgenommen

In einem Aufwasch konnte das Geschehen an jenem 8. März nicht strafrechtlich gewürdigt werden. Denn zum ersten Termin erschienen weder der 42-Jährige, dem bei der tätlichen Auseinandersetzung unter anderem die Nase gebrochen wurde, noch der zweite Zeuge. (Fadenscheinige?) Begründung des Ersteren: Er sei bei der Polizei in Schorndorf gewesen und habe den Weg ins Amtsgericht nicht gefunden. Der Zweite behauptete, er habe gearbeitet und außerdem überhaupt keine Vorladung bekommen. Wobei Letzteres nicht stimmte. Richterin Freier hatte wegen des Nichterscheinens eine Geldstrafe von je 100 Euro verhängt, ersatzweise zwei Tage Haft. In der zweiten Verhandlung ließ sie dann Gnade vor Recht walten und nahm die Strafe wieder zurück.

„Wir nehmen die Strafe an“ – was aber folgte, war die Berufung

Einigermaßen groteske Züge nahm die Verhandlung am Ende an. Der Pakistani, der wenig später elf Monate Gefängnis aufgebrummt bekam, bekräftigte zwar noch einmal, er und seine drei Landsleute hätten dem Opfer nichts getan, es und der andere Zeuge hätten gelogen, sagte dann aber – so zumindest übersetzte es der Dolmetscher: „Wenn Sie uns nicht glauben, können Sie uns bestrafen, wir nehmen die Strafe an.“ Pfeifendeckel! Nach der Urteilsverlesung kündigten alle drei an, dass sie in Berufung gehen.

100 Stunden gemeinnützige Arbeit

Das mag aber vielleicht auch damit zu tun haben, dass sie jeweils 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten müssen. Das hat Richterin Freier nämlich auch verkündet. So richtig schien das den Dreien jedoch nicht zu schmecken. Zumindest lassen mehrere Nachfragen, was das denn für Arbeit sei, diesen Schluss zu.

Ein falscher Fuffziger

Was aber ist nun geschehen an diesem frühen Morgen des 8. März 2017 in der Plüderhäuser Birkenallee? Die vier Angeklagten zwischen 27 und 40 Jahre (alle haben Antrag auf Asyl gestellt, bei einem läuft er noch, bei den drei anderen ist er nach der Anhörung bereits abgelehnt worden – sie klagen) schildern den Sachverhalt fast alle gleich. Um Geld ist es gegangen, der Pakistani, der später verhauen wird, hat einem der vier auf dessen Wunsch beziehungsweise Verlangen 100 Euro geliehen. Zwei 50-Euro-Scheine wurden ausgehändigt, einer soll falsch gewesen sein. Wobei nicht geklärt werden konnte, ob dem tatsächlich so wahr. Vielleicht ist auch nur dieser Eindruck entstanden, weil es ja unterschiedlich gefärbte Fuffziger gibt.

Wie dem auch sei: Die Angeklagten blieben dabei: Der Schein ist gefälscht. Und der, der ihn geliehen hat, wollte vom 42-jährigen späteren Opfer einen echten – „sonst gehe ich zur Polizei“. Behauptet wurde auch, dass der Geschädigte die falschen Scheine in einem Casino in Stuttgart benutzt hat („Da habe ich ihn gesehen“). Skurril, skurril.

Alkohol im Spiel

Eingeräumt wurden von den vieren lediglich, dass an diesem Abend vor der Schlägerei Alkohol im Spiel war. Bei allen. Und der Alkohol soll auch verantwortlich dafür gewesen sein, dass das Opfer die Treppe runterfiel und sich dabei die Verletzungen zuzog. Denn: „Wir haben ihn nicht geschlagen, was er bei der Polizei gesagt hat, stimmt nicht.“ Das war immer wieder zu hören – in verschiedenen Varianten.

Zwei bis drei Whiskey – und das mit der Diagnose Hepatitis C

Der 42-Jährige leugnete, als er endlich im Zeugenstand erschien, keineswegs, dass er an besagtem Abend Alkohol getrunken hat. Zwei bis drei Whiskey, „eine ganz normale Menge, wie immer“. Er konnte es im Grunde genommen auch gar nicht leugnen, denn als er wegen seiner bei der Schlägerei erlittenen Verletzungen im Krankenhaus behandelt wurde, stellten die Ärzte bei ihm eine Alkoholfahne fest und schrieben das auch in den Bericht, den Richterin Freier in der Verhandlung verlas. Dort steht auch, dass der Pakistani Hepatitis C hat.

Streit wegen des Geldes

Keinen Zweifel hatte das Gericht an seinen Schilderungen des Geschehens in der Tatnacht. Mehrmals sei er aufgefordert worden, zu den vier Angeklagten zu kommen. Ja, Streit habe es gegeben wegen des Geldes, und auch er sei sauer gewesen, weil einer der vier ihm ein paar Tage zuvor den Geldbeutel gestohlen habe.

"Nimm die Strafanzeige zurück, oder wir bringen dich um"

Der angeblich falsche Fuffziger spielte dann auch wieder eine Rolle. Jedenfalls flogen die Fäuste, weil Worte offenbar nicht mehr halfen. Der Pakistani, der später zu elf Monaten Gefängnis verurteilt wurde, warf – so nach und nach hatte sich das Geschehen aus der Flüchtlingsunterkunft vor das Gebäude verlagert – einen Stein, traf das Opfer an der Nase und im Gesicht. Getroffen wurde der 42-Jährige auch von einem Stuhl und Teilen eines Besenstiels. Nach dem Vorfall drohten die vier Angeklagten ihm offenbar: „Nimm die Strafanzeige zurück, oder wir bringen dich um.“

Nach wie vor wohnen alle in der gleichen Unterkunft in Plüderhausen.


Problem Unterkunft

Völlig unabhängig von der Gerichtsverhandlung gegen die vier Pakistani war die Flüchtlingsunterkunft in der Birkenallee Thema im Plüderhäuser Gemeinderat. CDU-Fraktionsvorsitzender Ulrich Scheurer fragte, was da denn in letzten Zeit los sei, die Polizei habe mehrmals anrücken müssen.

Bürgermeister Andreas Schaffer sagte, das sei in der Tat ein Problem, weil sowohl der Hausmeister als auch der zuständige Sozialarbeiter des Rems-Murr-Kreises wegen Krankheit längere Zeit ausfielen. Der Plüderhäuser Arbeitskreis Asyl fange aber „vieles auf“.