Schorndorf

An die Opfer erinnern – „bis zum Ende“

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Übersetzer Michaël Faugeroux (l.) und Oradour-Überlebender Robert Hébras (r.) berichten von den Ereignissen um 1944. © Jamuna Siehler
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Das zerstörte Oradour heute: ein Ort der Erinnerung. © Jamuna Siehler

Schorndorf. Er hat das Unvorstellbare erlebt, nein überlebt: 19-jährig arbeitete Robert Hébras als Automechaniker, als am 10. Juni 1944 SS-Panzerdivision „Das Reich“ das Dorf heimsuchte und ein barbarisches Massaker anrichtete. 642 Menschen starben. Eine Frau und fünf Männer überlebten. Einer davon ist der heute 91-Jährige.

Mit einem Lächeln kommt Robert Hébras an diesem Freitagmorgen in den Raum. Hier, im Zimmer 103 des Schorndorfer Rathauses, dürfen wir ihn zum Gespräch treffen, bevor er sich am Abend ins Goldene Buch der Stadt einträgt und vor einer größeren Gruppe Schorndorfern vom Massaker berichtet. Wie und wo anfangen? Kann man einen Menschen einfach so aus dem Nichts heraus zum Albtraum seiens Lebens befragen? Robert Hébras nickt. Er ist es gewohnt. Immer wieder hat er seine Geschichte erzählt. Das erste Mal 1983, fast 40 Jahre nach dem Massaker. Damals sagte er vor dem Stadtgericht Berlin aus. SS-Obersturmführer Heinz Barth wurde für seine Kriegsverbrechen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. „Ich habe damals nur einen kriegsversehrten, alten Mann gesehen“, berichtet Robert Hébras heute über diese Begegnung. Er sagte aus, sprach mit den Journalisten. Von da an war es vorbei mit der Anonymität. Wieder und wieder wollte man seine Geschichte hören, wollte verstehen, was passiert war, wie einer leben kann mit solch einer Vergangenheit.

Erst die Hinrichtungen in Tulle, dann das Massaker in Oradour

19 Jahre war er damals alt. Es war ein warmer Junitag in dem ruhigen Dorf im nordwestlichen Zentralmassiv. Um 14 Uhr fuhren die Soldaten der SS-Panzerdivision „Das Reich“ in Kampfanzügen und mit Kettenwagen in das Dorf. Einen Tag zuvor hatten sie in der nahen Stadt Tulle 99 Geiseln an Balkonen und Laternen erhängt. Davon wusst man in Oradour nichts. Man ahnte auch sonst nichts Böses, berichtet Hébras. Seit die Region unter deutscher Besetzung war, habe man schließlich täglich Soldaten in Limoges getroffen. Und die Deutschen hätten an diesem Tag ruhig wie immer gewirkt. Wegen des Fahrzeuglärms waren aber alle auf den Straßen, zwischendrin liefen Hühner, Hunde. Nur ein Befehl der Soldaten war zu hören: „Platz, Platz“, riefen sie. Die Bewohner von Oradour sammelten sich auf dem Marktplatz. Dann wurden die Frauen und Kinder – darunter Hébras weinende Mutter und zwei seiner Schwestern – in die Kirche geschickt, die Männer wurden auf vier Scheunen aufgeteilt. Angeblich wollten die Soldaten die Häuser auf versteckte Waffen durchsuchen. Da es aber außer wenigen Jagdgewehren keine Waffen in dem Dorf gab, seien die Bewohner gelassen gewesen. Man habe sich unterhalten, überlegt, was man am nächsten Tag unternehmen wollte. Dann ein Knall, eine Detonation.

Die Stimmung kippte. Die Soldaten in den Scheunen schossen die Männer nieder, stiegen auf den Leichenberg, schossen weiter, bis keine Regung mehr wahrzunehmen war. Dann häuften sie Reisig auf die Leichen und Verletzten, legten Feuer. Robert Hébras lag ganz unten. Unter einem Berg von Sterbenden. Ihr Blut tränkte seine Kleidung, rann an ihm herab, mischte sich mit seinem eigenen Blut. Er stellte sich tot. Doch dann fasste er eine Entscheidung. Er wollte nicht verbrennen. Seine Haare waren bereits angekokelt, der Arm auch. Wenn, wollte er durch eine Kugel sterben. Er rettete sich aus der Scheune, versteckte sich, traf auf fünf weitere Überlebende. Jeder versuchte, sich selbst zu retten. Hébras versteckte sich den ganzen Tag in der Stadt, am Abend gelang es ihm, trotz seiner Verletzungen über die Felder hinter der Scheune zum Friedhof zu fliehen und ins rund acht Kilometer entfernte Nachbardorf zu rennen. Inzwischen war es 22 Uhr, dunkel, tiefste Nacht. Schreckliche Angst hatte er, den Deutschen noch einmal über den Weg zu laufen. An einem Fenster sah er Licht. Er klopfte, er erzählte. Man glaubte ihm nicht. Er erklärte. Verzweifelt. Schließlich durfte er hineinkommen. Nachdem er am nächsten Tag von einem Arzt verbunden worden war, eine Tetantus-Impfung bekommen hatte, floh er zu seiner Schwester, die in der Gegend verheiratet war.

Noch immer trug er die Kleidung vom Tag des Massakers. Sie war steif vom getrockneten Blut. Erst Tage später wurde ihm klar, was mit den 205 Kinder und 240 Frauen passiert war. Nur Asche und Knochen waren in der Kirche gefunden worden. Es war eine Detonation zu hören. Anschließend hatte man das Gotteshaus angezündet. Die Zukunft des Dorfes – einfach ausgelöscht. „Das ist das eigentliche Drama“, sagt Hébras heute. Dass Männer im Krieg sterben, sei auch schlimm, aber nichts Neues.

Danach wollte der junge Mann in seiner Trauer, seinem Schmerz zunächst nur eines: Rache. Er schloss sich der Résistance an – zum einen um vor der französischen Miliz versteckt zu werden, zum anderen, um zu kämpfen. Gegen die Mörder seiner Mutter und seiner Schwestern. Doch der Krieg ging vorbei, bevor Hébras – der sogar freiwillig an die Ostfront zog – nur einmal schießen konnte. Damals bedauert er es. Heute ist er froh darum. „Es wäre sonst noch eine Familie mehr gewesen, in die der Tod eingedrungen wäre“, sagt er.

Hébras bemühte sich, ein normales Leben zu beginnen. Er arbeitete wieder als Automechaniker, zeitweise leitete er eine Werkstatt im wiederaufgebauten Oradour. Er heiratete, bekam zusammen mit seiner Frau einen Sohn, es folgten Enkelkinder. Doch bis heute, so sagt er, sei Oradour in seinem Kopf. Es lässt ihn nicht los. Aber anders als man es vermuten könnte. Hébras setzt sich für die deutsch-französische Freundschaft ein, erhielt dafür sogar das Bundesverdienstkreuz. Noch immer führt der 91-Jährige Gruppen durch das inzwischen zum Museum aufbereiteten historischen Oradour, besucht Schulen – so auch zuletzt die Schorndorfer Gottlieb-Daimler-Realschule sowie das Max-Planck-Gymnasium – und spricht von dem, was seine Jugend so abrupt beendet hatte, ihm seine Familie, seine Freunde, seine Herkunft genommen hatte. „Ich will nicht, dass nach meinem Tod die Opfer von Oradour vergessen werden“, berichtet er. Die Erinnerung hochzuhalten sei ihm eine Verpflichtung. „Bis zum Ende.“

Dies, obwohl ihm jedes einzelne Gespräch zum Massaker schwerfällt. Bei jedem Gang in die Ruinen der Kirche fragt er sich, wo wohl seine Mutter und Schwester gestorben sind, und hofft erneut, dass sie einen schnellen, kurzen Tod hatten. „Wenn ich durch die verlassenen Straßen gehe, sehe ich an jeder Tür ein Gesicht.“ Bilder kommen zurück, das Dorf füllt sich mit Leben: Die Nachbarin zupft die Blumen zurecht, Monsieur Texereau, Inhaber einer Weinhandlung, biegt mit seinem Peugeot 202 in grau-metallic um die Ecke. Aber in Wirklichkeit stehen nur noch Ruinen, darin verrostete Nähmaschinen, eine angekokelte Zapfsäule. Das schnittige Auto, an dem Hébras selbst schon Reifen gewechselt hat, steht ausgebrannt am Wegesrand. Seit mehr als 70 Jahren.

Erinnerung als Film

Im Rahmen der Veranstaltung am Freitagabend wurde auch der Film „Le Droit à la Mémoire. Das Recht auf Erinnerung“ gezeigt, den Michaël Faugeroux zusammen mit Robert Hébras gedreht hat.

Faugeroux übersetzte außerdem für Hébras.