Schorndorf

Angeklagter verteilt Küsse und einen Kopfstoß

Gericht_0
Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Es ist einer jener Fälle, bei der die Aufzählung der Vorstrafen länger dauert: Diebstahl, Körperverletzung, Drogen, Bedrohung, Beleidigung und mehr. Der erste Eintrag ist 20 Jahre her. Der neueste Verstoß bringt den 35-Jährigen wohl hinter Gitter. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass er eine unbefristete Zwangstherapie beginnt. Darauf setzen Richterin und Staatsanwalt.

„Ich hatte gehofft, dass ich Sie hier nie wieder sitzen sehe“, begrüßt Richterin Petra Freier den bulligen Mann im Sitzungssaal des Amtsgerichts. „Ich auch“, antwortet der Angeklagte, dem gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird. Im Februar habe er den Pächter eines Lokals mit der inneren Handfläche geschlagen und sich danach mit dem Sohn des Wirts geprügelt, dem er einen brutalen Kopfstoß verpasste. In einer anderen Lokalität habe er danach einen Farbigen beleidigt und, weil dieser ihn ignorierte, auch eine verpasst. Die Polizei kam. Nun sitzt er am Dienstag im Gericht – mit mehr als einem Problem.

Das größte ist seine Vergangenheit. Für Richterin Freier ist er kein Unbekannter. Mehrfach ist er vorbestraft, saß bereits einmal im Gefängnis. Abgeschoben wurde der Serbe, der in Deutschland geboren wurde, nicht. Davon hat das Regierungspräsidium Stuttgart abgesehen. Er steht zur Zeit der Verhandlung zweifach unter Bewährung. Eine erneute Verurteilung droht, dieses Mal ohne Bewährung. Davon sind Staatsanwalt, Richterin und Pflichtverteidiger überzeugt. Wäre es da nicht besser, er gesteht die Tat? Verteidiger und Beschuldigter besprechen sich. Er gesteht nicht, sondern verstrickt sich in Widersprüche. Den finalen Stoß versetzt ihm die Ex-Freundin.

Das sagt der Angeklagte: Er habe in der Kneipe gesessen, Kaffee und Wasser getrunken. Dann sei der Pächter erschienen und habe ihm Hausverbot erteilt. Er wollte wissen warum und verließ die Kneipe. Dann sei er von hinten angegriffen und geschlagen worden. Er floh, war sauer – und bekam einen Rückfall: Er trank Bier und beleidigte und schlug dann den Farbigen, der ihn angerempelt habe. Richterin Freier fragt ihn nach seiner beruflichen Situation. Er sei Subunternehmer bei einer Dachdeckerfirma und betreibe noch zwei Gewerbe, was den Staatsanwalt stutzig macht. Im Sommer verdiene er wieder mehr Geld. Schulden hat er. Durst nicht mehr. Er trinke kaum noch, erkenne seine Probleme, werde sein Leben wieder in den Griff kriegen. Das will er suggerieren. Ohne großen Erfolg.

Bei der Vernehmung der Zeugen wird deutlich, dass er wohl alkoholisiert oder unter Einfluss anderer Drogen in dem Lokal hockte. Dort war er bekannter Gast, bis er Hausverbot bekam, weil er sich schlecht benommen hatte und in Verbindung mit Drogen gebracht wurde. Daher sollte er im Februar das Lokal verlassen, teilen die Zeugen, der Pächter und die Bedienung mit, die pikanterweise seine Ex-Freundin ist.

Die Faust auf seinem Gesicht

Sie schildert zögernd, der Angeklagte sei oft betrunken, konsumiere unter anderem Kokain. Dadurch wird der Angeklagte unglaubwürdig. Sie schildert weiter, ihr Ex-Freund sei an dem Abend aggressiv und launisch aufgetreten. Mal verteilte er Beleidigungen, dann auch wieder Küsschen. Daher bat sie den Sohn des Pächters um Hilfe. Doch vorher erschien der Wirt selbst und versuchte das Hausverbot durchzusetzen – und wurde vom Serben („Ich legte meine Faust an sein Gesicht“) geschlagen.

Der muskulöse Sohn erreicht das Lokal, sieht seinen ramponierten Vater, schnappt sich den bulligen Mann. Die beiden ringen. Glaubt man den Zeugen, dann war es wohl so, dass der Sohn den Angeklagten niederwarf, ihn festhielt und ihm dann die Hand reichen wollte, damit sich die Sache wieder entspannt. Schließlich würden sich die Männer doch kennen, hätten nie Streit gehabt. Doch der Serbe verpasst dem Sohn eine Kopfnuss, dafür sei er bekannt, wie Petra Freier trocken einwirft. Zwar entschuldigt er sich nach indirekter Aufforderung bei den Geschädigten, doch das hilft nicht.

Richterin, Rechtsanwalt und Staatsanwalt rätseln, warum der Angeklagte, nüchtern wohl ein umgänglicher Mensch, wie auch seine Bewährungshelferin schildert, Alkohol trinkt, wenn er doch wisse, dass er nach fünf, sechs Bier nicht mehr aufhören könne und aggressiv werde. Noch nie habe er nüchtern eine Straftat begangen, sagt er. Mehrere Therapien wurden ihm bereits verordnet. Keine habe geholfen. Dass er eine Freundin in Paris hat, auch mit Schulden kann er sich anscheinend zwei, drei Fahrten pro Monat mit dem Zug leisten, hilft ihm in Sachen Sozialprognose wenig.

Denn die Richterin sah es als erwiesen an, dass er sich der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht hat und dabei eher Täter und nicht Opfer war. Auch wurde deutlich, dass er seine Sucht entgegen seinen Beteuerungen, und auch mit Medikamenten, nicht im Griff hat („von wegen trocken!“). Das Strafmaß? Zwischen sechs Monaten und drei Jahren – ohne Bewährung – stehen im Raum. Oder eine unbefristete Zwangstherapie. Ob die infrage kommt, soll ein Gutachter klären. Das wäre doch besser, als im Knast zu sitzen, meint Petra Freier. Der Angeklagte zögert. Schließlich geht er auf den Vorschlag ein. Die Verhandlung wird fortgeführt, wenn das medizinische und psychiatrische Gutachten erstellt ist. Die Zeit in der Zwangstherapie werde auf das Strafmaß angerechnet. „Das ist Ihre letzte Chance.“ Ist sie erfolgreich, könne der Rest der Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Bessert er sich, könnte sich Freiers Hoffnung verspätet erfüllen.