Schorndorf

Athletische Akrobatik im Rhönrad

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Artistisch im Rhönrad: Turnerinnen des TSV Haubersbronn bei einer Trainingseinheit. © Habermann / ZVW
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Die Rhönradturn-Abteilung des TSV Haubersbronn wird 30. Hier im Bild: Lena Weingart und Sabine Schwarz. © Mathias Ellwanger
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Die Rhönradturn-Abteilung des TSV Haubersbronn wird 30. Hier im Bild: Lena Weingart und Sabine Schwarz. © Mathias Ellwanger
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Die Rhönradturn-Abteilung des TSV Haubersbronn wird 30. Hier im Bild: Lena Weingart und Sabine Schwarz. © Mathias Ellwanger

Schorndorf-Haubersbronn. Beim Springen, Rollen oder Spiraleturnen sind die Sportlerinnen des TSV Haubersbronn bundesweit in der Spitzenklasse. Seit drei Jahrzehnten wird dort mit dem Rhönrad geturnt. Auch weil der Verein seine Nachwuchskräfte schon früh fördert: seit 20 Jahren im Unterricht der Schillerschule.

Video: Seit 30 Jahren gibt es beim TSV Haubersbronn eine Rhönrad-Abteilung.

Armin Höttges ist mit Sicherheit kein Angsthase. Doch als der Leiter der Turnabteilung des TSV Haubersbronn zum ersten Mal in ein Rhönrad stieg, ergriff ihn extreme Panik, Blut schoss in seinen Kopf, schnell ließ er wieder davon ab. Ein zweites Mal stieg Höttges nicht in das ungewöhnliche Turngerät. Das Rhönrad ist eben nicht für jeden etwas. Schon der Einstieg und die gestreckte Körperhaltung erfordern Überwindung. Die Kontrolle über das Gerät ist noch mal ungleich komplizierter: „Wenn man im Rad steht und nur den kleinen Finger hebt, dann bewegt es sich schon“. Als Sportler müsse man bisweilen gegen seine Intuition handeln. Wer mit dem Kopf nach unten in dem Rad hänge und vom Trainer dann gesagt bekomme: „Zum Anhalten musst du loslassen“, halte das mit Sicherheit nicht für die naheliegendste Handlung.

Der Verein ist ein deutsches Rhönrad-Leistungszentrum

Ein großer Fürsprecher der Sportart ist Höttges dennoch geworden. Begeistert berichtet er von der rund 60 Turnerinnen starken Abteilung. Der Sport sei „extravagant, extrem athletisch“ und zugleich „brutal anstrengend“, sagt Höttges. „Nach drei Minuten bist du platt.“ Ausreichende Grundkörperspannung sei hierbei das A und O. Das Turnen im Rhönrad verursache folgerichtig eine ganzheitliche Belastung, „der gesamte Körper wird dabei auf Fitness gebracht“. Und vor allem: „Es ist etwas sehr Ungewöhnliches“ – eine klassische Randsportart eben, die laut Deutschem Turnerbund bundesweit von gerade einmal 6900 Menschen betrieben wird.

Eine aber, die in Haubersbronn nun seit 30 Jahren auf höchstem Niveau praktiziert wird. Der Verein hat schon einige Württembergische Meisterinnen hervorgebracht, Spitzenplätze bei nationalen und internationalen Turnerinnen sind keine Seltenheit. Und Haubersbronn ist Rhönrad-Leistungsstützpunkt beim Deutschen Turnerbund. Kurzum: In der Region gibt es wohl kaum einen besseren Verein, um mit dem außergewöhnlichen Turngerät auf Tuchfühlung zu gehen.

Die hohe sportliche Qualität in Haubersbronn liegt für Kirstin Hahn, Verantwortliche für das Rhönrad-Turnen beim TSV, auch und vor allem an den vielen herausragenden Turnerinnen. „So nah kommt man Spitzensportlern in anderen Sportarten nicht.“ Das ziehe die Jüngeren automatisch mit. So etwas wie Leistungsdünkel gebe es in Haubersbronn nicht. Alle trainierten gemeinsam: ob Anfänger oder Spitzenathlet, ob jung oder alt. Wer einmal dem Rhönrad verfallen sei, könne ohnehin nicht mehr aufhören. „Man kommt schwer los und macht das bis ins hohe Alter.“

Eine besonders enge Verbindung von Trainer und Sportler

Besonders eng sei der Kontakt zwischen Trainer und Sportler. Rhönradturnen sei nun mal nicht ohne Risiko: vor allem Stürze und eingeklemmte Finger gelte es möglichst zu vermeiden. Trainer und Sportler müssten sich daher blind vertrauen können. Was in der Regel auch funktioniere. Entsprechend viele Freundschaften seien auf diese Weise entstanden.

Dieter Brecht war es, der das Rhönrad einst nach Schorndorf holte. Der Gesamtübungsleiter im Turnen ist eigentlich Gerätturner, hatte aber das Turngerät für sich entdeckt und 1986 mit drei Rädern die Abteilung gestartet. Heute besitzt der TSV mehr als 20 Räder in den unterschiedlichsten Größen. Die kleinsten haben einen Durchmesser von 120 Zentimeter, das größte Rad misst mehr als zwei Meter. Sinnvoll ist ein Einstieg in die Sportart etwa ab dem sechsten Lebensjahr. Bei den „Rhönies“, der jüngsten Turnergruppe, werden die Kinder an das Turngerät herangeführt.

Seit 20 Jahren gibt es eine Kooperation mit der Schillerschule

Und seit nun 20 Jahren gibt es auch eine Kooperation zwischen dem Verein und der Schillerschule im Ort. Im Nachmittagsunterricht haben die Grundschüler die Möglichkeit, mit dem Rhönrad zu turnen. Auch hier war Dieter Brecht einst der Initiator. Bis heute leitet er die Kooperation zwischen TSV und Schillerschule. Der 80-Jährige sei überhaupt so etwas wie „die gute Seele des Vereins“, dem er seit nun 60 Jahren die Treue halte.

„So eine Kooperation gibt es nur ganz selten in Deutschland“, sagt Höttges. Im Schwäbischen Turnerbund sei der TSV jedenfalls der einzige Verein. Dabei habe die Zusammenarbeit Vorteile für beide Seiten: Die Lehrer könnten sich auf das Lehren konzentrieren. Und als Verein könne man mit einer ganz anderen Konzentration und Ausrichtung an den Sport herangehen. „Die ganzheitliche körperliche Bewegungserziehung ist jedenfalls besser in den Sportvereinen angesiedelt“, findet Höttges.

Kinder sollten seiner Ansicht nach ohnehin so früh wie möglich in die Sportvereine gehen. Sonst lernten sie bestimmte Bewegungen überhaupt nicht mehr. Ein Problem unserer Zeit, das Höttges bei Erwachsenen immer häufiger begegne. „Darum ist es auch extrem wichtig, sie an den Sport heranzuführen.“ Und das Rhönrad biete da einen riesengroßen Fächer an Möglichkeiten.

Turnier und Training

An diesem Sonntag, 27. November, finden anlässlich des Jubiläums die baden-württembergischen Vereins-Mannschafts-Meisterschaften im Rhönradturnen statt. Und zwar in der Haubersbronner Sporthalle Lauswiesen. Ab 10 Uhr zeigen die besten Turner im Ländle ihr Können.

Eben in dieser Sporthalle trainiert der Verein auch. Und zwar: montags 16 bis 21 Uhr, dienstags 17 bis 18 Uhr, mittwochs 18 bis 21 Uhr sowie donnerstags von 18.45 bis 21 Uhr.

Wer Interesse an einem Probetraining hat, sollte sich vorab bei Dieter Brecht,  0 71 81/6 91 91 oder Kirstin Hahn 01 74/9 56 27 85 anmelden.

Weitere Informationen online unter www.tsv-haubersbronn.de