Schorndorf

Ausstellung zu Opfern rechter Gewalt in der Schorndorfer Stadtkirche

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200 Tafeln sind in der Stadtkirche ausgestellt. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Das Jugendensemble des Phönix-Theaters. © Ralph Steinemann Pressefoto

Erst seit 1990 werden Tötungsdelikte mit rechtsextremen Hintergründen staatlich gesondert als sogenannte „Hassverbrechen“ erfasst. Und das, obwohl es Todesopfer rechter Gewalt schon seit Gründung der Bundesrepublik gibt. Offiziell anerkannt sind aktuell 109 dieser politisch motivierten Morde. Jedoch gibt es nach einer Recherche mehrerer großer Tageszeitungen, wie der Frankfurter Rundschau und dem Tagesspiegel, seit 1990 mindestens 93 weitere, eindeutig rechtsextrem motivierte Morde, die lange nicht als solche in der Kriminalstatistik auftauchten. Bei der Ausstellung „Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland“ in der Stadtkirche sind seit Dienstagabend die rund 200 Opfer all dieser Morde auf Holztafeln zu sehen. Die Wanderausstellung der Künstlerin Rebecca Forner haben das Schorndorfer Bündnis gegen Rassismus und Rechtsextremismus sowie der Stadtkirchengemeinderat organisiert.

Unter dem Motto „Sagen, was zu sagen ist“ wurde die Ausstellung mit Lyrik und Prosa von Schauspieler Soran Assef und seinem Ensemble eröffnet. „Noch vor ein paar Jahren ist man nicht für eine Ausstellung in die Kirche gekommen“, sagt die Kirchengemeinderatsvorsitzende Heike Kistner. Das habe sich geändert, seitdem die Stadtkirche eine Bürgerkirche ist. „Wir sind offen für weltliche, politische und gesellschaftliche Themen, die uns alle angehen.“

Nicht ohne Grund am 9. November

Der Startschuss fiel nicht ohne Grund auf den 9. November, wie der Vorsitzende des Bündnisses gegen Rassismus und Rechtsextremismus Wolfgang Schuy in seiner Eröffnungsrede erklärte. Denn dieses Datum ist mit mehreren wegweisenden geschichtlichen Ereignissen in Deutschland verbunden. Am 9. November 1848 scheiterte die Märzrevolution mit der Hinrichtung des Demokraten Robert Blum. Am selben Tag im Jahr 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen und genau 71 Jahre später fiel die Berliner Mauer. „Aber wir müssen auch an die Reichspogromnacht von 1938 denken. Da brannten Synagogen, da zeigten die Feuer, wohin Ausgrenzung und Entrechtung führen“, sagte Wolfgang Schuy.

Das radikale Gedankengut, das die Grundlage für die NS-Verbrechen war, existiert weiterhin in der Gesellschaft. Das zeigt jede schwarz-weiße Tafel, auf denen die Opfer der „neuen“ rechten Gewalt zu sehen sind, eindrucksvoll. Wolfgang Schuy sagt dazu: „Die Bereitschaft zu Gewalt, bis hin zu Mord, ist bei Rechtsextremisten bis in die rechte Parteienlandschaft hinein so gewachsen, dass kein Politiker, keine Exekutive und keine Judikative ernsthaft das Versprechen abgeben kann, dass es nicht wieder zu Morden und Anschlägen kommen kann.“ Um dem entgegenzuwirken, dürfe kein Platz für „menschenfeindliche Rede“ gelassen werden.

Soran Assef trug genau zu diesem Thema zusammen mit fünf Mitgliedern des Jugendensembles des Phönix-Theaters Texte vor. Begleitet wurden sie dabei von filmähnlichen Klängen des Musikers Hansi Fuchs. Die lyrischen Werke umfassten Themen wie rechtsradikale Codes in der Sprache und die Strategien der radikalen Rechten zur Konstruktion einer „echten“ Nation und Kultur. Bei der dialogisch vorgetragenen Geschichte zum wahren Gesicht des rechten Terrors zeigten die jungen Schauspielerinnen und der junge Schauspieler ihr Können. Sie performten das klug geschriebene Gespräch mal leise, mal laut - mal englisch, mal deutsch, und sogar thüringisch wurde gesprochen.

Info

Die Ausstellung kann noch bis zum 18. November in der Stadtkirche besucht werden. Diese ist wie üblich von Montag bis Donnerstag zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet. Freitags von 13 bis 15 Uhr und sonntags von 14 bis 15.30 Uhr.

Zum Abschluss wird der Cellist Joachim Hess vom Staatsorchester Stuttgart am 18. November um 19 Uhr ein exklusives Programm spielen. Außerdem wird Kerstin Müller von der Beratungsstelle „Leuchtlinie“ für Betroffene von rechter Gewalt in Baden-Württemberg aus ihren Erfahrungen zum Thema sprechen.

Erst seit 1990 werden Tötungsdelikte mit rechtsextremen Hintergründen staatlich gesondert als sogenannte „Hassverbrechen“ erfasst. Und das, obwohl es Todesopfer rechter Gewalt schon seit Gründung der Bundesrepublik gibt. Offiziell anerkannt sind aktuell 109 dieser politisch motivierten Morde. Jedoch gibt es nach einer Recherche mehrerer großer Tageszeitungen, wie der Frankfurter Rundschau und dem Tagesspiegel, seit 1990 mindestens 93 weitere, eindeutig rechtsextrem motivierte Morde, die

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