Schorndorf

Autisten-Treff in Schorndorf weitet Angebot für Selbsthilfegruppe aus

Autismus
Autismustreff-Gruppenleiter Marco Mayerle erhält Unterstützung von Natalie Ziebarth. © Gabriel Habermann

Marco Mayerle lächelt. Er sitzt an einem Tisch im Familienzentrum. In diesem Raum kommt der Autismustreff zusammen. „Für gut zwölf Personen ist hier Platz“, fängt er an zu erzählen. Die Nachfrage für diese Treffen sei in den vergangenen Monaten so gestiegen, dass man sich dazu entschieden habe, einen weiteren Tag – außer den 14-tägigen Freitag – anzubieten.

„Ich bin froh, dass ich durch Natalie nun Unterstützung gefunden habe, die einen Treff 14-tägig gegentaktig dienstags anbieten wird.“ Marco Mayerle ist 27 Jahre alt und Autist. 2018 hat er die Selbsthilfegruppe für erwachsene Autisten in Schorndorf gegründet. Seither ist er der Gruppenleiter der Autismus SHG/Autismustreff Schorndorf. Natalie Ziebarth (42) war von Anfang an in der Gruppe dabei und weiß um die Probleme und Sorgen, mit denen sich Autisten auseinandersetzen (müssen). Sie arbeitet in der Paulinenpflege und hat dort auch mit Autisten zu tun.

„Außerdem haben wir in Absprache mit der Sportsbar Kalaluna die Möglichkeit eines Freizeittreffs. Da spielen wir samstags oder sonntags Billard“, erzählt Mayerle. Außerdem möchte er auch Ausflüge und Ähnliches anbieten, wenn der Bedarf vorhanden ist. Mit der Autismusgruppe Reutlingen stehe man in engem Kontakt und organisiere da auch gemeinsame Ausflüge.

Viel Dynamik im eigenen Leben

Motivierter sei er nun wieder, erzählt Marco Mayerle und sagt, was ihm auf dem Herzen liegt und was ihn in der vergangenen Zeit beschäftigt hat. In seinem eigenen Leben sei viel los gewesen, „viel Dynamik habe es gegeben“. Er studierte Sonderpädagogik, musste das Studium jedoch abbrechen, „weil es nicht so geklappt hat, wie ich dachte“. Derzeit arbeitet der 27-Jährige unter anderem als Schulintegrationskraft in der Schulbegleitung, engagiert sich als Übungsleiter und unterstützt in einem Wohnheim. Außerdem hat Marco Mayerle ein Mathematik-Fernstudium begonnen und ist mittlerweile von Remshalden nach Ludwigsburg gezogen.

„Außerdem möchte ich mich bezüglich des Versuchs der Kontaktaufnahme per E-Mail mit uns entschuldigen“, sagt er, und blickt aus dem Fenster und dann in den leeren Raum. „Zwischen 2019 und 2021 sind bei mir einige Bezugssysteme kollabiert, deshalb ist auch mein Sonderpädagogik-Studium gescheitert. Ich resignierte und lebte stark zurückgezogen. Ich konnte die Beantwortung von E-Mail-Anfragen nicht mehr ausführen. Leider gab es dann noch das eine oder andere Missverständnis wegen der Website. Als ich das dann alles aufgearbeitet hatte, tat mir dies außerordentlich leid. Ein reaktionsloses Ausbleiben einer Antwort ist denkbar ungünstig.“

Nun möchte Marco Mayerle Betroffenen aber wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der junge Mann weiß, wovon er spricht, hat er doch einen langen Leidensweg hinter sich. Etwas länger hat es gedauert, bis für ihn eindeutig war: „Ich bin Autist.“ Wie ein Mensch mit Stress umgeht, wie er seine Gefühle erlebt und reguliert, hängt eng zusammen mit der Beschaffenheit seines Nervensystems, mit der Art und Weise, wie sein Gehirn die Dinge verarbeitet. Als Kind habe er seinen drei älteren Brüdern abgeschaut, wie „man“ sich verhält, wie „man“ kommuniziert, wie „man“ Gefühle ausdrückt.

Kommunikation erfordert Kraft

Marco Mayerle erkrankte: Kopfschmerzen, Verdacht auf eine Erkrankung des Herzens, Probleme mit dem Blutdruck, Denkstörungen, Depressionen. Klinik. Während seines Freiwilligen Sozialen Jahres hatte der junge Mann mit autistischen Kindern zu tun. Sein Schlüsselerlebnis, wie er selbst sagt. „Da hab ich viel gelernt und entdeckt, dass mit mir etwas nicht stimmt.“ Er besuchte Seminare, befasste sich mit Meditation, Intuition, emotionaler Intelligenz, Tiefenpsychologie, mit dem Unbewussten, mit Selbsthypnose. Immer mehr lernte er dazu, über sich, über den Autismus, über das Verhalten. Das hilft ihm im Umgang mit anderen, vor allem in der Kommunikation. „Das benötigt oft die meiste Kraft – die Kommunikation mit anderen.“

Eine Möglichkeit zu schaffen, einen Treff zu organisieren, bei dem sich erwachsene Autisten austauschen können oder auch Menschen mit einem Anfangsverdacht, erschien Mayerle selbst hilfreich: „Es gibt so gut wie keine Angebote dieser Art. Zu unserem ersten Treffen sind sogar Menschen aus Heilbronn und Stuttgart gekommen.“ Auf Termine bei Psychologen oder Ähnliches warte man oft Monate: „Das ist natürlich für einen Menschen mit autistischen Zügen sehr schwer.“ Bei den Treffen – derzeit gehören sechs bis acht Personen zu dem „festen“ Kern – werde „alles besprochen, was einen beschäftigt“. Wenn jemand Neues hinzukäme, werde eine Vorstellungsrunde gemacht. Was beschäftigt diejenigen, die kommen? „Das ist unterschiedlich. Manchmal reden wir über ganz allgemeine Themen, über das, was in der Welt passiert, dann über das, was in unserer Welt passiert.“ Autisten würden häufig in der Schule unangenehm auffallen. Reizüberflutung verursacht Stress, und Stress kann aggressiv machen. „Ein Autist muss irgendetwas tun, um nicht in der Reizüberflutung unterzugehen.“ Ein Thema sei auch, wenn ein Mensch erst mit fortgeschrittenem Alter die Diagnose Autismus erhält – wie geht man damit um? Soll man sich outen?

„Die Welt ist nicht für Autisten gemacht“

Bei den Treffen könne man sich so verhalten, „wie man es selbst für richtig hält“. Der Gruppe steht ein Raum im Familienzentrum zur Verfügung – „wer nicht am Tisch sitzen will, darf auch stehen oder kann sich auf den Boden setzen oder sich hinlegen, und wem es plötzlich zu eng wird oder zu anstrengend, darf auch gerne mal rausgehen“, so der Gruppenleiter und er fügt hinzu: „Hier muss man nicht funktionieren, sondern kann so sein, wie man sich wohlfühlt.“ Allerdings – und das sei ihm wichtig: „Eine Beratungsstelle sind wir nicht. Aber wir leiten dann gerne an eine Autismusberatung weiter.“ Mit der Diagnose umzugehen, sei allein schon schwierig. Dann aber mit dieser „Andersartigkeit“ zu leben, manchmal noch viel schwieriger. „Die Schwergreifbarkeit der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt, das Wesen des Autistischen ist sehr trickreich“, hat Marco Mayerle mal in einem früheren Interview gesagt. Die Welt sei nicht gerade für Autisten gemacht, es sei anspruchsvoll, damit zu leben. Keiner weiß das besser als der junge Mann. Er steht auf, läuft im Raum umher, denkt nach, wie er den nächsten Satz formulieren möchte: „Es gibt so viele Wege und es kostet Überwindung. Manche erfahren früh von der Diagnose, oder die Eltern erfahren, dass ihr Kind Autist ist oder man erfährt als Erwachsener nach einem langen Leidensweg die endgültige Diagnose vom Arzt.“

Eine, die ihre Spätdiagnostik im Februar erhalten hat, ist Nicole Käfer. Sie ist seit Dezember 2021 beim Treff dabei – „weil ich zu diesem Zeitpunkt eine sogenannte Verdachtsautistin war“, erklärt die 46-Jährige ihren ersten Besuch in der Gruppe schon vor der eigentlichen Diagnose.

Für sie sei es was „ganz Eigenes, zu diesen Zusammentreffen zu kommen“. Nicole Käfer: „Wenn wir beisammen sind, können wir über das sprechen, was uns betrifft. Wir können Erfahrungen austauschen oder denjenigen weiterhelfen, die noch vor diesem Weg stehen.“

Marco Mayerle lächelt. Er sitzt an einem Tisch im Familienzentrum. In diesem Raum kommt der Autismustreff zusammen. „Für gut zwölf Personen ist hier Platz“, fängt er an zu erzählen. Die Nachfrage für diese Treffen sei in den vergangenen Monaten so gestiegen, dass man sich dazu entschieden habe, einen weiteren Tag – außer den 14-tägigen Freitag – anzubieten.

„Ich bin froh, dass ich durch Natalie nun Unterstützung gefunden habe, die einen Treff 14-tägig gegentaktig dienstags anbieten

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