Schorndorf

Autor Christian Baron erzählt in Schorndorf vom Leben in der Arbeiterklasse

Christian Baron
Christian Baron. © Hans Scherhaufer

Als Christian Baron vor zwei Jahren die Geschichte seiner Kindheit in der Arbeiterklasse, mit dem prügelnden Vater und seinem unwahrscheinlichen Bildungsaufstieg literarisch verarbeitete, schlug das ein wie eine Bombe. „Ein Mann seiner Klasse“ wurde ein Überraschungserfolg, auch für den Autor selbst, der teilweise drei Interviews am Tag geben musste und auf einen Schlag in der Republik bekannt wurde. Am Donnerstag (08.12) liest Christian Baron in der Manufaktur in Schorndorf aus seinem neuen Roman vor.

Aus erster Hand über Armut berichten

Verwunderlich ist es aber bei Lichte betrachtet nicht, denn der Autor hat mit dem sehr eindrücklich geschriebenen Buch eine Lücke gefüllt. Denn so viel über Armut in Deutschland berichtet wird, so selten kommen Betroffene dabei selbst zu Wort. „Der Erfolg des Buchs hat mir gezeigt, dass es im Journalismus und im Kulturleben das Bedürfnis gibt, mehr darüber aus erster Hand zu berichten“, sagt Baron.

Zwei Großväter, die nicht verschiedener sein könnten

In diesem Herbst ist nun der neue Roman von Christian Baron erschienen. „Schön ist die Nacht“ heißt er, spielt in der Nachkriegszeit und erzählt von seinen beiden Großvätern, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Während Horst sich mit Gelegenheitsarbeiten und krummen Dingern über Wasser hält, glaubt Willy an den Aufstieg durch ehrliche Arbeit. Horst haut Willy dabei immer wieder übers Ohr, Willy haut Horst aber immer wieder raus. Scheitern werden sie am Ende alle beide.

„Die beiden haben etwas Universelles in sich, dass sie in ihrer Ambivalenz etwas über ihre Klasse aussagen“, so Baron. „Sie stehen auch stellvertretend für eine Welt, die in der deutschsprachigen Literatur kaum vorkommt“: die der Arbeiterklasse.

In der Familiengeschichte recherchiert

Lange hat der aus Kaiserslautern stammende Journalist (er arbeitet für die Berliner Wochenzeitung „Der Freitag“) und Schriftsteller dafür in der eigenen Familiengeschichte recherchiert. Viel erzählt habe diese Generation über die „Rushhour“ ihres Lebens nämlich nicht. „Ich wollte wissen, wie sah deren Alltag aus?“ Deshalb führte er Gespräche mit Verwandten. „Die interessantesten Geschichten fielen dabei ganz nebenbei“, etwa die, dass seine Großmutter in den Siebzigern Pornos gedreht hat.

Ein Roman, der auf echten Biografien fußt

Vieles davon wird in „Schön ist die Nacht“, das streckenweise ziemlich abgründig ist, dann auch erzählt. Baron stellt aber klar, dass es sich hier ganz klar um einen Roman handelt. „Ich weiß selbst nicht mehr so genau, was recherchiert ist und was ich aufgefüllt habe, aber es geht auch gar nicht darum, was exakt stattgefunden hat.“

Die richtige Sprache zu finden, sei dabei das Schwierigste gewesen, berichtet der Autor. „Weil es eine Sprache aus einer Zeit ist, die ich nicht erlebt habe“ – und weil Baron möglichst authentisch schreiben wolle. Die zweite Herausforderung für Baron war, über die Arbeitswelt zu schreiben. Auch ein Sujet, das in deutschen Romanen nur selten vorkommt.

Annie Ernaux: „Literarischer Urknall“

Nach seinen literarischen Vorbildern gefragt, nennt Baron Hans Fallada, Alfred Döblin oder Jörg Fauser. Nicht zuletzt war es aber die jüngst mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Annie Ernaux. „Das war der literarische Urknall für mich.“ Ohne die Lektüre ihrer Romane, die stark autobiografisch geprägt sind, „hätte ich mich nie getraut, so direkt über meine Familie zu schreiben“. Doch während die Französin dies durchaus mit Distanz tut, „möchte ich ganz nah ranzoomen“, möchte „mit offenem Visier schreiben, auch über die harten Geschichten, die stattgefunden haben“.

„Viele erkennen ihre eigene Geschichte“

Dass dies auf Resonanz stößt, erlebt Christian Baron gerade auf seiner Lesereise durch Deutschland. „Da erkennen viele etwas aus ihrer eigenen Geschichte, manche tauchen aber auch in andere Welten ein.“ Seine Literatur sei „ein Spiegel und gleichzeitig eine Tür, durch die man hindurchgehen kann“.

Dass es inzwischen mehr deutsche Romane gibt, die Geschichten jenseits der bürgerlichen Welt erzählen, freut den Autor. Als Beispiele nennt er Daniela Dröscher oder Deniz Ohde. „Da tut sich was im deutschsprachigen Raum.“ Wobei Baron hofft, dass sich daraus kein Trend ergibt, sondern es irgendwann ganz normal ist, Geschichten wie die seine zu erzählen.

Einen Roman aus seinem familiären Kosmos hat Christian Baron übrigens auch noch in der Mache. Details will er verständlicherweise noch nicht verraten. Doch diesmal soll eine weibliche Perspektive beleuchtet werden. Nach dem nächsten Roman soll aber erst einmal Schluss sein mit den Kaiserslautern-Romanen.

Als Christian Baron vor zwei Jahren die Geschichte seiner Kindheit in der Arbeiterklasse, mit dem prügelnden Vater und seinem unwahrscheinlichen Bildungsaufstieg literarisch verarbeitete, schlug das ein wie eine Bombe. „Ein Mann seiner Klasse“ wurde ein Überraschungserfolg, auch für den Autor selbst, der teilweise drei Interviews am Tag geben musste und auf einen Schlag in der Republik bekannt wurde. Am Donnerstag (08.12) liest Christian Baron in der Manufaktur in Schorndorf aus seinem neuen

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