Schorndorf

Barbara-Künkelin-Preis für Anja Reschke

ARD Journalistin Anja Reschke erhielt den Barbara-Kuenkelin-Preis, Schorndorf, 20.03.2016.
ARD Journalistin Anja Reschke erhielt den Barbara-Kuenkelin-Preis, Schorndorf, 20.03.2016. © Benjamin Beytekin

Schorndorf. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wahnsinnig ich mich freue“, reagierte die Journalistin und „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke auf die Auszeichnung mit dem Barbara-Künkelin-Preis. Weil es, so ihre Begründung, für sie etwas Besonderes sei, Anerkennung einmal nicht aus den eigenen journalistischen Reihen, sondern von einer Seite zu bekommen, „für die wir unsere Arbeit machen“.

Besonders stolz, so Anja Reschke gestern in der Barbara-Künkelin-Halle, sei sie, weil es sich um einen Preis handle, der von Frauen für Frauen vergeben werde. Müssten sich doch Frauen ihre Rechte immer noch ein Stück weit schwerer und auf mehr Umwegen erkämpfen als die Männer, sagte die Journalistin, die überzeugt ist, dass die vielen heftigen und hässlichen Reaktionen auf ihren Tagesthemen-Kommentar, in dem sie sich zur Hetze gegen Flüchtlinge im Internet geäußert und zu einem „Aufstand der Anständigen“ aufgerufen hat, auch damit zu tun haben, dass sich viele (Männer) nicht auch noch von einer Frau sagen lassen wollten, was hierzulande anständig und was unanständig ist. Es sei einerseits traurig, dass es dieses Kommentars und der Versicherung eines auf Mitmenschlichkeit und Würde des Menschen basierenden Wertesystems überhaupt bedürfe, es sei andererseits aber auch gut, dass dieses Land wieder anfange, darüber nachzudenken und sich darauf zu besinnen, „welche Werte für uns wichtig sind und was wir zulassen wollen und was nicht“, sagte Anja Reschke, die überzeugt ist, „dass diese Gesellschaft an dieser Herausforderung wachsen wird“. Aber sie machte auch deutlich: „Es gibt noch viel zu wenig Aufregung und Protest gegen jene, die außer Hetze und Angstmacherei nichts zu bieten haben.“ Wobei sie selber sich der Aufregung, die ihr Kommentar auslösen sollte, erst am Morgen nach der Ausstrahlung bewusstgeworden sei, weil sie doch eigentlich nur gesagt habe, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Stehende Ovationen für den „tollen Menschen“ Anja Reschke

Und dabei, verriet der ehemalige Redaktionsleiter des Polit-Magazins „Panorama“, Kuno Haberbusch, in seiner Laudatio, war Anja Reschke am Anfang ihrer journalistischen Karriere gar keine, die sich aufregen und ständig einmischen wollte. Was sich nach ihrem ersten konfrontativen Interview mit dem Chef einer Krankenkasse, die sich älterer Mitglieder entledigen wollte, schlagartig geändert habe. Seither, so Haberbusch, empfinde es Anja Reschke nicht nur als Herausforderung, sondern geradezu als Glück, Missstände aufzeigen und Unrecht anprangern zu können, auch um den Preis, dass ihr, wie im Fall ihres Kommentars und ihrer generellen Haltung beim Thema Flüchtlinge, vorgeworfen wird, sie führe Krieg gegen das deutsche Volk, und dass „Reschke-Fernsehen“ zu einem Synonym für die viel zitierte „Lügenpresse“ geworden ist. Diese, ihre gegen einen sich ausbreitenden unsäglichen rechten Zeitgeist richtende Haltung, ihr Mut und ihre Entschlossenheit, die ihr jetzt den mit 5000 Euro dotierten Barbara-Künkelin-Preis und stehende Ovationen des Publikums eingebracht hat, hat laut Kuno Haberbusch auch damit zu tun, dass eine der wichtigsten Fragen, die Anja Reschke seit jeher umtreibt, die ist, wie die Deutschen mit ihrer Vergangenheit umgehen und was sie daraus immer wieder neu lernen (müssten). Menschen, die forderten, endlich einen Schlussstrich unter diese Vergangenheit zu ziehen, erinnere sie daran, dass die Opfer auch nicht einfach einen Schlussstrich hätten ziehen können, sagte der Laudator, der Anja Reschke als „tollen Menschen“ bezeichnete und der dem Preisgericht attestierte: „Sie haben eine gute und die richtige Wahl getroffen“. Weil Anja Reschke mit ihrem Kommentar „viele bewegt, viele provoziert und viel bewirkt“ habe.

Dietrich: Ein einfacher Aufruf gegen einfache Parolen

„Mund aufmachen, Haltung zeigen“: Mit diesem Appell an die „Anständigen“ hat Anja Reschke im August vergangenen Jahres ihren zum Zeitdokument gewordenen Kommentar beendet. Und sich damit, so sieht’s die Vorsitzende des Preisgerichts, Elsbeth Rommel, als würdige Preisträgerin in der Tradition einer Barbara Künkelin erwiesen, die ebenfalls keine Scheu gehabt habe, sich ihr und ihrer Stadt feindlich gesinnten Männern entgegenzustellen. „Gegen den Zeitgeist, innovativ und auf die Zukunft gerichtet“, das seien die für eine Barbara-Künkelin-Preisträgerin geforderten Attribute, sagte Elsbeth Rommel und beschrieb die erste Reaktion von Anja Reschke auf die Entscheidung des ausschließlich mit Frauen besetzten Preisgerichts. Sie fühle sich geehrt und sei dankbar für diesen Preis gerade in Zeiten der Anfeindung, in denen sie sich auch manchmal gefragt habe, ob sie auf dem richtigen Weg sei, soll Anja Reschke gesagt haben. „Sie sind auf dem richtigen Weg“, versicherte ihr jetzt noch einmal Elsbeth Rommel, für die in diesen Zeiten allein schon die Aufforderung der Preisträgerin, sich eine eigene Meinung zu bilden, von richtungsweisender Bedeutung sein kann. Aus Sicht des Heimatvereinsvorsitzenden Holger Dietrich hat Anja Reschke in ihrem Kommentar „klare Worte gefunden, die vielen aus der Seele sprechen“. Und sie habe sich mit einem eigentlich „einfachen Aufruf gegen einfache Parolen“ gewandt. Und dabei, so die Preisträgerin scherzhaft, habe sie doch nur mit Worten gekämpft und nicht wie Barbara-Künkelin mit einem Dreschflegel.