Schorndorf

Beerdigungen in der Corona-Krise: Trauernden fehlt Nähe

Den Trauernden fehlt die Nähe_0
Trauerfeiern müssen im Moment im Freien stattfinden. © ZVW/Gaby Schneider

Rund um Schorndorf.
Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, befinden wir uns im emotionalen Ausnahmezustand und sind auf die Unterstützung und Nähe unserer Mitmenschen angewiesen. In dieser Situation ist es oft ohnehin eine Herausforderung, lange genug einen freien Kopf zu behalten, um sich mit der Organisation einer Trauerfeier zu befassen. Nun gelten aufgrund der Coronavirus-Krise neue Regelungen, die diese fordernde Zeit für viele noch schwieriger gestalten. So dürfen Trauerfeiern zum Beispiel im Moment nur im Freien stattfinden, teilnehmen dürfen höchstens zehn Personen, in vielen Gemeinden muss eine Teilnehmerliste geführt werden. Das stellt Trauernde, Pfarrer und Bestatter vor Herausforderungen.

„Es beschäftigt die Leute sehr und mich auch“, sagt Pfarrer Klaus Dieterle aus Urbach. „Ich tue mich sehr schwer mit der Regelung, aber man muss es nachvollziehen.“ Einen Trauergottesdienst habe er bereits unter den neuen Bedingungen abgehalten, zwei stehen bald an. „Die Betroffenen sind sehr einsichtig, weil sie wissen, um was es geht“, berichtet der Pfarrer. „Aber es ist schwer.“ In den Nachrichten habe er von einem jungen Mann, der in Heinsberg seinen Vater verloren hat, einen denkbaren Satz gehört: Man stirbt einsam und die Hinterbliebenen trauern einsam.

„Das ist die Situation, wie ich sie empfinde“, so Klaus Dieterle. „Zehn Leute, das ist der engste Familienkreis“, sagt der Pfarrer. „Manchmal gibt es aber auch Kollegen, Mitjahrgänger oder Vereinsmitglieder, denen es ein Bedürfnis ist, Abschied von den Verstorbenen zu nehmen.“ Wenn in Urbach sonst jemand sterbe, gebe es zumeist eine große Anteilnahme, bei Abschieden seien Menschen aus der Nachbarschaft und dem erweiterten Bekanntenkreis dabei. „Das ist für mich sehr begrüßenswert“, sagt der Pfarrer. „Trauern heißt auch, man steht zusammen.“ Das sei nun alles eingeschränkt, er habe das Gefühl, die Trauernden kommen sich verloren vor.

Bestatter rät davon ab, Bestattungen zu verschieben

Die Situation erfordert auch an anderer Stelle Anpassungen. „Wir dürfen die Aussegnungshallen nicht mehr benutzen“, berichtet der Rudersberger Bestatter Jens Scheufele. „Große Feiern dürfen nicht mehr stattfinden.“ Zudem müssen Teilnehmerlisten der zehn Angehörigen, die noch an den Trauerfeiern teilnehmen dürfen, erstellt werden. Es gebe Leute, die die Trauerfeier unter diesen Bedingungen erst einmal verschieben wollen. Zum Beispiel, wenn jemand im Kirchenchor aktiv war und es den Angehörigen ein Anliegen ist, dass der ganze Chor bei der Bestattung dabei sein könne. Manche griffen auf eine Feuerbestattung zurück, mit der Absicht abzuwarten, bis die Vorgaben wieder gelockert werden. Dann bleibe die Urne bis zur Beisetzung erst einmal beim Bestatter.

„Ich halte das aber für gefährlich, weil die Vorgaben erst einmal für unbestimmte Zeit gelten“, so Jens Scheufele. Es sei unwahrscheinlich, dass in ein paar Wochen wieder größere Feiern stattfinden dürfen. Ohne eine Beisetzung bestehe die Gefahr, dass die Angehörigen keinen Abschluss finden könnten. „Die Beisetzung ist wichtig, um die Trauer zu verarbeiten“, sagt Jens Scheufele. Und auch den christlichen Beistand hält er in vielen Fällen für sehr wichtig. Er rate Menschen also eher davon ab, die Bestattung zu verschieben. „Aber natürlich versteht man den Wunsch auch“, sagt er. „Es ist eine schwierige Situation.“

Für die Bestatter ist die Arbeit auch aus anderen Gründen erschwert. „Wir müssen spezielle Vorgaben erfüllen“, gibt Jens Scheufele Auskunft. Momentan sei sein Betrieb noch mit Schutzausrüstung ausgestattet, weil er es auch vorher immer mal wieder mit infektiösen Verstorbenen zu tun hatte. „Wir haben aber natürlich nur ein geringes Kontingent“, so Scheufele. Momentan könne er nichts nachbestellen und verstehe auch, dass Krankenhäuser und die Pflege erst einmal vorgehen. Aber: „Sollte es tatsächlich bald viel mehr infektiöse Verstorbene geben, dann kommt es auch bei uns zu einem gewaltigen Engpass und wir könnten nicht mehr arbeiten.“ Vergessen werden sollten die Bestatter also nicht. „In Baden-Württemberg wurden wir zunächst nicht als systemrelevant eingestuft, das hat sich jetzt aber zum Glück geändert“, so Jens Scheufele.

Wenn mehr als zehn kommen: Personen wegschicken?

Stefan Nemesch, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Steinenberg, hat bis jetzt noch keine Bestattung mit zehn Personen durchgeführt. Mit einer Trauerfamilie habe er aber ein Gespräch geführt, die sich entschloss, die Beisetzung zu verschieben, weil sie ihre Freunde dabeihaben wollte. „Damals waren noch 20 Personen bei den Beisetzungen erlaubt. Zwei Tage später waren es nur noch zehn“, sagt Stefan Nemesch. Das sei bitter. Gerade in der Trauerphase suchten Menschen gegenseitigen Trost und Nähe zueinander.

„Was passiert, wenn elf Personen zur Beerdigung kommen?“, fragt sich der Pfarrer. „Muss ich dann eine Person wegschicken?“ Eigentlich wolle er eine Beerdigung unter solchen Bedingungen nicht vollziehen, so Nemesch, „aber es wird natürlich kommen“. Eine Form dafür zu finden, bei der Intimität und Trauer einen Ausdruck finden, sei in dieser Situation für alle eine Herausforderung.

„Bei der letzten Beerdigung im Freien hat jemand Geige gespielt, das hat mich und die Anwesenden sehr berührt“, sagt Pfarrerkollege Klaus Dieterle. Außerdem gebe es ein Bläserteam, das einspringen könne. Er versuche, Alternativen zu finden, um die Trauergottesdienste würdig zu gestalten.

Der Pfarrer hofft, dass die neuen Beerdigungsformen keinen „Dauereffekt“ mit sich bringen. „Ich finde, der Tod gehört zum Leben dazu“, sagt er. „Ich bin immer dankbar gewesen, dass die Gemeinde hier so Anteil nimmt.“ Er habe bei seiner Arbeit in einer Stadt schon beobachtet, dass es einen Trend dazu gibt, dass das Trauern nur noch im kleinsten Kreise stattfindet. „Ich wünsche mir nicht, dass die Situation jetzt diesen Effekt verstärkt.“

Rund um Schorndorf.
Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, befinden wir uns im emotionalen Ausnahmezustand und sind auf die Unterstützung und Nähe unserer Mitmenschen angewiesen. In dieser Situation ist es oft ohnehin eine Herausforderung, lange genug einen freien Kopf zu behalten, um sich mit der Organisation einer Trauerfeier zu befassen. Nun gelten aufgrund der Coronavirus-Krise neue Regelungen, die diese fordernde Zeit für viele noch

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