Schorndorf

Berauschende Kunstnacht in Schorndorf: Das große Fest der Künste als Publikumsmagnet

Kunstnacht
Großformatige Blumengemälde im Röhm. © Gaby Schneider

Trotz empfindlichem Temperatursturz und Regenschauern erwies sich nach zweijähriger Pause die Kunstnacht einmal mehr als Publikumsmagnet für Kunstfreunde aus der ganzen Region. Zwischen den beiden Polen Schock-Areal und Röhm waren rund um die Q-Galerie im Zentrum wieder zahlreiche Ateliers geöffnet. Die Künstlerinnen und Künstler überraschten mit neuen Werken und erwiesen sich als fantasievolle Gastgeber in einladender Werkstattatmosphäre.

Nach der Vernissage der neuen Ausstellung „Heimspiel“ in der Q-Galerie (Bericht folgt), eröffnete dort Andrea März von der Sektion Kunst des Kulturforums die Kunstnacht und erinnerte an deren Gründung. Es war im Jahr 2000, als bei einer Vernissage in Renate Busses ehemaliger Galerie Zitrone in der Vorstadtstraße festgestellt wurde, dass gleichzeitig und zufällig etliche andere Künstler Ausstellungseröffnungen feierten.

2002 fand die erste Kunstnacht statt

„Warum“, fragte man sich, so März, „fassen wir diese Veranstaltungen nicht zusammen und machen einen Abend daraus, an dem alle Ateliers und Galerien öffnen können?“ Die Idee zur Kunstnacht ward geboren. Und fand, vorbereitet von Mitgliedern von Kulturforum und Kunstverein, dann vor genau 20 Jahren am 17. September 2002 zum ersten Mal statt. Damals an einem wunderbar lauen Herbstabend. Und so wurde für das vermeintlich als bilderfeindlich-pietistisch geschmähte Schorndorf eine unerwartete Erfolgsgeschichte daraus.

So üppig vielfältig, dass man gar nicht alles sehen kann an einem Abend. Doch immer ist für jeden was dabei. Hier eine kleine Auswahl des Kunstreichtums.

Im Schock-Areal großer Andrang. In den Gängen lange Reihen von Ateliertüren weit geöffnet. Bertold Becker erklärt gerade einem Besucher vor einem Gemälde, „Stillstand ist gar nicht meins“. Neuerdings mischt er Abstraktion mit Gegenständlichem und nennt dann eine seiner neuen Sachen aufmunternd „Cool bleiben“.

DADAs Versprechen der Verwandlung

Einen beherzt verzauberten Raum betritt man mit dem Atelier des Künstlerpaars Thitz und DADA (Katharina Trost). Neue farbenfröhliche Städte-Tütenbilder von ihm. Und schwebend unter der Decke ein Schwarm von Schmetterlingspuppen von ihr. Eine Arbeit, die DADA unter dem Titel „Metamorphosen“ fasst. Das hoffnungsschöne Bild eines Versprechens auf mögliche Ent-Puppungen und Verwandlungen. „Zum Teil während des Krieges entstanden“, sagt Katharina Trost. Zwei bezaubernde, die Welt feiernde Spieler sind hier am Werk, die bleierne Realität aufzuheben.

Faszinierend auch die Fotoserie „Loscht Places in the Länd“ der Stuttgarter Künstlerin Sylvia Friedt. Ihre Fotos sind sachlich melancholische Protokolle von verlassenen, verlorenen, aufgegebenen Orten in der Region. Ein ehemaliges Offizierscasino in Bad Cannstatt. Aufgegebene Stallungen oder Produktionsstätten. Graffitis dann als Menetekel der Unbehausung. Die Magie der Leere. Die Frage nach dem, was Wohnen sein könnte. Arbeits- und Lebensspuren ohne Menschen. Von ganz eigener Poesie. Schönheit und Charme des Morbiden. Sylvia Friedt arbeitet im Schock-Areal in deren Atelier mit Beate Walter, die anhand alter Fotografien in ihre Familiengeschichte eintauchte, was wiederum eine ganz eigene Geschichte wert wäre.

Kontrastprogramm, was Fotografien von Orten betrifft, war, und ist noch bis 13. Oktober, im „Jakob Concept Store“ zu sehen. Sieben überwiegend junge Fotografinnen und Fotografen stellen hier überraschende, traumhafte oder skurrile Ecken aus Schorndorf und Umgebung vor, angebracht auf handlich-quadratischen, auch hübsch aufstellbaren Täfelchen. Entzückend schön!

Mehrmals hat sich der 2015 verstorbene Künstler, Lehrer und Gemeinderat Frieder Stöckle an Kunstnächten mit Installationen und Performances beteiligt. In der Stadtkirche wurde nun an ihn mit der Ausstellung einiger seiner Arbeiten und einer szenischen Unterhaltung über die verschiedenen Meinungen über seine Arbeit erinnert. Pfarrerin Dorothee Eisrich freute sich über diese „Hommage“ an einen Menschen, „dessen Vermächtnis uns weiter inspiriert“.

Eine sich neu erfunden habende Künstlerin

Und was? Das soll von Regine Richter sein? Die anregend schon auch existenziell düster sein konnte, fragt man sich beim Betreten der Laden-Galerie Feuer & Flamme. Nun aber: aufreizend freche Porträts in flotten Farbstrichen. Voller Witz. Die helle Freude. Man staunt. Da hat sich eine reife Künstlerin nochmals wie neu erfunden.

Gleich um die Ecke, in der Höllgasse, betreibt Wolf-Ulrich Siebert mit seiner Tochter das Atelier 3S. Am Eingang intoniert ein Klavierspieler das Regentropfen-Prélude von Frédéric Chopin, so, als wolle er den Wettergott besänftigen. Im Atelier herrscht eine gelöste Stimmung. Zwischen den Holzskulpturen aus der Hand des gelernten Architekten Siebert weiß man sich bei Pinot Grigio und Snacks auch über die draußen herrschende Kälte hinwegzuhelfen.

Auf der anderen Seite des Marktplatzes, in der Hetzelgasse, betreiben Heidi Maria Müller und Klaus Laue das Atelier FreiStil. Auf kleinstem Raum zeigen die beiden elegante Kleinplastiken, umrahmt von zarten Aquarellen. Wenige Schritte weiter haben die Frankes ein Lädle, in dem sie Rahmen und Bilder verkaufen. Vielfältig das Angebot, das durchs mittelalterliche Gebäude eine besondere Note bekommt.

Weiter geht es mit dem Shuttle-Bus zum „Röhm“, einem der Hotspots der Kunstnacht. Am Eingang wird man von den Klängen eines famosen Jazztrios in Empfang genommen. Kein Wunder, hat doch dort Klavierbaumeister Markus Niewienda seine Werkstatt. Dutzende von Klavieren, alte und neue, mit und ohne Tasten stehen dort. Und als besonderen Gag hat Künstlerin Petra Doppelbauer eines davon mit musikalischen Motiven bemalt.

Infernalische Waschmaschinen und Walgesänge im Röhm

In den Gängen und Räumen des „Röhm“ herrscht reges Treiben. Verbreitet die Lyrikgruppe „Wortrose“ eine poetische Atmosphäre, verdichtet Martin Stiefel „Vier zappelnde Waschmaschinen“ zu einem infernalischen Hör- und Seherlebnis. Die Non-Profit-Organisation „Ocean Sounds“ lässt uns an Gesängen der Wale teilhaben. Bildhauer Christoph Traub gibt in seinem Atelier Einblick in seine Arbeiten aus den letzten 30 Jahren.

Das Kolping Berufskolleg für Grafik-Design aus Schwäbisch Gmünd taucht seine Arbeiten in UV-Licht und verleiht ihnen dadurch einen mystischen Anstrich. Mit Installationen, Bildern, Fotos, Skulpturen, Lesungen und Musik entfaltet sich vor dem Besucher eine reiche Vielfalt an optischen und akustischen Eindrücken. Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Räume flaniert, entdeckt zwar nicht alles, aber am Rand des Weges hin und wieder unscheinbare Kleinigkeiten, wie zum Beispiel eine kleine Goethe-Büste, verpackt in einer geöffneten Konservendose.

Verpackt, besser verhüllt, in Christo-Manier, aber mit eigenwilliger Taille, wurde in der Kunstnacht auch Hüseyin Altins Skulptur „Fort-Schnitt-Schritt“ am Oberen Marktplatz; und wird dort noch eine Woche, nachts beleuchtet, zu sehen sein. Der Zauber der Kunst? Verhüllen und entbergen.

Trotz empfindlichem Temperatursturz und Regenschauern erwies sich nach zweijähriger Pause die Kunstnacht einmal mehr als Publikumsmagnet für Kunstfreunde aus der ganzen Region. Zwischen den beiden Polen Schock-Areal und Röhm waren rund um die Q-Galerie im Zentrum wieder zahlreiche Ateliers geöffnet. Die Künstlerinnen und Künstler überraschten mit neuen Werken und erwiesen sich als fantasievolle Gastgeber in einladender Werkstattatmosphäre.

Nach der Vernissage der neuen Ausstellung

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