Schorndorf

Besonderheit in der Schorndorfer Stadtkirche: Vernissage zur Ausstellung „Gemeinschaft. Jetzt!“

Vernisage
Großes Interesse am Projekt Kirche und Kunst bei der Vernissage. Musikalisch mit drängendem Aufbruchsfeuer begleitet von Frank Kroll (Sax) und Patrick Bebelaar (Piano). © Gabriel Habermann

Was sind das für eigenartige Töne? Dschungelgezwitscher von Vögeln und ein ziehender Gesang wehen über den Kirchplatz. Sie kommen von einer Klanginstallation, die Francisco Klinger Carvalho an seinem Werk „Amazonia: Symphonie einer Erinnerung“ angebracht hat. Zu sehen sind verkohlte Baumstämme, herausragend aus einigen ebenfalls versengten Tischen, Stühlen und Schränkchen.

Der im brasilianischen Amazonien aufgewachsene Künstler verknüpft hier zwei scheinbar weit entfernte Ereignisse. Die profitorientierte Brandrodung in seinem armen Heimatland und die Häuser verschlingenden Waldbrände etwa im reichen Kalifornien. Ursache und Wirkung: menschengemacht. Ein dringend neues Bündnis des Menschen mit der Natur, es entgleist in eine globale Klimakatastrophe. Und jetzt meinen wir, es deutlicher zu hören: Die Vögel im Regenwald singen nicht, nein, sie klagen.

Ums Eck, vor der Nordseite der Stadtkirche, stehen die Arbeiten des Kongolesen Lambert Mousseka. Drei muschelförmige Keramiken, die als durchaus erotische Gebärmulden je ein Bäumchen zum Sprießen bringen. Ist es Zufall, dass ausgerechnet die beiden nichteuropäischen Künstler mit ihren Arbeiten hier Natur und Schöpfung thematisieren? Sind die näher dran?

Nähe und Ferne, Distanz und Empathie, vielleicht machen sie den Glutkern dieses kirchlichen - christlich-evangelischen - Kunst- und Kulturprojekts aus, das unter dem Titel „Gemeinschaft. Jetzt!“ einen politisch-spirituellen Neu-Orientierungsversuch mit und nach Corona ausprobiert.

Dieses „Jetzt!“ mag nach kindlichem Trotz klingen, etwas sofort haben zu wollen. Kinder müssen lernen, mit Aufschub umzugehen. Wir gegenwärtigen Erwachsenen aber damit, dass wir gar nicht mehr so viel Zeit haben. Unsere Frist läuft.

„Wie finden wir jetzt wieder zusammen?“, fragte denn auch Projekt-Initiatorin Pfarrerin Dorothee Eisrich bei der Vernissage, „wie geht es weiter?“ Und Lambert Mousseka antwortete: „Es wäre Verschwendung, wenn wir aus der Krise rauskommen und nichts gelernt hätten.“ Tatsächlich scheinen wir aber alle mehr oder weniger in den Seilen zu hängen. Grad so wie die baumelnden Figuren in den schattenrissartigen PVC-Folien von Nina Joanna Bergold, die über der Gottlieb-Daimler-Straße völlig den Boden verloren haben.

Begleitprogramm für Ausstellung

„Oh my God!“, möchte man da rufen. Und das tut denn auch Oliver Braig mit seiner Metallskulptur in einer Nische an der Nordostseite der Kirche. Aus den übereinandergetürmten Buchstaben OMG formt er ein durchaus elegantes Gerippe, sozusagen eine Gespenst gewordene Sprachfloskel, der aber schmerzlich das Fleisch abhandengekommen ist. Das große Versprechen des Christentums war und bleibt die Verkörperung. Wo ist sie hin? Aber welche Botschaften erreichen uns heute noch, und wie? Diese Frage stellt Helga Kellerer mit ihren hoch über der Schäfer’schen Drogerie angebrachten Stahlbriefkästen, aus denen allerlei Überwachungsaugen zu wachsen scheinen. Beide, Intimität wie Gemeinschaft, sind Gestaltungsräume, um die wir zu kämpfen haben. Zur Ausstellung wird ein ambitioniertes Begleitprogramm angeboten. Ein Infoheft liegt aus. Oder unter www.stadtkirche.org.

Was sind das für eigenartige Töne? Dschungelgezwitscher von Vögeln und ein ziehender Gesang wehen über den Kirchplatz. Sie kommen von einer Klanginstallation, die Francisco Klinger Carvalho an seinem Werk „Amazonia: Symphonie einer Erinnerung“ angebracht hat. Zu sehen sind verkohlte Baumstämme, herausragend aus einigen ebenfalls versengten Tischen, Stühlen und Schränkchen.

Der im brasilianischen Amazonien aufgewachsene Künstler verknüpft hier zwei scheinbar weit entfernte Ereignisse.

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