Schorndorf

Bewegungskindergarten kommt später und wird teurer

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Immer später, immer teurer: Beim Bewegungskindergarten sind sowohl die Kosten als auch die Termine aus dem Ruder gelaufen. © Joachim Mogck

Schorndorf. Die Trägerschaft ist längst geklärt, das Personal steht bereit, das sportpädagogische Konzept ist ausgearbeitet, die ersten Kinder sind verbindlich angemeldet – aber die Fertigstellung und Inbetriebnahme des sechsgruppigen Bewegungskindergartens samt Kleinsporthalle und Gymnastikraum im Sportpark Rems lässt weiter auf sich warten. Jetzt steht als neuer Einzugstermin der Januar 2020 im Raum – und die finanzielle „Worst Case“-Obergrenze hat Finanzbürgermeister Thorsten Englert bei 8,7 Millionen Euro eingezogen. Entsprechend groß die Erklärungsnöte im Technischen Ausschuss.

Und entsprechend zerknirscht der Auftritt von Bürgermeister Thorsten Englert, der sich zur Unterstützung nicht nur den Leiter des städtischen Fachbereichs Gebäudemanagement, Steffen Schultheiß, sondern auch zwei Vertreter des mit der Maßnahme betrauten Architekturbüros h4a (Gessert+Randecker), darunter Projektleiter Matthias Knauss, an seine Seite geholt hatte.

Ungenügende Arbeitsmoral und Lieferengpässe

Sie alle machten gemeinsam deutlich, dass es vielfältige Ursachen, die sich zu einer Art Kettenreaktion zusammenfügten, gebe, die dafür verantwortlich seien, dass es auf der Baustelle nicht vorangehe und der Baufortschritt immer wieder gestört werde. Als maßgebliche Ursachen genannt wurden die Bauhochkonjunktur, die es Firmen leicht mache, sich über Vereinbarungen und Fristen hinwegzusetzen, eine ungenügende Arbeitsmoral und Lieferengpässe bei Materialien – und zu alledem ist unlängst noch ein größerer Wasserschaden gekommen, verursacht von Handwerkern, die ohne Voranmeldung an einem Samstag auf der Baustelle aufgetaucht waren und undichte Dachabläufe hinterlassen haben.

Was zur Folge hatte, dass Wasser ins Gebäude eingedrungen ist und nicht nur Wände durchfeuchtet, sondern auch so massiv auf den Estrich eingewirkt hat, dass auch die Firma, die darunter Leitungen verlegt hat, nicht mehr bereit ist, die vertraglich geforderte Gewährleistung zu geben. Was bedeutet, dass der bereits verlegte Boden wieder aufgerissen werden muss und dass gegebenenfalls auch die Leitungen wieder neu verlegt werden müssen.

Bauleiter betreuen teilweise bis zu 25 Baustellen gleichzeitig

„Es müsste eine schwarze Liste von Firmen geben, die so unzuverlässig arbeiten, aber wir sind ja an die Vergabeordnung gebunden, der zufolge wir den günstigsten Bieter nehmen müssen“, stellte Thorsten Englert mit Blick auf den Kritikpunkt „Ungenügende Arbeitsmoral“ und wurde von Matthias Knauss bestätigt, der unter anderem mit dem Problem zu kämpfen hat, dass die Bauleiter der einzelnen Firmen teilweise bis zu 25 Baustellen betreuen und entsprechend schlecht vorbereitet sind, wenn sie denn mal überhaupt auf einer Baustelle auftauchen. Von CDU-Stadtrat Manfred Bantel nach der eigenen Verantwortung für den Wasserschaden befragt, sagten die beiden h4a-Vertreter, natürlich seien sie bereit, auch am Samstag zu arbeiten. Aber dafür hätten sie wissen müssen, dass an besagtem Samstag auf der Baustelle gearbeitet werden soll.

Deutlich wurde auch, dass es unter den derzeitigen Bedingungen kaum eine Handhabe gegen säumige Firmen gibt - zumal dann nicht, wenn die Firmen durch nicht von ihnen selber verursachte Verzögerungen – in diesem Fall etwa durch zuvor gutachterlich nicht erkannte Probleme mit dem Untergrund (Stichwort: ehemaliges Altlache-Freibad) – aus den ursprünglichen Vertragsterminen raus sind. „Die Firmen lachen einem wirklich ins Gesicht nach dem Motto: Du findest eh niemand anderen“, sagten die h4a-Vertreter im Ausschuss. Und Steffen Schultheiß gab zu bedenken, dass es ohnehin nichts bringen würde außer Verzögerungen und weiteren Kosten, eine Firma rauszuwerfen.

„Da helfen nur Zuckerbrot und Peitsche“, oder, um es in der h4a-Version zu sagen: „Drohen, reden, viel telefonieren.“ Die Konsequenzen daraus hat die Stadt insofern gezogen, als sie für die nachfolgenden Kindergartenplanungen in der Haldenstraße in Haubersbronn und im Stöhrerweg auf ein sogenanntes GÜ-Verfahren (GÜ steht für Generalübernehmer) mit Festpreisgarantie und verbindlichen Terminen umgestiegen ist – mit der Folge, dass der bereits im Bau befindliche Kindergarten in Haubersbronn für 4,35 Millionen Euro zu haben und binnen eines Jahres bezugsfertig ist. Zum Vergleich: Der Spatenstich für den Bewegungskindergarten war Anfang November 2017.

Nickel würde wetten, dass es mit einem Start im Januar nichts wird

„Wir bekommen wirklich ein tolles Kinderhaus, an dem wir in Zukunft noch alle froh sein werden“, versuchte Bürgermeister Englert der unerfreulichen Geschichte, die nicht nur SPD-Stadtrat Marcel Kühnert „sprachlos“ machte, noch etwas Gutes abzugewinnen – ohne freilich fest zusagen zu wollen, dass der Kindergarten Anfang des Jahres 2020 tatsächlich in Betrieb geht.

FDP/FW-Fraktionschef Gerhard Nickel wäre sogar bereit, um eine gute Flasche Rotwein zu wetten, dass es Ostern wird, bis der Bewegungskindergarten ins Laufen kommt. Für die Zukunft forderte er für solche Projekte Vereinbarungen, die sicherstellen, dass Handwerker, „die nicht spuren, bluten“ müssen. Wobei die Probleme aus Sicht von CDU-Stadtrat Klaus Dobler bei diesem Projekt schon damit begonnen haben, dass es schon im Anfangsstadium zu einem Wunschkonzert ausgeartet ist.


Eine dritte Gruppe im „Sonnenbogen“

Eigentlich war geplant, dass nach der zuvor ohnehin schon wiederholt verschobenen Inbetriebnahme des Bewegungskindergartens zunächst einmal die Kinder aus den zwei Gruppen des Kinderhauses „Sonnenbogen“ im Wieslaufweg in die neue Einrichtung umziehen und die anderen vier Gruppen dann nach und nach aufgefüllt werden.

Weil jetzt aber zunächst einmal die Kinder versorgt werden müssen, die über Little Bird angemeldet worden sind und deren Eltern zum 1. September eine Zusage erhalten haben, muss jetzt ganz im Gegensatz zu den seitherigen Planungen erst einmal eine provisorische dritte Gruppe im Kinderhaus „Sonnenbogen“ eingerichtet werden, die von der Awo als Träger des neuen Bewegungskindergartens betreut werden soll.


"Ein gehöriger Imageschaden für die Stadt"

Ein Kommentar von ZVW-Redakteur Hans Pöschko

Egal ob in Berlin (Flughafen), in Stuttgart (S 21) oder in Schorndorf (Bewegungskindergarten): Prestigeobjekte sind anscheinend besonders anfällig dafür, dass sie kostenmäßig und zeitlich aus dem Ruder laufen. Und auch wenn die Projekte von ihrer Dimension her nicht vergleichbar sind, so sind 28 Prozent Kostensteigerung beim vermeintlichen Schorndorfer Vorzeige-Kindergartenprojekt – wenn man nur die ohnehin schon über den ursprünglichen Kostenrahmen von sechs Millionen hinausgehende Ausgangsmarke von 6,8 Millionen zugrunde legt – ein gewaltiger Ausreißer und – egal, wer und was nun im Einzelnen schuld ist – auch ein gehöriger Imageschaden für die Stadt.

Und keine gute Argumentationsbasis, wenn es wieder einmal darum geht, kleinere Sanierungswünsche gerade auch von Schulen und Kindergärten auf die lange Bank zu schieben. Und was den Eröffnungstermin angeht, so ist - bei ganz pessimistischer Betrachtung – mittlerweile nicht einmal mehr auszuschließen, dass der ebenfalls sechsgruppige und erst im Mai dieses Jahres begonnene Kindergarten Haldenstraße in Haubersbronn noch vor dem Bewegungskindergarten in Betrieb geht. Und den in der Haldenstaße gibt’s zum Festpreis von 4,35 Millionen Euro. Was immerhin zeigt, dass die Stadtverwaltung aus dem Desaster mit dem Bewegungskindergarten etwas gelernt hat.

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