Schorndorf

Bierflasche auf den Kopf: Haftstrafe für 23-Jährigen

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Weil er, so die Einschätzung von Richterin Freier, anders offensichtlich nicht gewillt ist, sich in die hiesige Rechtsordnung einzufügen, ist ein in Tripolis geborener, in einem Welzheimer Wohnheim lebender und mehrfach vorbestrafter 23-Jähriger wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Ein drittes Mal Bewährung gestand die Richterin dem Angeklagten nicht zu.

Im Raum stand zusätzlich eine Verurteilung wegen räuberischen Diebstahls, die Pflichtverteidiger Max Klinger aber letztendlich abwenden konnte – mit dem Hinweis darauf, dass es erhebliche Zweifel an dem vom Staatsanwalt erhobenen Vorwurf gab, der Angeklagte habe einem algerischen Mitbewohner vor einem Welzheimer Café deshalb eine Bierflasche über den Kopf gezogen, weil es zuvor wegen eines gestohlenen Handys zum Streit zwischen den beiden gekommen war. Die Staatsanwaltschaft war davon ausgegangen, dass der Angeklagte seinem Bekannten das Handy im Café entwendet hatte und dass es deshalb gegen 1.45 Uhr an einem Juli-Morgen dieses Jahres zur tätlichen Auseinandersetzung kam. Wobei auch ein Messer im Spiel gewesen sein soll, das sich zum Tatzeitpunkt in der Hand des Geschädigten befunden haben soll. Was, obwohl der Angeklagte selber keine Angaben machte, vor Gericht klarwurde: Es war einiges an Alkohol im Spiel, und möglicherweise hatten die beiden auch Drogen konsumiert. Eine Zeugin jedenfalls, die sich in jener Nacht ebenfalls im Café aufhielt, konnte sich an auffallend große Pupillen beim Angeklagten und seinem Begleiter erinnern. Zuvor sollen sich die beiden längere Zeit auf der Toilette aufgehalten haben.

Problematisches Rechtsverständnis

Alles wäre einfacher gewesen, wenn das Erinnerungsvermögen des als Zeuge geladenen 24-jährigen Algeriers, der im Übrigen gemeinsam mit dem Angeklagten von der Polizei zum Gerichtstermin gebracht werden musste, auch nur annähernd so gut gewesen wäre wie das der Zeugin. Wobei es wohl, genau genommen, weniger am Erinnerungsvermögen mangelte als vielmehr an der Bereitschaft, die Wahrheit zu sagen und damit den Angeklagten zu belasten. Was, wie Max Klinger später feststellte, gar nicht so schlimm gewesen wäre, weil der Angeklagte den Tatvorwurf mit Ausnahme des räuberischen Diebstahls ja schon gegenüber der Polizei eingeräumt hatte. Ungeachtet dessen beharrte der Zeuge darauf, dass sein Kompagnon ihm erstens das noch in derselben Nacht von einem Passanten beim Rathaus aufgefundene Handy nicht entwendet habe – „Ich habe nur gedacht, er hat es gestohlen, weil er neben mir saß und es nicht mehr da war“ –, und dass er sich zweitens nicht erinnern könne, dass ihn jemand mit einer Bierflasche am Kopf verletzt habe. „Wir sind Brüder, wir haben nichts gegeneinander“, beteuerte der 24-Jährige und ging schließlich ungeachtet der eindringlichen Ermahnungen der Richterin, endlich die Wahrheit zu sagen und mit seinen Märchen aufzuhören, so weit, zu behaupten, er sei, als die Polizei aufgetaucht sei, weggerannt und mit dem Kopf versehentlich gegen einen Baum geprallt.

Von morgens an Alkohol getrunken

Von einem Schlag auf den Kopf mit einer Bierflasche jedenfalls wisse er nichts, und auch daran, dass er im Krankenhaus gewesen sei, könne er sich nur vage erinnern, sagte der 24-Jährige, der auch gegenüber der Polizei nur zu einer mündlichen Aussage und schon gar nicht zu einer Anzeige bereit gewesen war. Im Übrigen betonte der Zeuge, dass er, wie an vielen Tagen, von morgens an Alkohol getrunken und außerdem auch noch Medikamente geschluckt habe. Petra Freier hielt ihm entgegen, dass kurz nach der Tat bei ihm nur 1,5 Promille festgestellt worden seien, was bei einem, der den Alkohol so gewohnt sei wie der 24-Jährige, nicht den Verlust des Erinnerungsvermögens zur Folge habe. Ansonsten beließ es die Richterin dabei, dem ebenfalls unter Bewährung stehenden Zeugen ein ausgesprochen problematisches Rechtsverständnis zu attestieren, „das mit dem unseren nicht vereinbar ist“.

Hoher Emotionalisierungsgrad

Im Gegensatz zum Pflichtverteidiger des Angeklagten, der von einem typischen „Suffstreit“ mit einem hohen, nicht zuletzt dem Alkohol geschuldeten Emotionalisierungsgrad sprach und der deshalb auf eine möglichst zur Bewährung ausgesetzte Strafe „im unteren Bereich“ plädierte, sah der Staatsanwalt in seinem Plädoyer außer der gefährlichen Körperverletzung auch den räuberischen Diebstahl als erwiesen an. Und obwohl es sich insgesamt um einen minderschweren Fall handle, halte er es zur Verteidigung der Rechtsordnung für geboten, dem seit 2014 mehrfach vorbestraften und unter zweifacher Bewährung stehenden Angeklagten nicht noch einmal eine Bewährungschance einzuräumen, sagte der Staatsanwalt und forderte eine Freiheitsstraße von einem Jahr und sechs Monaten beziehungsweise einem Jahr – je nachdem, ob die beiden Tatvorwürfe als tateinheitlich angesehen würden oder nicht.

Nicht gewillt, sich in die Rechtsordnung einzufügen

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Petra Freier folgte, was den räuberischen Diebstahl anging, der Argumentation von Max Klinger. Der Nachweis, dass der Angeklagte seinem „Bruder“ das Handy gestohlen habe, habe nicht zweifelsfrei geführt werden können, sagte Petra Freier, die dem Angeklagten einerseits strafmildernd zugutehielt, dass auch er wohl stark alkoholisiert gewesen sei, ihm andererseits aber unterstellte, er habe sehr wohl gewusst, was er tat. Dass das Gericht die von ihm verhängte einjährige Freiheitsstrafe nicht mehr zur Bewährung aussetzen wollte, begründete Petra Freier damit, dass es gerade einmal drei Monate her war, dass der Angeklagte in Waiblingen wegen einer identischen Straftat verurteilt worden war. Solange Strafen zur Bewährung ausgesetzt würden, sei der Angeklagte offensichtlich nicht gewillt, sich in die Rechtsordnung einzufügen, meinte die Richterin.

Pflichtverteidiger

So ist der zum Pflichtverteidiger bestellte Max Klinger wahrscheinlich auch noch nie von einem Mandanten begrüßt worden: „Sie sind doch gar nicht mein Anwalt“, sagte in französischer Sprache der erstaunte Angeklagte zum des Französischen mächtigen und ebenfalls erstaunten Klinger.

Offenbar, so die Vermutung von Richterin Petra Freier, hatte der 23-Jährige im Vorfeld der Verhandlung Kontakt zu einem Anwalt, dessen Namen aber niemand etwas gesagt hat. Und auch in den Akten fand sich keinerlei Hinweis, dass der Angeklagte von sich aus einen Rechtsanwalt konsultiert oder mit seinem Mandat betraut hätte. Also blieb’s bei der Pflichtverteidigung, auch wenn der Angeklagte behauptete, er habe die Ladung zum Gerichtstermin nicht bekommen.