Schorndorf

"Bitte jetzt nicht Grün-Schwarz!"

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Hier sitzt die Basis – was sie wohl von Grün-Schwarz hält? Politischer Aschermittwoch im Plüderhäuser „Adler“. © Ramona Adolf
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Ulrich Scheurer, CDU. © Privat

Plüderhausen. Wenn einer die Basis der baden-württembergischen CDU verkörpert, dann Ulrich Scheurer aus Plüderhausen. Grün-Schwarz? Um Himmels Willen! Dann lieber nochmal fünf Jahre Opposition, sagt der 47-Jährige.

Seit Jahrzehnten kämpft er für die CDU, ungezählte Plakate hat er geklebt, an ungezählten Infoständen hat er den Leuten den Puls gefühlt und ins Herz gelauscht, geworben hat er und sich anbruddeln lassen, den politischen Aschermittwoch im Plüderhäuser „Adler“ hat er zur hinreißendsten Unions-Graswurzelparty weit und breit gemacht, hier dampft die Ursuppe der Politik unter der tiefen Decke in der dicken Luft, während draußen das Rote Kreuz wartet, falls einer vom Stuhl kippt, und Scheurer immer mitten drin, so hat er es gemacht, Mal um Mal, und so hat er es diesmal wieder gehalten: Den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann hat er „als Fahrradminister bezeichnet“, den Kleister hat er verstrichen, damit das Plakat mit dem Slogan „Bildungschaos beenden“ gut klebt, und wenn es galt, um 5.30 Uhr im Morgengrauen am Bahnhof Ostereier zu verteilen, stand Scheurer schon um vier in der Küche; Kaffee kochen für die Helfer. Wahlkampf ist „Knochenarbeit“: Ulrich Scheurer hat sie wieder mal geleistet bis zur letzten Minute.

Und jetzt, ein paar Tage später: Kommando zurück, alles anders? Dann halt Grün-Schwarz, „ist doch auch nicht schlecht“? Diese Eil-Wende, die sich da anbahnt, als müsse man nicht mal mehr groß drüber nachdenken, ist ein „Faustschlag ins Gesicht für alle, die gekämpft haben“.

Aber Herr Scheurer, so menschlich verständlich das ist – aus Schwarz-Rot-Gelb wird wohl nichts, oder? Ja, er ahnt das. „Dann geht man notfalls in die Opposition, ganz einfach.“

Dieses Ergebnis ist doch eine „Apokalypse“, ein „Supergau“: 2006 hatte die baden-württembergische CDU noch fast 45 Prozent, 2011 reichte es trotz Mappus, EnBW-Deal, Fukushima und S 21 noch zu 39. Und diesmal: siebenundzwanzig! Im Vergleich dazu war das zweitschlechteste Ergebnis in der Geschichte der Landes-CDU ein Volltreffer – 36 Prozent; das war 1952. Danach hatte die CDU mal 56, mal auch bloß 40 Prozent – aber siebenundzwanzig? Da kann man doch nicht so tun, „als wär nichts gewesen“, da „fehlt die Selbstkritik in den Führungsebenen“. Scheurer wünscht sich „etwas mehr Demut und Respekt“: Dieses „Debakel“ müsse erst mal „aufgearbeitet und analysiert werden“.

Die CDU hat unter Angela Merkel „rechts von der Mitte alles aufgegeben“, reihenweise wertkonservative Positionen geräumt, „Stammwähler zurückgelassen“, die sich „nicht mehr aufgehoben fühlen“ und „ein Stück weit keine politische Heimat mehr haben“. So konnte „am rechten Rand eine neue Partei“ entstehen. Und jetzt auch noch eine Koalition der „kleinsten gemeinsamen Kompromisse“? Die Union würde dadurch noch weiter „verwässert“, würde „erdrückt“ vom „Übervater Kretschmann“: So „stärkt man noch mehr die AfD“, anstatt „Wähler zurückzuholen“.

Wenn die Basis desertiert, drohen dunkle Jahre

Die Landes-CDU war immer bärenstark wegen ihrer tiefen lokalen Verwurzelung in den Gemeinderäten und Ortsvereinen, ihrer phänomenal breiten Basis. Auf diesem Humus wuchs die Kampagnenfähigkeit der Partei, in jedem Wahlkampf zehrte sie „von der Motivation der Mitglieder. Wenn du die vergraulst ...“ – Scheurer lässt das Ende des Satzes in der Luft hängen. Was bringt es, zu regieren und zu „gestalten“ – womöglich nur ein Euphemismus für grüne Kröten schlucken –, „wenn mir die Basis wegbricht?“ Ohne diesen „Unterbau haben wir echt ein Problem“: im Bundestagswahlkampf 2017, bei den nächsten Kommunalwahlen. Als Juniorpartner, fürchtet Scheurer, „geht’s uns wie der SPD“.

In der Tat sind die Parallelen zum Niedergang der Sozialdemokraten frappierend. Auch bei denen kam erst die progammatische Identitätskrise, dann das prozentuale Desaster. Als sie noch voll im Erfolgssaft standen, gab Schröder den linken Flügel auf, zog gegen die Herzen des Fußvolks in die Mitte und mutete altgedienten Genossen mit der Agenda 2010 schier Unerträgliches zu. Bis heute hat sich die SPD davon nicht richtig erholt. Eine neue Partei ploppte auf, „Die Linke“ – und das entmutigte Fußvolk-Häuflein der Sozialdemokraten litt von Wahlkampf zu Wahlkampf mehr. Irgendwann glaubten sie selber nicht mehr an Siege, aber weiterkämpfen sollten sie; und wussten bisweilen kaum mehr, wofür. Als die SPD sich dann 2005 und 2013 auch noch in die babylonische Gefangenschaft der Großen Koalition begab, verkümmerte sie im Schatten von Merkel.

Ach, es gibt „so viel Diskussionsbedarf“, sagt Ulrich Scheurer. Momentan geht alles viel „zu schnell“. Ruckzuck mit den Grünen koalieren, Ministerposten abgreifen, „ran an den Fleischtopf“? Das ist „zu kurz gesprungen. Wir müssen erstmal den Schock verarbeiten.“

Damals: Die SPD...

2013 rang die SPD ganz ähnlich mit sich wie heute die CDU. Seinerzeit ging es um die Frage: Sollen die Genossen sich im Bund auf eine Große Koalition mit der Union einlassen? Alexander Bauer war – wie heute Ulrich Scheurer – dagegen: Sie hätten im Wahlkampf für einen Politikwechsel gestritten, da könne man jetzt nicht einfach umfallen. Für die GroKo warb Karl-Otto Völker: „Wer nicht kompromissfähig ist, kann politisch nicht gestalten.“ Wortgleich argumentieren heute Grün-Schwarz-Befürworter in der CDU.

Schwarz-Rot-Gelb? An diese Hoffnung krallten sich nach dem Wahlsonntag viele in der CDU. Aber eine Koalition der Kapitalverlierer mit Acht-Prozenter-Hilfe, das geht nicht: Diese Einschätzung setzt sich mittlerweile durch. 2013 klammerten sich manche in der SPD an das Traumschloss Rot-Rot-Grün – der Kreisvorsitzende Jürgen Hestler aber stellte klar: Mit einer Trauertruppe aus geschrumpften Linken, gerupften Grünen und geschlagenen Sozis die Regierung kapern, das hieße, die „Wähler zu verarschen“.