Schorndorf

Cybermobbing kann Leben zerstören

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Es ist sehr einfach, in sozialen Netzwerken Gemeinheiten über andere zu verbreiten. © Bernhardt / ZVW
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Mobil ins Internet – das ist der Trend. © ZVW
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So lange ist es noch gar nicht her, da hatte das Handy längst nicht diesen hohen Stellenwert. © ZVW

Schorndorf. Täter traktieren ihre Opfer vom heimischen PC aus oder setzen das Handy als Waffe ein. Sie verbreiten peinliche Fotos, schreiben fiese Kommentare, gründen Hassgruppen auf WhatsApp. „Eltern haben kaum noch einen Einblick, was online läuft“, warnt Sozialpädagogin Heidrun Heidenfelder.

Nie zuvor war es so einfach, jemanden gezielt fertigzumachen. Klick, klick – und schon kursieren fragwürdige Fotos und Fiesheiten im Netz. Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Landkreises und die Polizei informierten Eltern bei einem Infoabend in Schorndorf über Ursachen von Cybermobbing, Vorbeugung und Folgen.

„Solche Bilder holt man nie wieder zurück“

Wolfgang Wahl, Jugendsachbearbeiter am Polizeirevier Schorndorf, nannte Beispiele: Nach der Trennung von seiner Freundin kreierte ein Jugendlicher eine Homepage, veröffentlichte dort Nacktbilder seiner Ex samt deren Handynummer und schrieb: Ruf mich an.

Eine Lehrerin musste die Schule verlassen, nachdem ein Schüler ein Foto von ihr aus dem Internet kopiert und in Porno-Seiten montiert hatte. Der Bruder einer 12-Jährigen fand auf dem Handy seiner Schwester Nacktbilder von ihr und ihrem Kumpel – und verschickte sie an die Schulen beider Kinder. „Solche Bilder holt man nie wieder zurück“, sagt Polizeihauptmeisterin Ines Wiest.

„Diese steigenden Zahlen bereiten Sorge“

Warum tun Menschen anderen so etwas an? Sie wollen Macht demonstrieren, Anerkennung erheischen, aufgestauten Emotionen freien Lauf lassen – so erklärt Heidrun Heidenfelder das Phänomen. „Die letzten Jahre kommt sehr gehäuft Cybermobbing vor“, sagt die Sozialpädagogin, die an der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt in Schorndorf Betroffene berät: „Diese steigenden Zahlen bereiten Sorge.“ Die Hemmschwelle sinkt, zumal sich ein Täter bei Attacken via Internet nicht mit den Gefühlen des anderen konfrontiert sieht. „Beleidigt wird sehr gern und sehr schnell – auch bei Erwachsenen“, das ist Wolfgang Wahls Erfahrung.

Cybermobbing endet nicht bei Beleidigungen; damit fängt es erst an. Jeder kann im Internet gefälschte Fotos veröffentlichen, Gerüchte in großem Stil verbreiten, Profile unter falschem Namen anlegen, Ahnungslose als Absender kruder Botschaften generieren, mit „Happy Slapping“-Videos Aufsehen erregen. Solche Clips zeigen, wie jemand geschlagen und gedemütigt wird. Hinterher heißt es, „war doch nur Spaß“.

Nicht antworten und den Mobber auf allen Kanälen sperren

Opfer sollten es ihrem Peiniger auf keinen Fall mit gleicher Münze heimzahlen, stattdessen einfach nicht antworten und den Mobber auf allen Kanälen sperren. Landet die Sache bei der Polizei und stellt sich im Zuge der Ermittlungen heraus, der Gemobbte hat zurückgemobbt – dann müssen die Beamten Anzeige erstatten. Gegen das Opfer. Die Polizei unterliegt der Strafverfolgungspflicht, während Heidrun Heidenfelder in der Beratungsstelle in Ruhe mit Betroffenen besprechen kann, ob sie Eltern und Polizei überhaupt informieren wollen.

Der Familie eines Täters drohen gravierende Konsequenzen. Jugendliche unter 18 können selbst noch keine Handyverträge abschließen. Die Rückverfolgung einer Handynummer führt die Polizei dann zu den Eltern. Beamte könnten mit einem Durchsuchungsbeschluss anrücken – „und dann nehmen wir Ihre Wohnung auseinander“, warnt Wolfgang Wahl. Besteht der Verdacht, dass Mobbingattacken zum Beispiel von einem Laptop gestartet wurden, den die Eltern sonst dienstlich nutzen - dann nimmt die Polizei diesen Laptop mit. „Die Auswertung dauert locker ein Jahr“, so Wahl. Danach kann die Staatsanwaltschaft anordnen, dass ein Gerät ersatzlos vernichtet wird.

Screenshots anfertigen und Zeugen hinzuziehen

Polizei und Staatsanwalt sind auf tragfähige Beweise angewiesen, deshalb: Fiese Nachrichten, Posts und Bilder nicht löschen, sondern sichern, Screenshots anfertigen, alles dokumentieren mit Datum und Uhrzeit, am besten noch Zeugen hinzuziehen.

Kinder und Jugendliche sind „oft sehr allein gelassen“, diese Erfahrung macht Heidrun Heidenfelder. Vorwürfe helfen nicht weiter, im Gegenteil. Mit dem Nachwuchs im Gespräch bleiben, ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen und pflegen, das Selbstbewusstsein der jungen Leute stärken – das rät die Sozialpädagogin.

Ist das Handy weg, sind Jugendliche von den anderen abgeschnitten

Jugendlichen das Handy wegzunehmen, hält Heidrun Heidenfelder für keine gute Idee. Damit „schneidet man sie von ihren sozialen Kontakten ab“. Sinnvoller ist, mit den jungen Handynutzern über Gefahren im Internet zu sprechen, ihnen Medienkompetenz zu vermitteln.

Doch kennen sich Kinder meist weit besser aus mit den Funktionen eines Handys, mit Snapchat, Instagram und WhatsApp. Ein Vater gab bei der Informationsveranstaltung in Schorndorf offen zu: „Wir sind völlig überfordert.“


Mobbing-Tätern fehlt es an Selbstwertgefühl, hieß es lange Zeit. Das Gegenteil ist der Fall, sagen Experten heute. Sie warnen davor, den Fokus allein auf einzelne Täter zu richten. An systematischem Mobbing sind viele Akteure beteiligt.

Hilfskonzepte beschränken sich aus Sicht von Prof. Dr. med. Joachim Bauer, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, zu sehr auf Vorbeugung. Im Akutfall werde „aus Mangel an Interventionsmöglichkeiten wenig bis nichts unternommen“. Wie sinnvolles Eingreifen gelingen kann, erläutert die Schrift „Was tun bei (Cyber)-Mobbing?“, herausgegeben von „klicksafe“. Gewaltbereite Kinder und Jugendliche verstehen sehr gut, was in anderen vor sich geht, heißt es in der Schrift. Doch fehlt es ihnen an Mitgefühl.

Sich gewaltfrei wehren

Systemische Mobbing-Intervention nennen die Autoren der Schrift als Mittel der Wahl. Dazu gehört im besten Fall ein Sozialtraining, bei dem Jugendliche lernen, Grund- und Menschenrechte zu wahren, sich gewaltfrei zu wehren und schädliches Verhalten konstruktiv zu kritisieren und es abzubauen. Systemische Mobbing-Intervention erfordert das Einverständnis des Opfers, bezieht alle Mitglieder einer Klasse mit ein und beteiligt Lehrer sowie Schulleitung. Es gibt keine Schuldzuweisungen an Einzelne. Das Prozedere umfasst sieben Schritte. Es geht um Folgen der Tat, um Verhaltensweisen des Opfers, an denen sich die anderen reiben, um Wiedergutmachung und schlussendlich um die auf Mitgefühl aufbauende Motivation, künftig Gemeinheiten und Gewalt sein zu lassen. Wer sich nicht dran hält, muss mit Sanktionen rechnen.

Das alles braucht Zeit; allein die Nachsorgephase erstreckt sich über mindestens sechs Monate.

Fehler der Eltern

Sowohl auf Seiten der Täter wie auch der Opfer dürfte ein ganzes Bündel an Ursachen zu solchen Vorfällen führen. Das Leiden währt lange, weil das Internet nichts vergisst. Experten nehmen außer Jugendlichen und Lehrern auch Eltern in die Pflicht: „Kinder und Jugendliche mit einem besonders hohen Geltungsbedürfnis machen häufig sehr früh die Erfahrung, dass sie dieses Bedürfnis befriedigen können, indem sie Gewalt ausüben, andere erniedrigen und durch Manipulation der Gruppe gezielt zum Opfer machen. Nicht selten spielen Eltern dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn sie ein überhöhtes Geltungsbedürfnis ihrer Kinder fördern, um ihr eigenes Bedürfnis nach Dominanz und einem hohen sozialen Status zu befriedigen“, heißt es in der Schrift.

Keine Straftat, dennoch strafbar

  • Mobbing an sich gilt nicht als Straftatbestand, Bestandteile des Mobbing durchaus. Denkbar sind Strafen wegen Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Bedrohung oder Erpressung.
  • Als eine der besten Infoseiten zu Fragen rund ums Internet gilt www. klicksafe.de. Zum Thema Cybermobbing finden sich dort ausführliche Infos. Zudem stellen die Betreiber der Seite detaillierte Anleitungen zur Verfügung, wie sich die Privatsphäre beispielsweise auf Facebook oder anderen Portalen schützen lässt.
  • Bei Mobbing-Opfern sind ähnliche neurobiologische Prozesse feststellbar wie bei Menschen, die Todesangst erleiden, schreibt der Neurobiologe Prof. Dr. med. Joachim Bauer.
  • Niemand ist davor gefeit, Mobbing-Opfer zu werden; auch beliebte Schüler sind betroffen. „Mitunter genügt es, dass ein späteres Opfer ‘anders’ als die anderen ist“, heißt es auf den Internetseiten der polizeilichen Kriminalprävention. Selbst äußere Merkmale wie die Kleidung können Anlässe für Mobbing bieten.