Schorndorf

"Dünne Haut": Ausstellungsbesuch noch kurz vor dem Lockdown

Marlies Spiekermann
Marlies Spiekermann mit ihrem Bild „In die Wolken geschrieben“ in der Laden-Galerie „Feuer & Flamme“. © Gabriel Habermann

Eine gereizte Dünnhäutigkeit geht um. Die Nerven scheinen bei vielen in diesen unfrohen Zeiten blankzuliegen. Eigentlich müsste man sich da ein dickes Fell zulegen, an dem die Zumutungen der Gegenwart einfach abperlen.

Aber nein, interveniert da Marlies Spiekermann mit ihrer Ausstellung „Dünne Haut – Resonanz-Prozesse“ in der Laden-Galerie „Feuer & Flamme“. Gezeigt werden dort in diesem Sommer entstandene Zeichnungen und Gemälde, zu denen die Künstlerin von der Musik und den Texten des verstorbenen Liedermachers Horst Bracks angeregt wurde. „Dünne Haut“ heißt denn auch einer der Songs auf der gleichnamigen CD des Musikers, die auch Spiekermanns Ausstellung den Titel gab.

Übersetzung von Klang und Text

„Hier wird“, schrieb Annegret Weimer anlässlich der Ausstellungseröffnung, „dünne Haut nicht als überempfindlich, schützenswert oder gar defekt erlebt, sondern als erweitertes Organ mit besonderen Fähigkeiten“. Die vibrierende Haut erscheint hier als unerlässliches Resonanz-Organ der Berührung, eine Bewegung, die Marlies Spiekermann auf Leinwand und Papier bringt, die „Häute“ ihrer Gemälde sind Übersetzungen von Klang und Text ins Bild, in Zeichnung, Fläche und Farbe.

Schon zuvor hatte sich Marlies Spiekermann immer wieder von Musik, etwa Fanny Mendelssohn-Hensels oder Arvo Pärt, zu künstlerischen Dialogen inspirieren lassen. Dabei, erklärt die Schorndorfer Künstlerin, näherte sie sich der Musik von Horst Bracks, „indem ich immer wieder mit geschlossenen Augen zeichne. Schicht für Schicht enthüllte sich mir dadurch aus dem Verborgenen der geistige Raum hinter der Musik eines Menschen, der sehr Wesentliches erlebt haben muss und der Lebensthemen empathisch in Sinnzusammenhänge stellen konnte“.

Notation eines Saxofon-Solos?

So entstanden ist eine Serie faszinierender Bilder, etwa das zart-luftige „In die Wolken geschrieben“, das von schriftartigen seismografischen Ausschlägen gezeichnet ist. Eine unleserliche Schrift? Vielleicht aber auch die moderne Notation eines kräftig nervösen Jazz-Saxofon-Solos? Assoziationen des Betrachters sind der Künstlerin durchaus willkommen. Sie selber sagt, „es geht um den inneren Klang. Das ist ein Verdichtungsprozess, bis ich das Gefühl habe, jetzt habe ich den einen Ausdruck wieder gefunden“.

Sehr einfühlsam hat Annegret Weimer Spiekermanns solchermaßen entstandene Arbeiten in ihrer Rede so beschrieben: „Man sieht Kreise, Linien, Spiralen, Punktwolken, Kreuze und andere geometrische Grund-Elemente und an Urformen erinnernde Figuren wie Strahlen, Durchgänge, Nester. In dieser Bewegung aus der eigenen Mitte heraus mischen sich Wahrnehmung und Erinnerung, berührt die eigene dünne Haut, klingt der eigene Grundton und wird die Begegnung möglich, die als ,durchstimmende Angesprochenheit’ (Hartmut Rosa) Resonanz ausmacht.“

Also die Gelegenheit ergreifen und die Ausstellung, die schon ab Mittwoch wieder geschlossen sein wird, noch am Dienstagnachmittag anschauen. Geöffnet ist die Laden-Galerie von 14 bis 18 Uhr. „Seien Sie eingeladen“, wirbt Annegret Weimer, „sich Zeit zu nehmen, die Bilder auf sich wirken zu lassen und den letzten Schritt im Resonanz-Prozess selbst zu vollziehen.“

Info

Die Rede von Annegret Weimer und ein Grußwort von Marlies Spiekermann sind auf der Facebook-Seite der Laden-Galerie „Feuer & Flamme“ zu finden.

Eine gereizte Dünnhäutigkeit geht um. Die Nerven scheinen bei vielen in diesen unfrohen Zeiten blankzuliegen. Eigentlich müsste man sich da ein dickes Fell zulegen, an dem die Zumutungen der Gegenwart einfach abperlen.

Aber nein, interveniert da Marlies Spiekermann mit ihrer Ausstellung „Dünne Haut – Resonanz-Prozesse“ in der Laden-Galerie „Feuer & Flamme“. Gezeigt werden dort in diesem Sommer entstandene Zeichnungen und Gemälde, zu denen die Künstlerin von der Musik und den

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