Schorndorf

Dampfmaschine dampft ab

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Ein Kran hebt das Schwungrad hoch, der Transmissionsriemen wird entfernt. © Stadtmuseum
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Metallrestaurator Wolf Meyer zu Bargholz arbeitet gemeinsam mit Adelheid Dörling an Teilen der alten Dampfmaschine. © Büttner / ZVW
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High Tech oder Low Tech? © Büttner / ZVW
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Der deformierte Bleihammer © Büttner / ZVW

Schorndorf. Der Satz „Die Dampfmaschine wird abgebaut und eingelagert“ kann nicht im entferntesten Sinne das wiedergeben, was Wolf Meyer zu Bargholz, Restaurator für Technische Kulturgüter, und die Mitarbeiter des Stadtmuseums und weitere Experten in einer Woche erreicht haben. Rund 22 Tonnen werden zerlegt, sortiert, nach Einzelkomponenten angeordnet, entrostet und konserviert und dann in Holzkisten eingelagert. Eine Wahnsinnsarbeit.

Video: In Schorndorf wird die Breuninger Dampfmaschine (1920 bis 1997) aus den Galerien für Kunst und Technik abgebaut und eingelagert

Am Montag haben sie angefangen. Zuvor hatte sich der agile Restaurator, Feinwerkmechanikermeister, die Maschine angeguckt und sich überlegt, wie man sie so auseinanderbauen könnte, dass sie Dritte auch später wieder ohne Probleme montieren können. „In der Regel bin ich schon fertig, wenn ich komme“, sagt er über den ersten Besuch. Danach entwickelt er einen Plan. Denn das Baujahr ist 1924 und im Laufe der Jahre, wo die liegende Einzylindermaschine mit 350 PS in der Lederfabrik Breuninger ihre Dienste tat, wurde sie laufend optimiert. Seit zwölf Jahren wurde sie in den Galerien für Kunst und Technik ausgestellt. Nun muss sie „leider“, wie die Mitarbeiter des Stadtmuseums sagen, im Zuge des Umbaus der Technikgalerie zur „Forscherfabrik Schorndorf“, Science Center für Kinder, abgebaut werden. Wenn es Interessenten gibt, könnte sie als Leihgabe woanders ausgestellt werden. Vorerst wird sie in einem städtischen Gebäude eingelagert.

Nirgendwo steht, wie man das Ding auseinanderbaut

Metallrestaurator Wolf Meyer zu Bargholz begleitet und leitet die Mitarbeiter an. Mit einem Kran und Gabelstaplern wurde die Dampfmaschine von Experten in Zylinder, Generator, Schwungrad und weitere Komponenten aufgeteilt. Das alles wird dokumentiert. Die Schwierigkeit: Sogar einzelne Schrauben und Muttern wiegen mehrere Kilo. Und sie müssen dokumentieren, wo die Schrauben saßen. Schraube ist nicht gleich Schraube. Dazu kommen die Gefahrstoffe: giftige Öle, Schmiermittel, Asbest und mehr. Wolf Meyer zu Bargholz muss das analysieren: „Ich muss schauen: Wo ist Potenzial für Gefahr? Man muss so was zerlegen, ohne sich selbst zu zerlegen!“

Dazu kommen jahrzehntealte Öle, die, vermischt mit Ruß und mehr, zu einer zähen Masse zusammengewachsen sind. Daher kommen Lösungsmittel zum Einsatz – und der Bleihammer. Da Blei weicher ist, wird das technische Kulturgut nicht beschädigt. Nur der Hammer muss nach solchen Einsätzen eingeschmolzen und neu gegossen werden. Der Hammerschlag löst das klebende Fett, um beispielsweise das Schwungrad auseinanderbauen zu können. Jede Dampfmaschine ist anders, sagt der Metallrestaurator. „Das Entscheidende ist die verborgene Technik. Nirgendwo steht, wie man das auseinanderbaut.“

Vor 90 Jahren, da wusste man das. Doch Zeichnungen oder dergleichen gibt es nicht. „Jede Firma hat ihr eigenes Süppchen gekocht und an den Kolben getrickst!“ Das macht die Arbeit schwer. „Hinter der Low-Tech-Dampfmaschine steckt High Tech!“ Schwungrad und Antrieb mussten perfekt aufeinander abgestimmt sein. Ständig mussten Mitarbeiter das Gerät überwachen, ölen und mehr. Irgendwann sei wohl ein Lager heißgelaufen und geschmolzen, hat Meyer zu Bargholz erkannt, „ein schwerer Schaden“. Mitunter musste ein Kran ziehen, um Komponenten zu trennen. Da ist Abstimmung gefragt, sagt der Restaurator. Zieht der Kranführer zu stark, zerlegt es die Maschine. Außerdem musste das Kellergewölbe abgestützt werden, weil die Lasten beim Abbau anders verteilt sind.

Ziel und Herausforderung: Die alte Technik vorführbereit zu verwahren

Es sei eine große Herausforderung, alte Technik vorführbereit zu verwahren, sagt Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler. Ziel sei es, einen „gepflegten Gebrauchszustand zu erhalten“, so der Restaurator. Leider habe man keinen Ort finden können für dieses regionale Kulturgut. Daher wird es nun abgebaut, Teile werden entrostet, frisch mit Konservierungswachs bestrichen und dann in staubdichten Holzkisten verwahrt.

Spannend!

Die Mitarbeiter des Museums, Adelheid Dörling, Christian Maier und Nina Bahlo, haben mitangepackt. Das war nicht Bestandteil des Studiums, sagt Maier und lacht. „Aber das macht die Sache spannend!“ Für den Abbau und Erhalt des technischen Denkmals wird ein fünfstelliger Betrag fällig.