Schorndorf

Der 45-Millionen-Fall: 800 000 Euro im Hocker-Polster

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf/Stuttgart.
Im Juli 2019 glänzte für Borussia Dortmund die Zukunft, Deutschland sorgte sich über einen Zitteranfall von Angela Merkel, der Sommer war glutheiß, und am Landgericht Stuttgart begann der spektakulärste Geldwäscheprozess weit und breit, der 45-Millionen-Fall um einen Schorndorfer. Im November 2019 wackelt bei Dortmund der Trainerstuhl, Merkel regiert kregel wie je, der Herbst ist grippekalt, und im Geldwäscheprozess ist immer noch kein Ende in Sicht. Spulen wir zurück, worum es überhaupt geht in diesem irren Fall ...

Verhandlungstag Nummer ... wie viel eigentlich?

Die unfassbare Summe von 45 Millionen Euro in bar soll ein Schorndorfer, unterstützt von seiner Frau und zwei Kompagnons, binnen nur eines halben Jahres, von Sommer 2017 bis Anfang 2018, nach Dubai verschoben haben – Geld, das bei niederländischen Drogengeschäften zusammenkam, glaubt die Staatsanwaltschaft. Um dem Treiben ein legales Mäntelchen umzuhängen, habe das Quartett buchhalterische Trugspuren gelegt: Es sollte so aussehen, als stammten die enormen Bar-Einnahmen nicht aus dem Rauschgiftbusiness, sondern aus seriösem Handel mit Alt- und Feingold.

Angeklagt: ein türkischer Goldhändler aus Schorndorf, 45 Jahre alt; seine in Deutschland geborene Frau, 44; ein Deutscher türkischer Herkunft, 34, ebenfalls aus Schorndorf; und ein pakistanischer Staatsbürger, 51, der in Dubai lebte, bevor er am Frankfurter Flughafen verhaftet wurde.

Ein Dienstag im November, Verhandlungstag Nummer ... wie viel eigentlich? Der Reporter hat aufgehört zu zählen. Ein Angeklagter, der bisher eisern geschwiegen hat, spricht; das heißt, er spricht nicht selber, ein Anwalt verliest eine Einlassung. Die Botschaft lautet in Kurzversion: Ich bin ein kleines Licht, mehr weiß ich nicht.

Mal was von der Welt sehen ...

Die Langversion: Der Mann, der im Verdacht steht, als Kurier Geld aus Holland geholt und nach Dubai gebracht zu haben, habe 2016 – „auf Vermittlung des Jobcenters“ – ein Praktikum bei dem Schorndorfer Goldhändler gemacht. Erst sei er nur im Schorndorfer Juwelierladen eingesetzt worden. Dann habe er eine Festanstellung bekommen, 1050 Euro brutto im Monat, ein „Glücksfall“! Mal habe er Gold transportiert, mal Geld, mal fuhr er nach Holland, mal flog er nach Dubai – er habe dabei immer nur „Weisungen ohne Nachfrage Folge geleistet“. Es sei eine „willkommene Abwechslung“ zur Sitzerei im Laden gewesen, eine Chance, mal „ein bisschen mehr von der Welt zu sehen“.

Aber wurde er nicht mit 1,5 Millionen Euro in der Reserverad-Mulde erwischt von der deutsch-holländischen Grenzpolizei? Ach, er sei „davon ausgegangen, dass alles seine Richtigkeit hat“ mit dem Geld.

Aber gibt es nicht Abhörprotokolle von Telefonaten, in denen sein Chef ihm allerhand windige Pläne erzählte? Ach, diese „Monologe stießen bei mir auf taube Ohren“, er habe das „nicht ernst genommen“ und zugestimmt nur aus „Höflichkeit“. Sein Chef sei halt ein „Angeber“.

Aber hat er nicht seiner misstrauisch-eifersüchtigen Freundin gesagt, er könne ihr am Telefon nicht die Hintergründe seiner Geschäftsreisen erklären, er werde nämlich vielleicht abgehört? Ach, das sei nur eine „Generalausrede“ gewesen, um die Frau „ruhigzustellen“ und abzuwimmeln.

Auch über einen anderen Angeklagten erfahren wir mehr: Den Mann aus Dubai – er ist offenbar nicht zu klein, sondern zu groß, um sich die Finger schmutzig zu machen. Sein Anwalt sagt: „,Mein Mandant muss nicht in Europa krumme Geschäfte machen für vergleichsweise läppische Beträge“ wie 45 Millionen Euro in einem halben Jahr – er verdiene mit seiner Goldhandelsfirma in den Vereinigten Arabischen Emiraten bisweilen „69 Millionen Dollar in der Woche“.

So wertvoll kann ein Schemel sein

Auch Vorstrafen kommen zur Verlesung. Der Hauptangeklagte aus Schorndorf, der vor seiner Goldhändlerzeit ein Abbruch-, Estrich- und Putz-Unternehmen betrieb, wurde 2010 verurteilt wegen Insolvenzverschleppung. Kurz darauf aber – er hatte gerade eine Pleite hinter sich – wurde er von hessischen Polizisten auf der Autobahn angehalten: mit 800 000 Euro in bar im Kofferraum. Das Geld war in die gepolsterte Sitzfläche eines Holz-Schemels eingenäht.

Schon damals keimte der Verdacht auf Geldwäsche – sieben Jahre vor den jetzt zur Verhandlung stehenden Taten. Fortsetzung des Prozesses am 5. Dezember.


Unsere bisherige Berichterstattung zum Thema:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

14.10.2019: Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

24.10.2019: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen Richterin

19.11.2019: Geldwäsche-Prozess um 45 Millionen nimmt kein Ende

Schorndorf/Stuttgart.
Im Juli 2019 glänzte für Borussia Dortmund die Zukunft, Deutschland sorgte sich über einen Zitteranfall von Angela Merkel, der Sommer war glutheiß, und am Landgericht Stuttgart begann der spektakulärste Geldwäscheprozess weit und breit, der 45-Millionen-Fall um einen Schorndorfer. Im November 2019 wackelt bei Dortmund der Trainerstuhl, Merkel regiert kregel wie je, der Herbst ist grippekalt, und im Geldwäscheprozess ist immer

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