Schorndorf

Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

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Symbolbild. © Christine Tantschinez

Schorndorf/Stuttgart. Staunenswerte 45 Millionen Euro in bar, aus Drogengeschäften stammend, sollen die vier Angeklagten binnen nur eines halben Jahres nach Dubai verschoben haben – Tag 14 im Geldwäscheprozess am Stuttgarter Landgericht förderte erneut Belastendes zutage.

Ein 100-Euro-Schein ist etwa 15 Zentimeter breit. Wenn wir uns 450 000 Stück von der Sorte vorstellen, zu einer Girlande aufgereiht, ergibt sich eine 67,5 Kilometer lange Spur; von Schorndorf bis Pforzheim. Das ist die Dimension, um die es geht in diesem Prozess – selbst für das Stuttgarter Landgericht, das sich mit vielen spektakulären Fällen befasst, alles andere als alltäglich.

Angeklagt: ein Türke aus Schorndorf, 45 Jahre alt; seine in Deutschland geborene Frau; ein Deutscher türkischer Herkunft, 34, aus Schorndorf; und ein pakistanischer Staatsbürger, 51, der zuletzt in Dubai lebte.

Dass die Schorndorfer Firma Noble Glitter (alle Firmennamen geändert) zwischen Sommer 2017 und Anfang 2018 insgesamt 45 Millionen Euro nach Dubai schaffte, ist unstrittig. Das Bargeld wurde ganz offiziell ausgeführt, nach den Buchhaltungsunterlagen von Noble Glitter stammte es aus legalen Goldhandelsaktivitäten.

Scheingeschäfte, glaubt die Staatsanwaltschaft: Tarnkonstruktionen, um die wahre Herkunft der Riesensumme aus den Niederlanden, aus dem Drogenhandel zu vertuschen. In der Tat umwabern Ungereimtheiten den Goldhandel, der sich in schriftlichen Firmen-Unterlagen abbildet.

Wie aus Zwergen Riesen werden

Beispiel eins: Die rumänische Firma Goodcash soll laut Aufzeichnungen im Lauf des Jahres 2017 Feingold für 51 Millionen Euro in Schorndorf eingekauft haben. Was ist das für ein Unternehmen, das so enorme Transaktionen stemmt, über derart fantastische Liquidität verfügt?

Blick ins rumänische Handelsregister: Kfz-Reparatur, Sperrholzplattenbau, Gebrauchtwarenhandel, Umzugstransporte, Baustoffhandel – das waren bis Ende 2016 Geschäftstätigkeiten von Goodcash. Jahresumsatz: etwa 30 000 Euro. Eine Klitsche. Kurz darauf begannen plötzlich, aus dem Nichts, Multimillionengeschäfte; sofern man den Buchhaltungsunterlagen traut.

Beispiel zwei: Die englische Firma Manual Work soll laut Aufzeichnungen im Lauf des Jahres 2017 Altgold für vier Millionen Euro nach Schorndorf verkauft haben. Was ist das für ein Unternehmen, das derartige Liefermengen wuppt, solch beeindruckende Umsätze generiert?

Blick ins englische Handelsregister: Dort firmierte Manual Work als sogenanntes „Mikro-Unternehmen“. Die Bilanz zum April 2017 wies ein Gesamtvermögen von 435 Pfund aus. Eine Klitsche. Kurz darauf begannen plötzlich, aus dem Nichts, Multimillionengeschäfte; sofern man den Buchhaltungsunterlagen traut.

Verräterische Hinweise

Zwerge verwandeln sich von heute auf morgen in Riesen: nur eine von vielen Auffälligkeiten, die das Gericht in der Beweisaufnahme an bisher 14 Prozesstagen zutage gefördert hat.

Es gibt mittlerweile einen Stapel von Indizien, dass das Geld, das nach Dubai wanderte, in Wahrheit womöglich aus Holland stammte: Kamera-Aufzeichnungen, verräterische Hinweise in abgehörten Telefonaten, Tankquittungen; und einen Polizeifund vom Januar 2018. Damals hielt eine Streife an der holländisch-deutschen Grenze einen Kurier der Firma Noble Glitter an: Der Mann hatte 1,5 Millionen Euro in der Reserverad-Mulde seines Autos.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl

Noch ist die Beweisaufnahme nicht abgeschlossen – aber am 14. Verhandlungstag gab Richterin Manuela Haußmann einen „rechtlichen Hinweis“ darauf, wie das Gericht die Lage nach „derzeitiger Würdigung“ einschätzt – es war ein Wink mit dem Zaunpfahl: Die vier Angeklagten hätten, „gewerbs- und bandenmäßig handelnd“, aus „dem Verkauf von Betäubungsmitteln stammende Gelder“ nach Dubai ausgeführt und die wahre Herkunft der Scheine „verschleiert“. Fortsetzung am 16. Oktober.


Zur Einordnung: Das Volumen der Geldwäsche-Aktivitäten in Deutschland soll allein im Jahr 2015 rund 100 Milliarden Euro betragen haben – das ergab eine Studie der Universität Halle. Der Umsatz im weltweiten Drogengeschäft liegt bei etwa 400 Milliarden US-Dollar (wobei die Expertenschätzungen teilweise deutlich voneinander abweichen, da das Dunkelfeld sehr hoch ist).

Unsere bisherige Berichterstattung zum Thema:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong