Schorndorf

Der „Bus auf Bestellung“ läuft immer besser

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Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Oberbürgermeister Matthias Klopfer tauschen sich übers Reallabor-Projekt aus. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf. Vor zwei Jahren hat WissenschaftsministerinDas System wird von Woche zu Woche stabiler.“ Und: Es gab von allen Seiten viel Lob für die Busfahrer, die mitunter ganz schön viel auszuhalten haben.

Testnutzer Volker Wellmer etwa berichtete von Bürgern, die Busfahrer, die am Wochenende in der Südstadt mit zwei Kleinbussen unterwegs sind und Fahrgäste, die den Bus geordert haben, an regulären Haltestellen und virtuellen Haltepunkten einsammeln, beschimpfen, obwohl sie selber gar nicht mitfahren wollen, und von Fahrgästen, die, weil der Bus voll ist und sie nicht einfach mitfahren können, wütend mit beiden Fäusten gegen die Scheiben trommeln. „Es ist schon beeindruckend, wie engagiert die Fahrer der Firma Knauss dabei sind und und wie geduldig sie das Projekt erläutern und es notfalls auch verteidigen“, sagte Mascha Brost vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Sie war eine derjenigen, die der Ministerin das Schorndorfer Reallabor und seine bislang gewonnenen Erkenntnisse vorstellten.

Echtbetrieb mit Kinderkrankheiten

Wobei der Oberbürgermeister keinen Hehl daraus machte, dass der Echtbetrieb „mit großen Kinderkrankheiten gestartet“ ist. Die haben sich weitgehend gelegt, was nicht heißt, dass schon alle Probleme behoben sind. Gut am Bus auf Bestellung findet Matthias Klopfer, dass die Menschen im Bus miteinander reden – über den Bus auf Bestellung nämlich – und dass das Projekt Stadtgespräch ist. Und wünschen würde er sich, dass sich die Schorndorfer, wenn der Testbetrieb in ein paar Monaten zu Ende geht, ihren ÖPNV ohne den Bus auf Bestellung gar nicht mehr vorstellen können.

Was aber, so der Oberbürgermeister, nicht heiße, dass es einen nahtlosen Übergang vom Test- in einen Dauerbetrieb geben würde. Dazu müssten politisch und kommunalpolitisch erst einmal wichtige Fragen – nicht nur der Finanzierung – geklärt werden. Wie sich mit Blick auf die Zukunft der Mobilität überhaupt wichtige und auch ganz grundsätzliche kommunalpolitische Fragen stellten. Zum Beispiel die, wie der Busbahnhof der Zukunft aussieht.

Ein Ziel: Die Digitalisierung ins reale Leben bringen

Von den angesprochenen Kinderkrankheiten abgesehen, gibt es aber auch Menschen, die sich mit dem Reallabor grundsätzlich schwertun. „Die ältere Generation fremdelt noch etwas mit diesem System und weicht teilweise aus“, weiß Matthias Klopfer, der sich mit der Wissenschaftsministerin sowohl im Bestreben, „die Digitalisierung ins reale Leben“ zu bringen“, als auch darin einig ist, dass so ein System auch für die praktikabel sein muss, die kein Smartphone haben – weil sie keines wollen oder weil sie sich keines leisten können.

Insofern, so Theresia Bauer, sei es nicht die Schwäche, sondern die Stärke dieses Reallabor-Konzepts, „dass man Dinge erfährt, die nicht einfach umzusetzen sind und mit denen man nicht gerechnet hat“. Konkret gesagt: „Wenn die ältere Generation damit Probleme hat, muss man das Design anpassen.“ Während von der älteren Generation aber immerhin bekannt ist, dass sie sich mit dem System „Bus auf Bestellung“ teilweise schwertut, gibt es, wie der Oberbürgermeister bedauernd feststellte, von der jungen Generation noch gar keine Rückmeldungen – auch keine emotionalen.

„Wir sollten uns überlegen, wie wir das Projekt in den nächsten Monaten noch etwas spannender vermitteln können“, meinte Klopfer, der andererseits froh ist, dass der Gemeinderat „wie eine Eins“ hinter dem Projekt steht – auch wenn es zwischendurch knarzt. „Wenn etwas schiefgeht, müssen wir das aushalten und halten wir das auch aus“, betonte Klopfer.

Wieder ganz im Sinne der Ministerin, die feststellte: „Wenn sich zeigt, dass dieses Konzept für bestimmte Dinge nicht geeignet ist, dann lernen wir trotzdem, wofür es geeignet ist“, sagte sie mit Blick zum Beispiel auf die Frage, ob es Stadträume und Zeiten gibt, in und zu denen der Bus auf Bestellung besser funktioniert als in und zu anderen. Thomas Knöller vom VVS etwa hält das Modell aus heutiger Sicht vor allem für die frequenzschwächeren Abendstunden für geeignet, weniger aber den in Schorndorf in den Wochenend-Testbetrieb einbezogenen Freitagnachmittag, der „kommunikativ ein Problem“ sei.

Toll und riskant

Von einem „tollen und riskanten Konzept“ sprach, anknüpfend an die Ministerin Prof. Barbara Lenz, die Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum. Ein tolles Konzept insofern, als dieses Reallabor-Projekt geeignet sei, ein Nachhaltigkeitsthema ins wahre Leben zu bringen. Ein riskantes Projekt insofern, als es bei allen Beteiligten – vor allem auch bei der Stadt und ihren Bürgern – viel Mut erfordere, weil hier nicht wie anderswo in der Republik ein ergänzendes Angebot getestet werde, sondern eines, das ein Ersatz für etwas Bewährtes und Erprobtes sei.

Das sei einzigartig und hochspannend sagte Barbara Lenz, die von einem Projekt sprach, das „für die Politik und aus wissenschaftlicher Sicht ein besonderes Lehrstück“ sei. Für die Politik vielleicht auch ein Lernprozess insoweit, als es, so der Appell der Professorin an die grüne Ministerin, bei der Finanzierung etwas mehr Flexibilität brauche, weil so ein Projekt doch immer wieder zusätzliche Aufgaben und Dinge, die nicht von vornherein kalkulierbar seien, generiere.

Der Bus der Zukunft – autonom fahrend und barrierefrei

Parallel zum Testbetrieb wird an der Technischen Hochschule in Esslingen virtuell schon am idealen Fahrzeugtyp für den bedarfsorientierten Bus getüftelt. Aus dem Zusammenspiel von Nutzerwünschen, Expertenmeinungen, Normen und Regelwerken hätten sich, so Prof. Alexander Müller, vier Anforderungen herauskristallisiert: nutzerorientiert, barrierefrei, batterieelektrischer Antrieb und – nicht zuletzt aus betriebswirtschaftlichen Gründen – autonomer Fahrbetrieb.

Und vielleicht darf der Bus der Zukunft dann ja auch entgegen der seitherigen, von Thomas Knöller ironisch beschriebenen Praxis ein paar Meter rückwärts fahren. Das Modell jedenfalls soll laut Müller am Ende des Projekts zusammen mit den anderen Projektergebnissen im Rahmen einer Ausstellung gezeigt werden. Diesmal hat die Ministerin ihre Runde durch die Stadt noch mit dem herkömmlichen Reallabor-Kleinbus gedreht.

Was ist ein Reallabor?

Während in einem Labor gemeinhin zunächst einmal nur (natur)wissenschaftlich geforscht und experimentiert wird, basiert die Idee und im Idealfall auch das Erfolgsrezept des – und daher der Name – Reallabors darauf, dass die Realität und das Leben zum wissenschaftlichen Experimentierfeld werden.

„Reallabor“ sei innerhalb weniger Jahre zu einem Begriff in der Wissenschaft geworden, sagte Ministerin Theresia Bauer im Rathaus – unter anderem mit Verweis darauf, dass sich der Begriff auch im Koalitionsvertrag der Berliner GroKo findet.

14 solcher vor fünf Jahren vom Wissenschaftsministerium initiierten und in einer Expertenrunde definierten Reallabore gibt es in Baden-Württemberg, und sie alle befassen sich mit Nachhaltigkeitsthemen, wobei das Spektrum von der Stadtentwicklung über neue Formen der Mobilität bis hin zur Digitalisierung des Alltags und zum demografischen Wandel reicht. Das Land fördert die Reallabore mit insgesamt 18 Millionen Euro, das in Schorndorf mit rund 1,2 Millionen Euro.

Reallabore, so Theresia Bauer, seien ein gleichermaßen anspruchsvolles wie riskantes Vorhaben, weil sie Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraushole und sie dazu bringe, Lösungen gemeinsam mit Nutzern und denen, die für die praktische Umsetzung zuständig seien, zu entwickeln.