Schorndorf

Der Glaubenskrieg um Aldi

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Neubaupläne von Aldi in der Waiblinger Straße. © ZVW

Schorndorf. Mit 17:10 Stimmen hat sich der Gemeinderat für einen Aldi-Neubau an der Waiblinger Straße ausgesprochen, mit dem der Discounter seine Verkaufs- und Präsentationsfläche um knapp 200 Quadratmeter erhöhen will. Dieser Entscheidung voraus ging ein regelrechter Glaubenskrieg um Aldi – mit wechselseitigen Belehrungen in Sachen freie und soziale Marktwirtschaft.

Anstelle des Centro-Vorsitzenden Gerhard Nickel schwang sich diesmal dessen Fraktionsvorsitzender Peter Erdmann zum Aldi-Kritiker und Verteidiger des innerstädtischen Handels auf. Seine Fraktion habe nichts gegen einen Neubau, sehr wohl aber etwas gegen einen Neubau in dieser Größe, sagte Erdmann und monierte eine über die Jahre zu verfolgende Salamitaktik, mit der sich Aldi von zunächst 700 auf 920 Quadratmeter ausgedehnt habe und mit der sich das Unternehmen jetzt auf 1100 Quadratmeter vergrößern wolle. Und warum? Weil Aldi Marktanteile verliere und dies durch die Erweiterung der Präsentationsfläche und der Sortimente kompensieren wolle, mutmaßte der FDP/FW-Fraktionschef und stellte fest: „Aldi ist kein Tafelladen, sondern ein knallharter Discounter, dem es nur um seine Marktposition geht.“ Für die Versorgung der Bevölkerung vor allem in der Nordstadt sei diese Erweiterung nicht nötig, fuhr Peter Erdmann fort und kritisierte die geplante Ausweisung eines Sondergebietes auch mit Blick darauf, dass sich die Stadt für ein Innenstadtkonzept entschieden habe, das durch solche Entwicklungen konterkariert werde. „Wir verlassen unsere Linie und werden unglaubwürdig“, gab Erdmann zu bedenken und machte bezüglich der Haltung seiner Fraktion deutlich: „Das hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern ist nur konsequent.“ Anders, so Erdmann, sähe es aus, wenn Aldi in der Innenstadt erweitern wollte.

„Für wen sitzen wir eigentlich im Gemeinderat?“

Er frage sich, welcher Partei Erdmann eigentlich angehöre, wenn er so knallhart gegen die freie Marktwirtschaft argumentiere, reagierte SPD-Fraktionschef Thomas Berger, für den sich für den Fall einer Ablehnung des Aldi-Bauantrags zwei Fragen stellten: „Für wen sitzen wir eigentlich im Gemeinderat?“. Und: „Wie sollen wir das den Menschen in Schorndorf erklären?“ Aldi, so Berger, sei für Menschen mit einem kleineren Geldbeutel eine Möglichkeit, einzukaufen und ein Einkaufserlebnis zu haben. Es grenze schon an Albernheit, wegen 200 Quadratmetern eine solche Diskussion zu führen, meinte der SPD-Fraktionsvorsitzende, was prompt den empörten Widerspruch von FDP/FW-Stadtrat Gerhard Nickel provozierte. Im Übrigen sei er mal gespannt, was sich in der Innenstadt in den nächsten Jahren so alles tue, sagte Thomas Berger unter Verweis auf das von Peter Erdmann angesprochene Innenstadtkonzept. An dem zweifelt auch Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der sich aus der Aldi-Diskussion nach der Vorberatung im Technischen Ausschuss diesmal heraushielt, wenn er sieht, wie sehr privaten Vermietern die Zukunft der Innenstadt egal ist, wenn es darum geht, ihre frei werdenden Räumlichkeiten möglichst schnell und möglichst ertragreich wieder zu belegen.

Wie zuvor Peter Erdmann handelte sich auch Thomas Berger eine Belehrung in Sachen Parteilinie ein – und zwar vom Grünen Andreas Schneider. Sozialdemokratisches Prinzip sei immer gewesen, dass nicht die einen davon profitierten, dass andere billig arbeiteten, sagte Schneider und verwies darauf, dass Aldi viele Arbeitnehmerrechte verletze. Auf den Einwand, dass Aldi übertariflich bezahle, reagierte Schneider mit der Feststellung, dass dieser Übertarif durch die Arbeitszeitregelung mehr als aufgefressen werde. „Aldi, das ist ein aggressives und wettbewerbsverzerrendes Geschäftsmodell“, sagte der Grünen-Stadtrat, der die Aldi-Erweiterung ablehnt, weil sie nichts mit sozialer Marktwirtschaft zu tun habe. Bestärkt wurde er von seinem Fraktionsvorsitzende Werner Neher: „Eine Firma, die so mit ihrem Personal umgeht, will ich nicht hofieren.“

Innenstadt zu Tode schützen und draußen nichts mehr zulassen

Fehlte in dieser Diskussion noch die CDU-Fraktionsmeinung. Sie könne nicht erkennen, wo der Unterschied zwischen einem Discounter in der Innenstadt und einem in der Nordstadt sei, sagte zunächst Michaela Salenbauch und kündigte die mehrheitliche Zustimmung ihrer Fraktion zu einem Aldi-Neubau mit 1100 Quadratmetern Verkaufsfläche an, weil knapp 200 Quadratmeter der Kaufkraft und der Qualität der Innenstadt nicht schadeten. Matthias Härer fühlte sich dann berufen, seinerseits die marktwirtschaftliche Seite dieser Debatte zu beleuchten. „Wer Marktwirtschaft will, darf sie nicht aus ideologischen Gründen totmachen“, sagte Härer, für den feststeht: „Wegen 200 Quadratmeter mehr geht die Welt in Schorndorf nicht unter, aber wir verbessern die Versorgungssituation in der Nordstadt und vor allem für Menschen mit kleinerem Geldbeutel.“ Keine Lösung ist’s für den CDU-Stadtrat, die Innenstadt zu Tode zu schützen und draußen nichts mehr zuzulassen, weil dann immer noch mehr Kaufkraft aus Schorndorf abfließe. Und nicht konsequent ist es aus Härers Sicht, bei Aldi wegen einer Erweiterung rumzumachen, „und bei der großen Ran-Tankstelle in der Gmünder Straße regt sich niemand auf“.

Als es zum Schwur über die Zustimmung zur Aldi-Planung und den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan „Rainbrunnen - Mittlere Brücke“ kam, fiel die Entscheidung für einen größeren Aldi mit 17:10 Stimmen doch recht deutlich aus. Und eine von den 17 Stimmen kam auch von den Grünen – von Stadträtin Nadia Pagano nämlich.

Andere Ecke

Der Aldi-Neubau ist an der nordwestlichen Ecke des Areals an der Waiblinger Straße geplant. Was für Aldi und die Kunden den Vorteil hat, dass die seitherige Filiale bis zur Fertigstellung des Neubaus weiterbetrieben werden kann.

Aus Sicht der Stadt hat die neue Platzierung den Vorteil, dass Aldi und damit auch der Anlieferverkehr vom bestehenden Wohngebiet ab- und zum im Westen angrenzenden Gewerbegebiet hingerückt werden.