Schorndorf

Der Islam, der (zu) uns passt . . .

Islam_0
Auf dem Podium: Hasan Kocaman von der Islamischen Gemeinde, Moderator Hermann Beutel und die Alevitin Birgül Akpinar (von links). © Sarah Utz

Schorndorf. Wie muss der Islam sein, der zu Deutschland gehört – wenn man, wie Hermann Beutel, unterstellt, dass der Satz, dass der Islam zu Deutschland gehört, grundsätzlich richtig ist? Friedliebend und gewaltfrei, sagt Hasan Kocaman. Er darf nicht die Freiheitsrechte Dritter einschränken, sagt Matthias Härer. Er muss, Religionsfreiheit hin, Religionsfreiheit her, anerkennen, dass das Grundgesetz über allem steht, sagt Birgül Akpinar.

Hermann Beutel ist CDU-Fraktionsvorsitzender im Schorndorfer Gemeinderat. Hasan Kocaman ist der Vorstandsvorsitzende der islamischen DITIB-Gemeinde – DITIB ist die Abkürzung für Dyanet Isleri Türk Islam Birligi und heißt übersetzt „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ – in Schorndorf. Matthias Härer ist CDU-Stadtrat. Birgül Akpinar ist Mitglied im CDU-Landesvorstand und Vorsitzende des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU-Baden-Württemberg. Sie alle und noch einige mehr äußerten sich zur Frage „Welcher Islam gehört zu Deutschland?“ im Rahmen einer Veranstaltung des CDU-Stadtverbandes, die keineswegs immer so harmonisch verlief, wie es die eingangs aufgeführten Bewertungen vermuten lassen. Was vor allem an den kritischen Anmerkungen von Birgül Akpinar zur DITIB-Bewegung beziehungsweise zu den Ausführungen von Hasan Kocaman lag, die zwischendurch sogar für einigen Aufruhr im Fritz-Abele-Saal der Barbara-Künkelin-Halle sorgten.

Die von Moderator Hermann Beutel vertretene Meinung, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehöre und dass es nur noch um die Frage „welcher Islam“ gehe, wurde am Schluss der zweistündigen Veranstaltung ganz unterschiedlich beurteilt. Die Frage „welcher Islam“ stelle sich für ihn gar nicht, weil es, wenn der Islam richtig gelebt werde, gar keinen falschen geben könne, sagte der Vorstandsvorsitzende der Islamischen Gemeinde und stellte fest: „Meine Religion gehört zu mir und ich gehöre zu Deutschland.“ Ganz anders sieht das Zuhörer und Diskussionsteilnehmer Eberhard Wurst, der sich eigenem Bekunden zufolge bei seinen vielen Reisen den Islam schon in 20 arabischen Ländern angeschaut und der große Zweifel hat, „dass das, was dort gelebt wird, hierher gehört und zu uns passt“. Da kann nur noch die FDP mithalten, deren Mitglieder, wenn Hermann Beutel richtig informiert ist, immer noch zu 70 Prozent der Meinung sind, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört.

„Moschee ist eine Gebetsstätte und kein politischer Ort“

Nachdem Birgül Akpinar zunächst einen Überblick über muslimische Glaubensgemeinschaften (Sunniten, Schiiten – „keine wesentlichen Unterschiede in den Glaubensinhalten, aber politische Differenzen“ – und Aleviten, von ihr als „mystische Richtung“ des Islam und als „Migrationsorganisation beschrieben) und ihre jeweiligen Dachverbände gegeben hatte, verlas Hasan Kocaman in Vertretung des erkrankten DITIB-Landeskoordinators Ali Ipek eine von den DITIB-Landesverbänden nach dem Putschversuch gegen Erdogan verfasste Erklärung. Darin wehren sich die DITIB-Vereine und -Moscheen dagegen, dass sie mit den Geschehnissen in der Türkei in Zusammenhang gebracht und in Deutschland als fremdstaatliche Gefährder stigmatisiert werden. „Die Ablehnung der Türkei mag begründet sein, sie darf aber nicht auf die DITIB projiziert werden“, zitierte Kocaman und versicherte später auch noch einmal mit eigenen Worten, dass es keine Einmischung der Türkei in die inneren Angelegenheiten der DITIB-Moscheen gebe. „Sie sind eine Gebets- und Begegnungsstätte, aber kein politischer Ort, an dem debattiert und politische Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden“, sagte der Vorsitzende und fügte hinzu: „Es interessiert uns nicht, ob einer Erdogan-Anhänger ist oder nicht.“

Dem widersprach offensiv die Vorsitzende des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU, die feststellte, es sei nichts Neues, dass es eine politische Nähe von DITIB zur Türkei und der dortigen Regierung gebe, weshalb die DITIB-Organisationen eigentlich nicht hätten so überrascht sein dürfen, als diese Verbindung im Zusammenhang mit dem Putschversuch wieder verstärkt thematisiert worden sei. Zumal, und jetzt regte sich hörbarer Widerspruch unter den Muslimen im Saal, es sogar DITIB-Moscheen gegeben habe, von denen aus Busse zur Pro-Erdogan-Demo in Köln gefahren seien. „In den Gemeinden wird Politik betrieben, da muss man ehrlich sein“, sagte Birgül Akpinar unter Verweis auf eine zunehmende AKP-Anhängerschaft in manchen Gemeinden. „Dass die DITIB politisch nicht neutral ist, das ist so und dazu stehe ich“, trotzte Birgül Akpinar auch den lauter werdenden Protesten im Saal. Und es sei, so die CDU-Frau, auch nur bedingt richtig, wenn Innenminister de Maizière fordere, die muslimischen Gemeinden in Deutschland müssten noch mehr in die Flüchtlingsarbeit eingebunden werden. Man dürfe ihnen aber, so Birgül Akpinar, „nicht die ganze Verantwortung überlassen, weil sie selbst noch Integrationsprobleme haben“. Und weil es nicht reiche, den Koran und Gebetsteppiche zu verteilen. Hasan Kocaman sagte zu alledem: „Das betrifft Schorndorf nicht und das betrifft uns nicht.“ Auch weil DITIB ihre Mitglieder ausdrücklich zur Wahrnehmung ihrer demokratischen Rechte motiviere. Und der aus der Türkei entsandte und von dort bezahlte Imam? Dessen Aufgabe beschränke sich auf religiöse Dienste und auf die „vernunftorientierte Auslegung des Korans“.

Die Scharia über das Grundgesetz zu stellen, „ist nicht akzeptabel“

„Wir brauchen die in Deutschland lebenden Muslime, um die Flüchtlinge, die zu uns kommen, besser verstehen zu können“, lobte CDU-Stadtrat Matthias Härer einerseits die Islamische Gemeinde für ihre Bemühungen in der Flüchtlingshilfe. Andererseits aber gab er zu bedenken: „Keiner von uns will, dass Inseln entstehen, auf denen sich junge Menschen radikalisieren können.“ Deshalb müssten die DITIB-Vereine noch enger mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten, forderte Härer, der durchaus auch eine Nähe der Vereine und Moscheen zur türkischen Regierung sieht und deshalb deutlich machte: „Es muss gelten, dass eine Moschee nicht der Ort sein darf, an dem türkische Innenpolitik gemacht wird. Unser Ziel muss ein Islam sein, der zweifelsfrei als demokratisch und integrativ identifiziert ist.“ Was er aus Sicht von Horst Mees („Ich habe viele gute persönliche Kontakte zu Muslimen“) nicht ist, solange 60 oder mehr Prozent der in Deutschland lebenden Muslime die bei den Aleviten nicht als Gesetz anerkannte Scharia über das Grundgesetz stellten („Das ist nicht akzeptabel“) und solange Christen unter Berufung auf den Koran als „Ungläubige“ bezeichnet werden. In diese Kerbe hieb auch FDP/FW-Stadtrat Konrad Hofer, der sich als überzeugter Christenmensch ebenfalls sehr intensiv um Flüchtlinge kümmert und noch nie einen Muslim des falschen Glaubens bezichtigt und auch „noch nie einem auf die Nase gehauen“ hat, wenn er sich negativ über Jesus Christus geäußert hat. „Ich habe meinen Glauben und ich möchte nicht als ungläubig bezeichnet werden, denn nur dann funktioniert das Zusammenleben“, sagte Hofer und wies beiläufig darauf hin, dass derzeit weltweit die größte Christenverfolgung im Gange sei. Und das mache den Menschen hierzulande Angst.

„Unser Glaube erlaubt uns nicht, Christen als Ungläubige zu bezeichnen“, reagierte Hasan Kocaman, der die beste Möglichkeit, Ängste gegenüber Muslimen abzubauen, darin sieht, dass man ihnen – am besten in der Moschee – begegnet und sich austauscht. Ganz im Sinne von Hermann Beutel, der es für das weitere Verfahren für wichtig hält, „dass sich beide Seiten historisches und theologisches Wissen über die jeweils andere Kultur aneignen, damit wir auf Augenhöhe diskutieren und uns auch gegenseitig kritische Fragen stellen können“.

Demokratie, Christentum, Fundamentalismus

„Es ist wunderbar, in einer Demokratie zu leben, in der ich mich mit einem DITIB-Vertreter unterhalten kann, obwohl wir politische und religiöse Differenzen haben und ohne dass ich Angst haben muss, nachher angezeigt zu werden“, sagte die Vorsitzende des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU, für die zu einem demokratischen Islam die Gleichstellung von Mann und Frau gehört.

„Es muss und darf keine Vermischung der Religionen geben, aber es muss ein Modus gefunden werden, wie Christen und Muslime mit ihrer jeweiligen Religion friedlich nebeneinander leben können“, sagte Moderator Hermann Beutel, der ein Problem im Verhältnis der beiden Religionen darin sieht, „dass unser christlicher Glaube oft nur sehr lauwarm gelebt wird“.

Zur adjektivischen Weiterentwicklung des Wortes Islam zu islamistisch sagte Hasan Kocaman: „Die Bezeichnung ,islamistischer Terrorist’ ist ein Widerspruch in sich, denn ein Terrorist hat keine Religion – so wie auch ein christlicher Fundamentalist keine Religion hat.“ Dafür gab’s Beifall.