Schorndorf

Der Meister-Planer der Polizei geht in den Ruhestand

Peter Hönle_0
Peter Hönle, der ebenso planungsbesessene wie knitze Leiter des Führungs- und Einsatzstabes beim Polizeipräsidium Aalen, geht in Ruhestand. © ZVW/Alexandra Palmizi

Schorndorf. Peter Hönle, 60, geht in Ruhestand – er wird fehlen. Als Leiter des Führungs- und Einsatzstabes, erst bei der Direktion Waiblingen, dann beim Präsidium Aalen, hat der Schorndorfer mit besessener Planungslust Maßstäbe gesetzt für moderne, pfiffige Polizeiarbeit.

Von komplexen Einsätzen erzählt er mit so schwärmerischer Wortglut, als werbe Reich-Ranicki fürs beste Buch der Welt. Pussy-Club-Razzia in Fellbach? Eine konspirative Neonazi-Sonnwendfeier ausheben? Hauptsache, die Lage war kompliziert genug, dann war Peter Hönle im Glück. Klappte alles wie geplant – „filigran, nicht mit der Walze“ –, freute er sich „dondr-schlächdig“. Und sagte: „Horrido.“

Neulich gab er eine Abschiedsparty: gut Hundert Weggefährten, Führungskräfte und Fußvolk bunt durcheinander, getreu der Hönle-Logik, dass es nicht drauf ankommt, was einer auf der Schulterklappe hat; wichtig ist, was einer kann. Kleiderordnung: streng leger. Er selber rannte im Rolling-Stones-Shirt herum und haute Sinnspruch um Sinnspruch raus. Über Führungskultur: „Ein Leithammel ohne Herde ist nur ein versprengtes Schaf.“ Über sein Berufsethos: „Wir sind im Auftrag des Bürgers unterwegs, nicht im Auftrag der Verwaltung.“ Über den „Dienstweg“: manchmal, wenn Menschen in Not sind und alles ganz schnell gehen muss, „die kürzeste Verbindung zwischen Sackgasse und Holzweg“. Am Ende, nach vielen Lobreden, dankte Hönle, mit Tränen ringend: „Dieser Tag hat schon fast Beerdigungsniveau.“

Mit 24 zum SEK

Ende der 70er Jahre begann er bei der Bereitschaftspolizei, mit 24 Jahren wechselte er zum SEK, Spezialeinsatzkommando: lernte, mit Sprengstoff zu hantieren, Verletzte zu bergen, unter Wasser eine Maschinenpistole zusammenzubauen, eine Seilbrücke zu knüpfen, erwarb den Schwarzen Gürtel, absolvierte Hochgeschwindigkeitstraining auf dem Hockenheimring, rannte Marathon unter drei Stunden – und um „atypische Zugangsmöglichkeiten“ zu erschließen, machte er eine „hochalpine Ausbildung“. Protestler besetzten den Kühlturm des AKW Neckarwestheim. Wie waren die da bloß raufgekommen? Das SEK beschloss: können wir auch. Oben „wurden wir freundschaftlich als Bergsteiger begrüßt“.

Wenn, dann: Das Hönle-Prinzip

All die Nächte, in denen vor lauter Eile seine Frau ihm „die Schuhe gebunden“ hat, „während ich mir den Pulli über die Ohren gezogen habe“, all die Einsätze, nach denen befreite Geiseln, schluchzend vor Dankbarkeit, ihm „um den Hals gefallen“ sind: Der Erfahrungsschatz half später bei der Planung komplexer Lagen – Hönle wurde zum Großmeister in der Disziplin Wenn-Dann.

Stellen wir uns eine unangemeldete Groß- nebst Gegendemo vor, die gewalttätig zu eskalieren droht. Was, wenn man also viele Kräfte schnell an den Ort bringen muss? Dann hilft es, wenn man schon lange vorher getestet hat, wie viele Leute sich in einen Gelenkbus stopfen lassen. Was, wenn der angemietete Busfahrer unterwegs anhält und sagt: Ich mag euch nicht, ich geh jetzt auch demonstrieren? Dann sollte man eigene Leute fürs Lenkrad haben. Was, wenn Demonstranten Schnellbinderbeton vor den Bus schütten? Dann hat man am besten ein „Beseitigungsfahrzeug“ dabei.

Kompetenz im Alltag und in der Ausnahmesituation

Und was, wenn die Polizei am Einsatzort angekommen ist, aber der Funk ausfällt und der Chef – es ist bereits dunkel – nicht sieht, ob alle Reihen korrekt formiert sind? Kein Problem. Wenn jeder Beamte ein Knicklicht hat. „Im Alltag darf die Bevölkerung von ihrer Polizei Kompetenz erwarten. Und in der Ausnahmesituation auch.“

Er musste Kämpfe meistern, zum Beispiel 2007 beim G-8-Gipfel in Heiligendamm. Zu manchen Kundgebungen kommen viele anständige Leute – und irgendwann „ist von den Normalbürgern niemand mehr da, nur noch Gewaltbereite“. Hönle hat erlebt, wie solche Truppen „Silvesterraketen waagrecht auf uns abschossen“, aus Depots Steine zum Werfen und Paletten zum Anzünden holten, vorstießen, zurückfederten und, per Handy koordiniert, erneut vorrückten – regelrechte „Kommandostrukturen“! Und was, wenn ein Handy-Akku leer ist und die Meldekette zu reißen droht? Die Krawallmacher hatten Ladestationen mit allen marktgängigen Kabeltypen eingerichtet. Als hätten sie bei Hönle gelernt.

Vorher muss geplant werden: Was tun wir und was tun wir nicht?

In solchen Situationen gilt es, gegenzuhalten. Aber bei jedem Einsatz gehört zur Planung auch, schon vorher die „Verhältnismäßigkeit“ zu bedenken: „Was tun wir? Und was tun wir nicht?“ Der „Schwarze Donnerstag“, den Hönle nur aus der Ferne beobachtete, muss ihm eine Pein gewesen sein: Die Polizei ließ sich erst überrumpeln, als Familien, Kinder, Jugendliche in den Schlosspark strömten – und kärcherte sie danach mit Wasserwerfern raus; das war erstens plan- und zweitens maßlos.

Einmal war Hönle als Einsatzleiter bei einer genehmigten Demo in Tübingen: Neonazis wollten vom Bahnhof in die Innenstadt, und eigentlich durften sie das auch – die Bürgergesellschaft aber stand auf der Neckarbrücke entschlossen im Weg. Was tun? Die Brücke räumen? „Rechtlich möglich. Oder ich erkläre – und das nehme ich dann auf meine Schulter, selbst auf die Gefahr, dass ich danach eine gezündet krieg: Die polizeilichen Einsatzmittel reichen nicht aus.“ Die Neonazis schafften es nicht über die Brücke – man muss sich Hönle, während er das erzählt, mit einem haarfeinen Schmunzeln um den Mund vorstellen.

Und wie war er als Chef? Am Rande seiner Abschiedsfeier ergab sich eine Gelegenheit, die Frage zu stellen: einem jungen Kollegen aus dem Einsatzstab, im Vertrauen, niemand sonst hörte zu.

Der Mann antwortete: „Wenn ich mir einen malen könnte, würde er so aussehen.“


Der schwerste Tag

Peter Hönles wohl schwerster Einsatz war der 11. März 2009, als es nach dem Amoklauf galt, binnen kürzester Zeit die Arbeit von rund 800 aus allen Richtungen anströmenden Polizisten zu koordinieren. Auch wenn das beeindruckend gelang – wenn Hönle davon spricht, wirkt er noch heute angefasst. Die Bilder von Tod, Schmerz und Leid haben sich ihm eingebrannt. „Das wird vernarben. Aber nicht weggehen.“