Schorndorf

Der verzauberte Friseursalon

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Im Erzählsalon (von links): Alfons Zeidler, Gastgeberin Natalie Lang, ZVW-Reporter Peter Schwarz und Monika Zeidler. © Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf. Du betrittst den Friseursalon, stülpst die Trockenhaube über – und statt heißer Luft bekommst du Geschichten auf die Ohren: von Menschen aus der Gegend, ihren Leben und Erlebnissen, Wegen und Umwegen. Ja, so etwas gibt es wirklich: im Pop-up-Salon der Kulturregion Stuttgart auf dem Schorndorfer Marktplatz.

Ich bin in Bosnien geboren, in Sarajevo, dort bin ich aufgewachsen. Und wir hatten nie vor, irgendwo anders hinzuziehen – es ging uns gut. Und dann ist 1992 der Bürgerkrieg ausgebrochen. Da war ich neun.

Ein alter Bauwagen, gelb bemalt, steht auf dem steinernen Podest hinterm Schorndorfer Rathaus. Hier, hat es geheißen, gebe es „Geschichten unter der Haube“. Du gehst hinein – und betrittst die 70er Jahre. Der Wellenschwung des Tapetenmusters wabert sanft psychedelisch, grün sind die Sitzmuscheln aus Plastik, orange und lila schimmern die Trockenhauben der Marke Krups Comet.

34 Geschichte, jede zwei bis drei Minuten lang

Monika Zeidler und ihr Mann Alfons aus Rudersberg sind die allerersten Gäste, die sich an diesem Freitagmorgen aus dem Marktplatzgetriebe lösen und hineinwagen in die Zeitkapsel, zu Gastgeberin Natalie Lang von der Kultur-Region. Die beiden stecken die Köpfe unter die Hauben. Ich habe eine Schule gegründet. Eigentlich wollte ich nie Schulleiter werden. Das ist aus einer Lust entstanden. Ich wollte mich nicht länger mit den Problemen, die meine Kinder aus der Regelschule mitbringen, beschäftigen. Ich hatte einfach Lust, das auszuprobieren: eine eigene Schule. „Und ich hab gedacht, ich krieg ‘ne Dauerwelle“, witzelt Alfons Zeidler und streicht sich übers Schütterhaar.

34 Geschichten, jede zwei bis drei Minuten lang: Sie laufen in Endlosschleife. Wenn eine endet und bevor die nächste beginnt: Scherenklappern auf der Tonspur. Und dann, ein ums andere Mal, derselbe Effekt: Ein erster Satz – und kaum ist er verklungen, hat sich schon eine Tür geöffnet in ein fremdes Leben. Mitarbeiter der Kultur-Region Stuttgart haben ganz verschiedene Menschen erzählen lassen, Texte daraus gemacht, Schauspieler haben die Lebensskizzen eingesprochen – und vielstimmig tönt es nun unter der Trockenhaube.

Wer will, kann kurz eintauchen und gleich wieder gehen; wer mag, kann mehrere Leben hintereinander betreten; wem danach ist, der kann verweilen, sich einen Kaffee reichen lassen und ins Gespräch kommen.

Nur die Haare schön machen lassen kann man sich nicht. Egal, denn das ist doch der wahre Zauber eines Friseursalons: Dies ist ein Ort der Begegnung, des Innehaltens, Zuhörens, Erzählens. Und Staunens:

Ich war Pfarrer. 17 Jahre lang. Als ich 50 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, ich habe genug gepredigt in meinem Leben.

Von ganz normalen Leuten

Dies sind keine Promi-Storys, keine Zelebritäten-Reißer: ganz normale Geschichten von ganz normalen Leuten. Aber wenn man sie so hört, inszeniert in diesem sanft schräg aus dem Alltag hinausführenden Ambiente, merkt man bald: Jede dieser kurzen Vignetten über Menschen, die hier in der Region beheimatet sind – aufgewachsen oder angekommen, hineingeboren oder zugewandert, fest wurzelnd oder vom Weltensturm herbeigeblasen, jung oder in einem Falle hundert Jahre alt – birgt etwas Besonderes; jedes Leben ist eine „unerhörte Begebenheit“, wie Goethe einst das Wesen der Novelle beschrieb.

Man hört die ersten Sätze und will gleich mehr wissen: Was steckt dahinter, wie geht es weiter?

Manchmal geschieht Wundersames

Wo eine Kirche ist, da ist ein Gasthaus in der Nähe, sagt ein lettisches Sprichwort. Natalie Lang kennt das: Wo der Bauwagen geparkt ist, kommen die Gäste ins Plaudern. Sie sagen: „Ich hab ganz Ähnliches erlebt!“ Oder: „So hab ich das bisher noch nie gesehen!“ Und manchmal geschieht Wundersames. Einmal trat eine junge Violinistin ein, stellte ihren Geigenkoffer ab, schlüpfte unter die Haube – und so begann die erste Geschichte, die sie hörte: Ich habe sehr spät angefangen, Geige zu spielen. In meiner Familie gab es großen Widerstand dagegen. Vor allem von meiner Oma, die gesagt hat: „Mädchen spielen nicht Geige. Das spielen nur die Zigeuner.“

So hörst du zu, schaust dabei zum Fenster des Bauwagens hinaus, unter der gelb-weiß gestreiften Markise hindurch, siehst draußen die Menschen vorbeigehen, den jungen Kerl im Trainingsanzug mit dem Jetzt-komme-ich-Schritt, die alte Frau, gebeugt und behangen mit Einkaufstüten, den Grauhaarigen – vom Wetter gegerbtes Gesicht, von der Arbeit gekerbte Hände –, die Elegante mit der Sonnenbrille im Haar; und denkst: Was haben die wohl erlebt? Wo kommen sie her, wo streben sie hin?

Dir dämmert: Dieser Marktplatz ist, genau wie der Salon, in dem du sitzt, ein Ort voller Geschichten. Nur dass da draußen meist keiner den anderen hört: Sie bleiben sich fremd, eilen aneinander vorbei, jeder schleppt sein Leben stumm mit sich herum, jeder ist eingekapselt in seine eigene Welt.

Du stellst dir vor, was geschähe, wenn sie alle, auf ihrem Weg von A nach B, eine Pause einlegten im gelben Bauwagen: Sie würden neugierig aufeinander. Und einer begänne ...

Ich habe so viel zu erzählen. Ja. Ich hatte ein bewegtes Leben bisher.


Hier finden Sie den Salon

Der Pop-up-Salon mit „Geschichten unter der Haube“ steht noch am heutigen Samstag und morgen, Sonntag, auf dem Marktplatz in Schorndorf. Vom 8. bis zum 10. Juli wird der Salon auf dem Winnender Marktplatz gastieren, vom 20. bis zum 22. Juli macht er Station bei der Fellbacher Schwabenlandhalle. Wir empfehlen: unbedingt ein paar Minuten länger als sonst für den Einkauf einplanen und unter die Haube schlüpfen!