Schorndorf

Der VfB ist tot, der Stammtisch lebt ...

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Ziemlich angespannt waren die Mienen am ZVW-Stammtisch im Café Moser in Schorndorf während des Abstiegs-Endspiels zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart. © Jamuna Siehler
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Ziemlich angespannt waren die Mienen am ZVW-Stammtisch im Café Moser in Schorndorf während des Abstiegs-Endspiels zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Nein, die EM hat noch nicht begonnen. Und ja, es gibt ihn wieder, den ZVW-Fußballstammtisch mit seinen bisweilen sonderbaren Ansichten und Tipps. Zum Aufwärmen kam ihm der Bundesliga-Krisengipfel zwischen Werder Bremen und dem VfB gerade recht. Und das Fazit nach diesem Spiel: Der Stammtisch lebt, und der VfB ist tot – zumindest totgesagt. Zum sprichwörtlichen Längerleben reicht das, was er in Bremen geboten hat, nicht.

Bayern-Fan Dietmar Heinle („Aber mr isch ja au a Schwoab“) macht vor dem Spiel eine in doppelter Hinsicht optimistische Rechnung auf: Der VfB holt in Bremen einen Punkt, und dieser eine Punkt reicht am Schluss dank des besseren Torverhältnisses zum viertletzten Platz. Von wegen: Kein Punkt in Bremen, und das mit dem besseren Torverhältnis hat sich nach diesem Spiel auch erledigt. Heinle kann aber auch anders: „Der VfB ist der erste Verein, bei dem zwei Mannschaften gleichzeitig absteigen“, sagt er in Anspielung dessen, dass sich die 2. Mannschaft aus der 3. Liga verabschiedet. Damit zumindest hat er nach dem aktuellen Stand der Dinge recht. Derweil suchen Köln-Fan Klaus Bihlmaier und der frühere langjährige Betreiber der VfB-Gaststätte und heutige Besen- und Biergartenwirt Axel Schmieg nach den Gründen dafür, wie der VfB nach dem zwischenzeitlichen Höhenflug mit Neu-Trainer Kramny noch einmal so tief fallen konnte. „Die haben sich zu bald zurückgelehnt“, findet Bihlmaier. Und für Schmieg gibt’s gleich drei Gründe, warum sich beim VfB nichts ändert: Kopfsache, mangelnde Qualität, keine Führungsspieler. Oder, um es mit Dietmar Heinle zu sagen: „Die, die zur Sache gehen, Die und Großkreutz, fehlen, die anderen sind alles Alibispieler.“ Und dann, sind sich Herbert Kiess und Axel Schmieg einig, stimmt’s vor allem auch im Management und im Scouting-Bereich nicht. Wahrscheinlich hat der Blogger, der dem VfB beim Kravets-Transfer unterstellt hat, der Spieler sei vorher überhaupt nicht beobachtet worden, recht, mutmaßen beide. Und Axel Schmieg spottet: „Die haben sich ein Video angeschaut und das dann schnell vorgespult und dann vermutet: Der Mann ist eine Rakete.“

SMS aus Augsburg: Hoffentlich geht das gut mit der Aufstellung

Als dann noch Herbert Kiess die Mannschaft für untrainierbar erklärt und anfängt, von der Fußballphilosophie des geschassten Ex-Trainers Alex Zorniger zu schwärmen („Da waren sie hinten auch nichts, aber der hat wenigstens noch nach vorne spielen lassen“), ist die Stimmung schon vor dem Spiel fast am Tiefpunkt. Dazu passt, dass kurz vor Spielbeginn erstens Bayern-Fan Volker Ziesel zum Stammtisch stößt und frohgemut verkündet, er sei heute Werder-Fan, und dass in der Aufstellung des VfB ein gewisser Matthias Zimmermann anstelle von Kapitän Christian Gentner auftaucht. Einer ahnt schon was: Axel Schmieg bekommt von dem zuvor von ihm hochgelobten Scout des FC Augsburg, Stefan Schwarz, eine SMS aufs Handy, die lautet: „Hoffentlich geht das gut mit der Aufstellung.“ Und Schmieg selber hat auch so eine Ahnung: „Wenn die heute verlieren, fliegt denen das Trainingslager auf Mallorca um die Ohren.“ Der während des Spiels eintreffende Schorndorfer Oberbürgermeister sagt später, als alles vorbei und die Verletztenliste des VfB noch länger ist, ironisch: „Da hat sich das Trainingslager ja wirklich gelohnt.“

Was zwischen diesen Mallorca-Aussagen passiert, ist vergleichsweise schnell erzählt. Schon nach dem ersten schnellen Gegentor wird Kritik am polnischen Torhüter Tyton laut, der es nicht einmal schafft, unbedrängt einen Ball bis über die Mittellinie zu schlagen. Herbert Kiess, der zuvor trotz aller Zweifel auf einen 3:1-Sieg des VfB getippt hat, nörgelt gerade an der Aufstellung herum, als das 1:1 fällt. Ein taktischer Kniff vom Feinsten: „Mr muss bloß schempfa ond scho lauft’s“, sagt er, während alle – Ausnahmen sind der Bayern-Fan Ziesel, der schon an Atletico denkt, der Köln-Fan Bihlmaier und der mit 1860 München um den Zweitliga-Klassenherhalt bangende Moderator Hans Pöschko – jubeln und sogar der ehemalige Kickers-Profi Ralf Vollmer kurz die Arme hochreißt und anschließend dem VfB attestiert, er sei fußballerisch klar besser als Werder. Aber was hilft’s, wenn sich ein polnischer Torwart und ein italienischer Abwehrspieler nicht einig sind und ein kurioses Eigentor produzieren, wenn vorne ein Harnik das Tor nicht macht und die desolate VfB-Abwehr vor der Pause auch noch das dritte Tor zulässt. Und: Im Gegensatz zum VfB präsentiert sich Werder Bremen, wiewohl spielerisch auch nicht überragend, zumindest kämpferisch als Einheit, als Mannschaft eben, die begriffen hat, um was es in so einem Spiel geht.

Und noch eine Runde Ouzo für alle Löwen- und Geißbock-Fans

Der Halbzeit-Tristesse („Wenn de so schbielsch, schdeigsch ab“) folgt eine kurze Phase der Hoffnung, als der zuvor so unglückliche italienische Verteidiger Barba technisch perfekt ins richtige Tor trifft. „Meine Nerva, du“, stöhnt Herbert Kiess, während Klaus Bihlmaier für die entspannten Köln- und Löwen-Fans am Tisch – zu Ersteren gehört auch Moser-Wirt Spiros – eine Runde Ouzo ausgibt. Dann geht’s Schlag auf Schlag. 4:2 (Axel Schmieg vollzieht einen Stellungswechsel ins VfB-Vereinsheim), 5:2 (Herbert Kiess hat genug und verlässt stillschweigend das Lokal), 6:2. „So blöd kannsch doch gar nedd sei“, muss sich VfB-Stürmer Harnik, der diesen Treffer leichtfertig verschuldet hat, von Klaus Bihlmaier, der übrigens als einer der wenigen auf Werder Bremen getippt hat, noch sagen lassen. Werner Böck, bis dahin schon ziemlich schweigsam, sagt nun gar nichts mehr, der Oberbürgermeister schüttelt nur noch ungläubig den Kopf, der Wirt gibt eine weitere Runde für Löwen- und Geißbock-Fans aus und muss sich dann von Böck, der seine Sprachlosigkeit überwunden hat, die ketzerische Frage gefallen lassen, für was er sich denn nun eigentlich wieder Sky zugelegt habe, wenn der VfB nächstes Jahr in der 2. Liga spiele und bei Sport 1 im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sei – unter anderem hoffentlich gegen 1860 München. „Vielleicht hab’ ich da einen Fehler gemacht“, räumt der Wirt scheinbar zerknirscht ein, wird aber prompt von Klaus Bihlmaier aufgemuntert, der den 1. FC Köln bereits in der nur teilweise bei Sport 1 übertragenen Euro-League sieht und von einem Spiel gegen Benfica Lissabon träumt.

Den verbliebenen echten VfB-Anhängern fällt’s derweil schwer, noch vom Klassenerhalt zu träumen und davon, dass mit dieser einerseits dezimierten und andererseits führungslosen und desorientierten Mannschaft in den beiden letzten Spielen gegen Mainz und in Wolfsburg noch die rettenden Punkte geholt werden können. Aber, wie gesagt: Totgesagte leben (manchmal) länger. Und gleich noch ein Satz fürs Phrasenschwein: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen.“ Und für Spott und Hohn sorgt in diesem Fall Volker Ziesel. Einerseits mit dem scheinheiligen Lob, das sei das beste Montags-Bundesligaspiel aller Zeiten gewesen (scheinheilig deshalb, weil es vorher noch nie eines gegeben hat), und anderseits mit dem billigen Trost, bei elf Punkten Vorsprung auf Hannover könne der VfB nicht mehr Letzter werden. So grausam kann Fußball sein, um mit einem weiteren Satz fürs Phrasenschwein zu schließen.

EM kann kommen

Trotz einzelner Depressionen während des VfB-Spiels: Die EM in Frankreich kann kommen, der ZVW-Stammtisch ist bereit, die deutsche Mannschaft gewohnt kritisch und unterhaltsam zu begleiten – wenn’s geht, bis ins Finale und zum EM-Titel.

Der erste EM-Stammtisch findet am Dienstag, 7. Juni, statt – zur Einstimmung auf das erste Spiel der deutschen Mannschaft, die am Sonntag, 12. Juni, um 21 Uhr in Lille gegen die Ukraine spielt.