Schorndorf

Der Wald ist krank, schwer krank

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Emilia, 4, mit ihrem ersten selbst geschlagenen Weihnachtsbaum. © Winterling / ZVW

Schorndorf. Die Fichte ist „Baum des Jahres“. Ausgerechnet die Fichte. Mit ihr fühlen sich Forstleute in Hassliebe verbunden, sagte Gerhard Strobel, Kreisvorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Für die einen ist sie der Wirtschaftsbaum schlechthin, für die anderen ist die Fichte der Inbegriff naturferner Monokulturen.

Video: Der Wald ist nicht gesund erklärt uns Dr. Gerald Strobel von der Schutzgemeinschaft Wald .

Einen „Kulttermin“ nannte Gerhard Strobel das Pressegespräch der Schutzgemeinschaft vor Weihnachten, verbunden mit der Möglichkeit, sich seinen Weihnachtsbaum selbst zu schlagen. Heuer aber nicht in einer Christbaumplantage, sondern voll ökologisch. Direkt im Wald, ohne Dünger und Pestizide gewachsene Fichten und Tannen. Und mit der Gewissheit, dem Wald sogar etwas Gutes zu tun. Denn dort, wo diese Weihnachtsbäume wachsen, werden in ein, zwei Jahren die Waldarbeiter sowieso mit ihren Motorsägen durchgehen und für Ordnung sorgen, kündigte Revierleiter Axel Scheuermann an.

Ordnung schaffen, heißt auf dem Schurwald in erster Linie, die Buche einzudämmen. Sie breitet sich im 1300 Hektar großen Staatswald des Oberberkener Reviers großflächig aus. Eine Folge des Klimawandels, der der Buche entgegenkommt. Sie mag es warm und liebt trockene Böden. Wenig Niederschlag und höhere Temperaturen bekommen hingegen Tanne, Douglasie und Fichte überhaupt nicht, sagte Scheuermann. Der Wald wachse zwar von selbst, sofern das Wild stark genug bejagt wird. Seit 20, 30 Jahren verzichtet der Forst gänzlich aufs Pflanzen von Bäumen. Doch damit der gewünschte Mischwald entsteht, müssen die Waldarbeiter gelegentlich zur Säge greifen.

Sich den Weihnachtsbaum direkt aus dem Wald zu holen, sei seit zehn, 15 Jahren kein Thema mehr. Die Kunden suchen den perfekten Baum – und möglichst einen, der nicht nadelt. „Damit können wir nicht dienen“, meinte Scheuermann über seine Fichten und Tannen, die oft einseitig und krumm daherkommen. Dafür aber riechen sie nach Wald – und nicht wie die beliebte Nordmanntanne nach gar nichts.

Die Klimaerwärmung führt zum Wandel unserer Wälder

Der Wald ist krank, sagte Gerhard Strobel über den Zustand der Wälder. Schwer krank. Von einem Waldsterben wie in den 1980er Jahren will Strobel nicht mehr sprechen. Es handele sich um einen Wandel, der mit der Klimaerwärmung einhergeht. Das jüngste Opfer ist die Esche, die unter einem eingeschleppten Pilz leidet und tatsächlich massenhaft stirbt. Die nächsten Opfer könnten die Nadelhölzer wie die Fichte sein, die unter den heißen, trockeneren Sommern leiden und in Dauerstress geraten, dem sie eines Tages nicht mehr gewachsen sind.

Für die einen ist die Fichte die Wirtschaftsbaumart schlechthin, sagte Forstdirektor a. D. Helm-Eckart Hink, stellvertretender Vorsitzender der SDW im Kreis: Einfach zu vermarkten, einfach zu pflanzen. Für die anderen ist die Fichte der Inbegriff naturferner „Fichtenacker“. Die Fichte sei ja eigentlich ein „Baum der Taiga“, und mag kühle Lage und viel Niederschlag. Dennoch gehört sie „zu uns“, sagte Hink. Immerhin wächst sie in Baden-Württemberg auf rund einem Drittel der Flächen – und hat eine historische Bedeutung, erinnert Hink an das „hölzerne Zeitalter“, das vom Mittelalter bis in die Neuzeit reichte. Weil Holz damals das Material schlechthin war, vom Brennholz bis zum Schiffsbau, vom Bergbau bis zur Verhüttung von Erz, wurden die Wälder skrupellos abgeholzt. Zurückblieben kahle Landschaften. Ohne die Fichte gäbe es heute überhaupt keinen Wald mehr. Denn mit Eichen oder Buchen ließen sich keine Wälder aufforsten. Insofern war die Aufforstung mittels Fichten eine „große Kulturtat“, meinte Helm-Eckart Hink und Grund genug, sie zum Baum des Jahres 2017 zu küren.

Programm 2017

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Rems-Murr bietet im Jahr 2017 ein reichhaltiges Programm. Angesprochen werden vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch für Familien, Singles, Behinderte und Senioren gibt es Angebote, den Wald kennen- und lieben zu lernen: „Wald entspannt.“

Der Renner im vergangenen Jahr war die Waldfotografie, für die es 2017 sechs Termine geben wird. Weil viele Kinder aus dem Alter für das Wildnis-Camp herausgewachsen sind, bietet die Wildnislehrerin Astrid Szelest im August nun ein „Scout Camp“ für Zwölf- bis 16-Jährige an. „Die Kinder, die mit uns einst im Wald unterwegs waren, schicken heute ihre Kinder“, sagt Astrid Szelest über ihre jahrzehntelange Arbeit in und mit der Natur.

Das ganze Programm der Schutzgemeinschaft gibt es im Internet. Wer nicht bis nächstes Jahr warten kann, kann am  Samstag, 16 bis 19 Uhr, am letzten Event des Jahres teilnehmen, der „Winter-Sonnwende“ auf der Häuptleswiese in Kaisersbach. Eine weihnachtliche Veranstaltung garantiert ohne Hektik und Stress.