Schorndorf

Die Corona-Detektive: Wo sich die Schorndorfer anstecken

Nachverfolgung
Jessica Pulzer und Jule Auracher vom Schorndorfer Kontaktnachverfolgungsteam sprechen täglich mit Infizierten und Kontaktpersonen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wer steckt in Schorndorf wen an? Wo finden die häufigsten Infektionen statt? Wie verlaufen die Erkrankungen? Jessica Pulzer und ihr Team der Kontaktnachverfolgung kennen die Schorndorfer Infektionsketten wie sonst niemand – und behandeln sie natürlich vertraulich. Seit März haben sie mit jedem Corona-Infizierten und jeder Kontaktperson vor Ort telefoniert – oft auch mehrmals, teils über Wochen hinweg. Und tatsächlich: Die meisten haben sich in Vereinen oder im Familien- und Freundeskreis angesteckt, das können sie festhalten. Fitnessstudios, Gaststätten oder das Schwimmbad – all die Orte, die jetzt im Rahmen des Teil-Lockdowns geschlossen sind, sind nicht als besondere Virus-Verteilstationen aufgefallen.

Kein Hinweis darauf, dass Restaurants Hotspots sein könnten

Immerhin: Haben die Mitarbeiterinnen Meldung erhalten, dass eine mit dem Coronavirus infizierte Person in den 48 Stunden vor Symptomausbruch beispielsweise in einem Schorndorfer Restaurant zu Besuch war, haben sie mit Hilfe der dort hinterlegten Daten die entsprechenden Kontaktpersonen angerufen. Nicht ein einziges Mal sei es vorgekommen, dass jemand, der lediglich am Nachbartisch gesessen hatte, anschließend nachweislich selbst erkrankte. Gleichzeitig sei aber aktuell auch festzustellen, dass die Nachverfolgung schwieriger werde. Und das liege nicht an den Kapazitäten des Teams, das inzwischen zu neunt an den Fällen arbeitet, weiß Jessica Pulzer.

Schwierig: Viele Infizierte ohne nachweislichen Corona-Kontakt

Während im Frühjahr meist eindeutige Infektionsketten aufgedeckt werden konnten, häuften sich zuletzt die Meldungen von Infizierten, die sich nicht erklären konnten, wo sie sich angesteckt haben könnten, die sich auch nicht wissentlich in der Nähe von anderen Erkrankten aufgehalten haben und zu keiner Zeit als Kontaktperson identifiziert worden waren. Insofern sei man im Team von den Maßnahmen überzeugt. Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, hilft – das gilt eben auch in der Daimlerstadt.

Aktuell sind am häufigsten Menschen zwischen 18 und 30 Jahren infiziert, dicht gefolgt von den 30- bis 50-Jährigen. Pulzer hat den Eindruck, dass die älteren Personen sich ihre Kontakte betreffend zuletzt schon sehr zurückgehalten hatten – dieser Eindruck ergebe sich auch bei einem Blick in die Liste der erfassten Kontaktpersonen. Aber was in der globalen Statistik gilt, macht auch in Schorndorf keine Ausnahme. Infizierte höheren Alters erkranken schwieriger und länger, ein vergleichsweise höherer Prozentsatz überlebt Covid-19 nicht.

Jule Auracher vom Kontaktnachverfolgungsteam ist bis heute mit einem älteren Herren in Kontakt, der schon vor mehr als zwei Monaten wegen seiner Corona-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Lange stand’s schlimm um ihn, aber er überlebte, konnte entlassen werden, wenn auch noch mit starken Symptomen. Er zog wegen seiner weiterhin positiven Tests ins heimische Schlafzimmer, lebt seither in Quarantäne. Seine Frau bringt das Essen an die Zimmertür, der Abstand muss gehalten werden, nun schon seit Monaten. Die Tests sind bis heute positiv. Eine emotionale Achterbahnfahrt.

Sorgen um infizierte Angehörige

Ein anderes älteres Paar hat bei Jessica Pulzer einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Frau des Hauses war schwer erkrankt, musste ins Krankenhaus, ihr Ehemann, ebenfalls positiv getestet, konnte zu Hause bleiben. Regelmäßig hatte Pulzer Kontakt – dafür war in der Corona-Anfangsphase noch Zeit. So konnte sie verfolgen, wie sich seine Symptome verschlimmerten, dann wieder verbesserten. Sie hörte aber auch zu, wenn er über die Sorgen um seine Frau sprach. „Er war schon ganz verzweifelt, weil seine Frau nicht da war“, erinnert sie sich heute. Irgendwann wurden die Anrufe weniger, hörten auf, die Frau war gesund nach Hause zurückgekehrt. Da war auch Jessica Pulzer erleichtert. Irgendwann würden die betreuten Personen einem einfach ans Herz wachsen.

Als das Team sich im März zusammengefunden hatte, es war nur halb so groß, mussten sich die Kolleginnen zunächst einmal grundsätzlich in die Thematik einarbeiten. Schließlich hatten die Mitarbeiterinnen der Straßenverkehrsbehörde bis dahin keine Ahnung von Mindestabständen, Laborwerten, Quarantäne-Anordnungen und Infektionsketten. Ein gänzlich neues Metier. Schnell aber wuchs die Routine. Inzwischen brauchen sie nur noch selten Beratung vom Gesundheitsamt. Das spart Zeit, kostbare Zeit. Zudem mussten im Frühjahr die Quarantäne-Anordnungen noch individuell aufbereitet werden, bevor sie verschickt werden konnten, inzwischen gilt die Allgemeinverfügung. Diese erreicht die Menschen meist per E-Mail, nur in wenigen Fällen muss der Vollzugsdienst sie persönlich zustellen. Das Team ist schlagkräftiger denn je, allerdings: Auch die Zahlen sind höher denn je.

Jessica Pulzer und die anderen Mitarbeiterinnen der Kontaktnachverfolgung erhalten vom Gesundheitsamt die Daten der Schorndorfer, die an Corona erkrankt sind, als Kontaktperson gelten oder aus einem Risikogebiet zurückgekehrt sind. Dann telefonieren sich neun Kolleginnen aktuell die Ohren heiß. Weil sie es unter der Woche zu ihren normalen Arbeitszeiten nicht schaffen, die Anrufliste abzuarbeiten und weil auch an den Wochenenden immer neue Fälle dazukommen - das Virus hält sich schließlich nicht an gesetzlich festgelegte Arbeitszeiten – telefonieren sie inzwischen auch wochenends.

Die meisten sind verständnisvoll

Die meisten Schorndorfer, die das Team anruft, seien verständnisvoll, berichtet Jule Auracher. Aber natürlich, die anderen gibt’s natürlich auch. Diejenigen, die ihren Kontakt mit dem Infizierten weniger eng einschätzen, diejenigen, die um jeden Tag der einzuhaltenden Quarantäne feilschen wollen. Und dann sind da auch die, die grundsätzlich an der ganzen Thematik zweifelten. Allerdings, klar ist auch: Wer sich der Quarantäne-Anordnung widersetzt, kann rechtlich belangt werden.

Auf der Grundlage des Infektionsschutzgesetzes sind Geldbußen bis hin zu 25 000 Euro möglich. Die Stadt Schorndorf allerdings ahndet einen Verstoß mit nur 650 Euro. Kontrolliert wird die Einhaltung der angeordneten Quarantäne auch regelmäßig. Der Ordnungsdienst unternimmt stichprobenartig Besuche, um herauszufinden, ob die angeordneten Quarantänen auch tatsächlich eingehalten werden. Indes konnten alle Fälle, in denen die entsprechenden Personen nicht angetroffen werden konnten, schnell aufgeklärt werden. Mal waren sie an einem anderen Ort in Quarantäne, beim Arzt gewesen oder sogar ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Wer steckt in Schorndorf wen an? Wo finden die häufigsten Infektionen statt? Wie verlaufen die Erkrankungen? Jessica Pulzer und ihr Team der Kontaktnachverfolgung kennen die Schorndorfer Infektionsketten wie sonst niemand – und behandeln sie natürlich vertraulich. Seit März haben sie mit jedem Corona-Infizierten und jeder Kontaktperson vor Ort telefoniert – oft auch mehrmals, teils über Wochen hinweg. Und tatsächlich: Die meisten haben sich in Vereinen oder im Familien- und Freundeskreis

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