Schorndorf

Die Gründe für den Pflegenotstand, der auch in Schorndorf Familien zu schaffen macht

Pflege
Plötzlich pflegebedürftig – und dann sind selbst Kurzzeitpflegeplätze Mangelware. © ALEXANDRA PALMIZI

Keiner will’s wissen, aber alle geht es was an. Manchmal geht es von einem Tag auf den anderen. Der geliebte Partner hat plötzlich einen Schlaganfall, wird zum Pflegefall, zumindest vorläufig. Ein Kurzzeitpflegeplatz wär’ jetzt ideal. Oder die heimische Betreuung der Mutter ist einfach nicht mehr zu leisten. Dann muss ein Pflegeplatz her, aber schnell. Gibt’s nur ein Problem – alles ist ausgebucht.

„Selten gibt’s länger als eine Woche Leerstände“, weiß Jens Eckstein, Regionalleiter der Zieglerschen, zu denen in Schorndorf Marien- und Karlsstift gehören. Stirbt der Bewohner eines Pflegeheimes, rückt sofort der nächste nach. Gerade so reiche die Zeit, um manches Zimmer zu renovieren, alles für den nächsten Gast herzurichten. Denn: Die Wartelisten sind lang und auch die ambulanten Pflegedienste sind zum Großteil ausgebucht. Auf den geriatrischen Stationen der Krankenhäuser weiß man: Wer nach einem Aufenthalt hier einen Kurzzeitpflegeplatz erwischt – womöglich noch im näheren Umfeld, hat echtes Glück.

Notsituation macht Angehörige bereit, hohe Preise zu zahlen

Mit dieser Not machen so manche privaten Pflegeheime wiederum Gewinn. Haben sie etwa einen freien Platz, ist der betreffende Patient aber aktuell noch im Krankenhaus, reservieren sie den Platz gerne – für 100 Euro am Tag. Macht bei zehn Tagen bis zur Entlassung schlappe 1000 Euro. Mancher Angehörige ist verzweifelt genug, es zu zahlen, selbst wenn der Hausarzt von solchen Reservierungs-Verträgen abrät.

Weshalb gerade Kurzzeitpflegeplätze derartige Mangelware sind? Klare Sache, weiß Jens Eckstein. Für die Heime sind sie alles andere als attraktiv. Sie spülen das gleiche Geld in die Kasse wie ein Langzeitpflegeplatz - der zu leistende Arbeitseinsatz ist aber ungleich höher. Wird ein neuer Heimbewohner aufgenommen, müssen die Pfleger ihn neu kennenlernen, die Medikamentensituation einschätzen und Ähnliches. Zudem müssten solche Patienten häufig intensiver gepflegt werden als andere, sie müssten häufig im Nachgang ihres Klinikaufenthaltes mobilisiert werden, so mancher von ihnen soll schließlich wieder nach der Kurzzeitpflege nach Hause in die eigenen vier Wände. Kaum haben sich Personal und Bewohner aufeinander eingestellt, ist der Aufenthalt aber schon wieder vorbei. Der nächste Patient in Kurzzeitpflege zieht ein - und wieder beginnt eine kurze Phase mit intensiver Pflege. Und so sind’s nur vereinzelte Plätze, die für die Kurzzeitpflege bereitstehen.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich

Besser ist das Leistungs-Einnahme-Verhältnis für die Heime bei Langzeitpflegeplätzen. Aber auch hier gilt: Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich, obwohl es für viele ehemalige Normalverdiener immer schwieriger wird, sich einen solchen Heimplatz leisten zu können. Bei Eigenanteilen von bis zu 3400 Euro kommt für viele ein Heimplatz schlicht nicht infrage. Nach dem Dafürhalten von Eckstein sei es dringend notwendig, das veraltete Finanzierungssystem zu überarbeiten. Vor rund zehn Jahren habe man noch Kommunikationsprogramme ersonnen, um neue Bewohner für die Heime zu finden. Heute sieht das ganz anders aus. „Wir bekommen fünf bis sechs Anfragen pro Tag, ob wir noch einen Platz frei haben“, schätzt Kristina Bachofer-Zeiser, die Einrichtungsleiterin des evangelischen Marienstifts Schorndorf.

Und nicht nur das. Wöchentlich riefen zudem Vertreter von verschiedenen Kommunen an, ob die Zieglerschen nicht expandieren wollten, ein weiteres Heim in der entsprechenden Gemeinde bauen könnten. Da wird gar mit ansprechenden Bauplätzen gelockt. Doch meist müssten sie ablehnen, berichtet Eckstein. Und zwar aus einem ernüchternden Grund: Es fehlt das Personal. Das gelte für die Pflegeheime ebenso wie für die vielen ambulanten Pflegedienste, die ja im Grunde sogar ohne die Investition in ein neues Gebäude expandieren könnten. Aber ohne Personal, das die Patienten erreicht, sind auch ihnen die Hände gebunden. Und das obwohl nur noch eine Fachkraftquote von 50 Prozent verpflichtend ist. So können die examinierten Pflegekräfte von angelernten Kolleginnen und Kollegen unterstützt werden.

Eckstein: Mehr Anerkennung für die Pflege ist dringend nötig

Eckstein hofft, dass die neue Pflegeausbildung einen Schub in die richtige Richtung bringt. Mehr Anerkennung der Leistung könnte helfen, mehr Personal zu finden. Und die sei im Rahmen der Pandemie in jedem Fall gestiegen. Die Bezahlung allerdings müsse eben auch angepasst werden. Außerdem fehlten die Chancen, im Verlauf des Arbeitslebens aufsteigen zu können, mehr zu verdienen. Auch fehle vielen Pflegekräften die Möglichkeit, ihre Freizeit besser planen zu können. Durch die angespannte Personalsituation müssten die einzelnen Pflegekräfte häufiger als in anderen Branchen die Ausfälle von Kollegen auffangen. Dazu komme die körperliche und auch psychische Anstrengung. „Die Mitarbeiter/-innen bauen eine echte Bindung zu ihren Patienten auf, schließlich begleiten sie sie in einer wesentlichen Lebensphase“, erklärt Kristina Bachofer-Zeiser. Trotz allem müsse sie ihre Mitarbeiter loben. „Es ist großartig, mit welchem Engagement sich die Pflegekräfte trotz aller Schwierigkeiten einbringen. Sie sind mit Herz und Verstand dabei.“

Aktuell rekrutieren die Zieglerschen über diverse Programme des Diakonischen Werks künftige Auszubildende aus Bosnien, Vietnam und der Ukraine. Partner vor Ort treffen eine Vorauswahl unter den Bewerberinnen. Die 30 bis 40 Kandidaten haben dann ein Jahr die Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Legen sie ihre Prüfung erfolgreich ab und erhalten das entsprechende Deutsch-Zertifikat, werden sie auf die verschiedenen Einrichtungen des Trägers verteilt. In einem zweiten Projekt rekrutiert man bereits examinierte Pflegekräfte aus Drittstaaten. Sie können schnell als Pflegehilfskräfte einsteigen und nach ihrer Anerkennung als examinierte Kräfte eingesetzt werden.

Info

Die Zieglerschen sind ein diakonisches Unternehmen, das Kliniken, Seniorenzentren, Schulen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Internate, Kindergärten, Therapiezentren, Beratungsstellen an 60 Standorten zwischen Stuttgart und dem Bodensee betreibt.

Keiner will’s wissen, aber alle geht es was an. Manchmal geht es von einem Tag auf den anderen. Der geliebte Partner hat plötzlich einen Schlaganfall, wird zum Pflegefall, zumindest vorläufig. Ein Kurzzeitpflegeplatz wär’ jetzt ideal. Oder die heimische Betreuung der Mutter ist einfach nicht mehr zu leisten. Dann muss ein Pflegeplatz her, aber schnell. Gibt’s nur ein Problem – alles ist ausgebucht.

„Selten gibt’s länger als eine Woche Leerstände“, weiß Jens Eckstein, Regionalleiter

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